Was sie über himmlischen Steinschlag wissen sollten

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Was Menschen früher über Asteroiden dachten und ob sie wirklich eine Gefahr sind, weiß Impaktforscher Christian Köberl. Er hat ein Buch darüber geschrieben.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Gelehrten völlig ratlos, woher die obskuren Fremdkörper kamen, die von Zeit zu Zeit vom Himmel fielen. Gott warf mit Steinen, war noch Mitte des 18. Jahrhunderts gesichertes Wissen. Wann und wie die Menschen erkannten, dass Asteroiden und Meteoriten außerirdische Objekte sind, erzählen der Generaldirektor des Naturhistorischen Museum Wien (NHM) Christian Köberl und der Journalist Alwin Schönberger in ihrem neuen Buch Achtung Steinschlag. Und natürlich auch das, was Köberl bei seiner Expedition in den Bosumtwi-Kratersee in Ghana mit raffinierten Methoden über die Impakte herausgefunden hat.

Natürlich dürfen Anekdoten nicht fehlen, etwa die über den ersten sorgfältig dokumentierten Meteoriten-Fall 1492 im Elsass: So hielten die Bewohner des Dorfes Ensisheim den mysteriösen Stein auf ihrem Weizenfeld für ein Zeichen Gottes, schrieben ihm Heilkräfte zu und brachen Stücke davon ab. Sogar König Maximilian I., der zufällig in der Gegend war, bediente sich, berichtet Köberl. Heute sind noch 56 vom ursprünglich wohl 135 Kilo schweren Meteoriten übrig.

Zeuge des Impakts war möglicherweise auch eine 21-jähriger Maler mit Namen Albrecht Dürer, der sich damals im nahen Basel aufhielt. Jedenfalls malte er einige Jahre später auf die Rückseite seines Gemäldes "Büßender Hieronymus" ein düsteres, fast schon abstrakt anmutendes Werk, das eine knallrote Explosion zeigt.

KURIER: Wann haben die Menschen erkannt, was Asteroiden und Meteoriten sind?

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BILD zu OTS - NHM Wien Generaldirektor Christian Köberl © Bild: NHM / Kurt Kracher

Christian Köberl(oben):Plinius der Ältere schrieb um 70 nach Christus bereits von Steinen, die vom Himmel fallen. Nur konnte man sich lange nicht erklären, wie sie dort raufkommen. Man glaubte, dass das alles – auch Kometen – nur Ausdünstungen der Erdatmosphäre waren. Meteoriten hielt man für Eruptionen weit entfernter Vulkane oder für so was wie Hagelkörner, nur größer.

Wer erkannte die Wahrheit?

Das hat lange gedauert. 1610 hat Galileo die Mondkrater entdeckt. Daraufhin haben Forscher gerätselt, wie diese Krater entstanden sein könnten. Die vorherrschende Meinung war, dass es vulkanische Strukturen wären. Der britische Wissenschaftler Robert Hook machte dann ein Experiment: Er warf Steine in den Schlamm. Und siehe da, die Vertiefungen schauten aus wie die Mondkrater. Er glaubte aber selbst nicht an diese Erklärung: Denn schließlich war man damals fest davon überzeugt, dass der Raum, zwischen den Planeten leer sei. Erst 136 Jahre später wurden die ersten Kleinplaneten entdeckt. Und auf einmal war der Raum zwischen den Planeten nicht mehr leer.

Als es 1803 im Nordwesten von Frankreich einen großen Meteor-Schauer gab, schickte die Akademie der Wissenschaften den jungen Physiker und Astronomen Jean Biot hin. Er sammelte so viele Beobachtungen, dass damit Berechnungen gemacht werden konnten, wie die Bahn der Steine verlaufen ist. Und siehe da: Sie kamen von außerhalb der Erdatmosphäre. Damit war klar, dass Meteoriten außerirdisch waren.

Und Asteroiden?

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis die Verbindung zu Asteroiden hergestellt wurde: Die kommen aus dem Asteroidengürtel (siehe Grafik unten). Geschätzt wird, dass es Millionen davon gibt. Wir kennen heute die Bahnen von 800.000. Je kleiner sie werden, desto schwieriger sind sie zu beobachten. 20.000 kreuzen die Erdbahn. Wenn Asteroiden zusammenstoßen, gibt es viele Brösel und das Kleinzeug sind die Meteoriten.

