Wissen und Gesundheit
01.09.2017

Was Experten zu der neuen Krebstherapie sagen

Erste Erfahrungen auch im St. Anna Kinderspital und am AKH WIen. Abwehrzellen des Patienten werden im Labor "aufgerüstet".

Die zwölfjährige Emily Whitehead aus den USA ist so etwas wie das "Gesicht" zu dieser Therapie: 2010 erkrankte sie an Akuter Lymphatischer Leukämie (ALL). Und sie gehörte zu den rund zehn bis 20 Prozent dieser Patienten, bei denen sowohl Chemotherapien als auch die Transplantation von Knochenmark eines Spenders erfolglos blieben.

Vor sechs Jahren erhielt sie als Erste eine damals noch experimentelle Immun-Gentherapie: Eigene Abwehrzellen wurden außerhalb ihres Körpers gentechnisch so verändert, dass sie die Krebszellen besser erkennen und angreifen können.

In den USA wurde dieses Verfahren (CAR-T-Zelltherapie) – Patentinhaber ist die Firma Novartis – jetzt für bis zu 25 Jahre alte Patienten mit ALL zugelassen - der KURIER berichtete. Die US-Arzneimittelbehörde FDA spricht von einem "historischen Moment".

CAR ist die Abkürzung für jene Antenne (Rezeptor), die den Abwehrzellen hinzugefügt wird. Diese Antenne erkennt ein bestimmtes Merkmal, das sich an der Oberfläche von bestimmten Leukämiezellen aber auch von Zellen anderer bösartiger Erkrankungen des blutbildenden Systems (z.B. Lymphomen, Myelomen) befindet.

Patienten in Wien

Das St. Anna Kinderspital und das AKH / MedUni Wien zählen zu den wenigen Zentren weltweit, die im Rahmen von Studien bereits Patienten mit der neuen Therapie behandeln konnten. "Es ist kein Wundermittel. Aber es ist eine zusätzlich neue Möglichkeit neben Chemotherapie und Stammzelltransplantation, um Patienten von ihrer ALL zu befreien", sagt die Hämatologin Univ.-Prof. Christina Peters vom St. Anna Kinderspital.

Der Großteil der Patienten spricht zunächst auf die Therapie an – "nach einem Jahr ist rund die Hälfte der Patienten noch Leukämie-frei", so Peters. "Das ist schon ein Meilenstein und ein großer Schritt nach vorne", betont Hämatologe Univ.-Prof. Ulrich Jäger (AKH /MedUni Wien). Zumal es sich hier um Patienten handelt, bei denen sonst nichts mehr wirkt. Streng genommen sei es auch keine Gentherapie im herkömmlichen Sinn (bei der z.B. ein genetischer Defekt korrigiert wird) sondern "eine zielgerichtete Immuntherapie mit gentechnisch veränderten Zellen". Am Wiener AKH wurden acht Patienten mit aggressiven B–Zell-Lymphomen (Lymphdrüsenkrebs) behandelt – der erste im April vor einem Jahr. "Vier sind bis heute ohne Rückfall."

Harmlos ist die Therapie nicht: Einerseits kann sie schwere akute Nebenwirkungen auslösen – vergleichbar mit einem allergischen Schock. Da es sich um einen Eingriff in das Immunsystem handelt, sind auch Langzeitfolgen nicht auszuschließen: Denn nicht nur an der Oberfläche von Krebszellen gibt es jene Struktur, an die Abwehrzellen andocken können. Auch bestimmte Zellen des Immunsystems haben diese an ihrer Oberfläche – und werden deshalb ebenfalls angegriffen. "Aber es sieht derzeit so aus, dass dies der Körper ausgleichen kann." Und auch die Stammzelltransplantationen können schwere Nebenwirkungen haben. "Vieles wissen wir heute aber noch nicht, da es noch keine Langzeitdaten gibt", sagt Peters.

400.000 Euro Kosten

Erste Studien gibt es auch schon mit anderen Leukämie-Formen und auch mit festen Tumoren wie etwa Darmkrebs. Und: Man könnte diese Therapieform vielleicht mit einer anderen Innovation kombinieren, die in den vergangenen Jahren bereits für Aufsehen gesorgt hat: Mit jenen Präparaten, die jene "Bremsen" beseitigen, mit denen Tumore die Abwehrzellen hemmen und sich vor ihnen quasi unsichtbar machen. "Es gibt schon Studien, in denen versucht wird, beides zu kombinieren." Fazit für Jäger: "Diese Therapie hat das Potenzial für eine Anwendung über Leukämien und Lymphome hinaus."

Ein Antrag für eine Zulassung dieser Therapie in der EU wird für Ende des Jahres erwartet. Sollte die EU diese erteilen, wird es sicher auch eine Kostendiskussion geben. Denn in den USA soll eine Therapie vorerst umgerechnet knapp 400.000 Euro kosten. Jäger: "Die Herstellung der Zellen ist extrem aufwendig." Es dauert acht bis zehn Wochen, bis das Novartis-Labor das individuell erzeugte Präparat fertiggestellt hat. Trotzdem: Eine breite Anwendung wird um diesen Preis wohl nicht möglich sein.