War der Meteorit, der die Dinos killte, der größte?

Ja, in den vergangenen 100 Millionen Jahren. Vorher gab es noch viel größere. Wir kennen Krater, die 300 km Durchmesser haben. Je weiter wir in der Erdgeschichte zurück gehen, desto größer waren die Objekte, die die Erde getroffen haben, weil einfach noch viel mehr herum geschwirrt ist.

Auch heute fürchtet sich zumindest Hollywood gerne vor dem Impakt.

Die Gefahr ist schwer vorherzuberechnen. Statistisch gesehen wissen wir, wie oft es passiert (siehe Grafik unten). Innerhalb einer Generation passiert relativ selten was.

Die Bahnen werden beobachtet?

Ja, man hat mittlerweile ein ziemlich vollständiges Inventar aller Erdbahn-kreuzenden Kleinplaneten größer als ein halber Kilometer. Die kleineren kennen wir noch nicht so gut. Die können jederzeit kommen.

Können wir uns schützen?

Wenn ich was nur ein paar Stunden oder Tage auf die Erde zurasen sehe, kann ich überhaupt nichts tun. Die einzige Möglichkeit, die untersucht ist, bezieht sich auf Objekte, die in zehn oder 15 Jahren auf die Erde stürzen könnten. Da kann man was machen – theoretisch. Zum Beispiel mit Raketen hinfliegen und dem Objekt einen Schubs geben, indem man dort eine Bombe zündet.

Und das funktioniert?

Das wissen wir nicht, weil es noch keiner ausprobiert hat. Da braucht man viele Jahre Vorlauf, um die Flugbahn des Objekts auf Kollisionskurs zu ändern. Jedenfalls befasst sich ein UNO-Komitee damit.

Warum sind Meteoriten für die Forschung so interessant?

Weil sie Material enthalten, das seit der Entstehung des Sonnensystem nicht mehr aufgeschmolzen wurde. Darum erzählen sie uns etwas über die Frühgeschichte des Sonnensystems. Das ist das älteste Material, das wir auf der Erde zur Verfügung haben. Hier gibt es nichts mehr, was so alt wäre. Das Material der Asteroiden und Meteoriten aber hat sich seit damals nicht mehr verändert und zeigt uns die chemische Zusammensetzung des frühen Sonnennebels aus dem das Sonnensystem entstanden ist. Asteroiden sind 4,5 Milliarden Jahre alt. Sie sind der Schotter, der aus der Frühzeit des Sonnensystems übrig geblieben ist. Und Meteoriten sind die Bruchstücke davon.

Es gibt aber auch eine kleine Gruppe von Meteoriten, die nicht von Asteroiden kommt.

Ja, das wurde erst in den 1980er-Jahren erkannt. Unter Zigtausenden kannte man fünf, die anders waren. Schon 1870 wurde so einer untersucht, mit dem Ergebnis, dass unbekannte Mineralien gefunden wurden. Viel jünger waren sie auch. Heute weiß man, dass sie vom Mars kommen. 1981 hat man dann den ersten Meteorit entdeckt, der vom Mond stammt. Wahrscheinlich wurde auch von der Erde Material zum Mond geschleudert. Vielleicht finden wir irgendwann auf dem Mond ein Stück Erd-Gestein, das vier Milliarden Jahre alt ist und da sind Lebensspuren drinnen. Da wäre was.

Buchtipp

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Bouchcover © Bild: Brandstätter Verlag


Christian, Köberl, Alwin Schönberger: „Achtung Steinschlag!
Asteroiden und Meteoriten: Tödliche Gefahr und Wiege des Lebens“. 22,90 €

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Grafik,istockphoto © Bild: Grafik,istockphoto

Christian Köberl

"Mich hat der Weltraum schon immer fasziniert. Ich bin gerade im richtigen Alter, dass ich die Mondlandung im Fernsehen miterlebt habe. Die ersten Raum- Sonden haben Bilder von Mars und vom Jupiter geschickt. Dann die erste Landung am Mars. Ich war schon als Teenager Sterngucker." So erzählt es Christian Köberl. Der weitere Weg war daher nur konsequent: Astronomie- und Chemiestudium, Universitätsprofessor für Impaktforschung und planetare Geologie an der Universität Wien, seit 2010 auch Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien.

( kurier.at ) Erstellt am 03.01.2018