Vom Lebensstil im mittleren Alter hängt die Hirngesundheit ab.

© /goa_novi/iStockphoto

Welttag
09/20/2016

Was das Alzheimer-Risiko fördert

Verhalten in der Lebensmitte entscheidend. Volkshilfe fordert Anerkennung von Demenz als Behinderung.

von Ernst Mauritz, Katrin Solomon

Die 1260 Studienteilnehmer waren zwischen 60 und 77 Jahren alt – und zeigten erste Symptome einer altersbedingten Vergesslichkeit.

Die finnischen Wissenschafter teilten sie in zwei Gruppen: Eine behielt ihren bisherigen Lebensstil weitgehend bei. Die andere erhielt über 24 Monate ein regelmäßiges körperliches Training mit Spaziergängen, übte die Balance, war am Computer mit speziellen Programmen zur Schulung des Gedächtnisses aktiv, ernährte sich ausgewogen (mit hohem Obst- und Gemüseanteil) und ließ regelmäßig das Herz-Kreislauf-System (und damit auch den Blutdruck) überwachen.

Fazit: "Das Ergebnis war eine signifikante Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten", sagt Univ.-Prof. Peter Dal-Bianco, Alzheimer-Experte der Uni-Klinik für Neurologie der MedUni Wien anlässlich des Welt-Alzheimer-Tages am Mittwoch. So war etwa die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich erhöht.

Worauf man achten sollte

Diese Daten decken sich mit neuen Erkenntnissen der MedUni Wien: "Bewegungsträge Menschen haben zum Beispiel ein um 80 Prozent erhöhtes Alzheimer-Risiko im Vergleich zu körperlich aktiven Menschen." Auch Übergewicht im mittleren Lebensalter, unbehandelter Diabetes, Bluthochdruck und Rauchen sind oft unterschätzte Risikofaktoren. Jeder Einzelne kann die Wahrscheinlichkeit einer Demenz deutlich erhöhen (siehe Infografik). Und kann das Auftreten erster Symptome beschleunigen: Denn die ersten degenerativen Gewebsveränderungen im Gehirn entwickeln sich rund 30 Jahre vor den ersten merkbaren Symptomen.

"Das bedeutet aber auch, dass wir ein sehr großes Präventionsfenster haben, das ab dem mittleren Lebensalter genutzt werden sollte." Viele könnten durch Lebensstilmaßnahmen den Ausbruch der Erkrankung so lange hinauszögern, dass diese niemals auftritt.

Mehr Unterstützung

Die Volkshilfe fordert die Anerkennung von Demenz als Behinderung. "Nicht als Stigmatisierung, sondern zur Unterstützung", betonte Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger. Ab einem bestimmten Schweregrad sollte es für die Betroffenen einen Behindertenausweis sowie spezielle finanzielle Vergünstigungen geben. Gefordert wird auch der Aufbau eines flächendeckenden Informations- und Schulungsangebotes für Betroffene und Angehörige.

Erst Ende August sorgten erste Ergebnisse mit einem neuen Antikörper für Aufsehen: Er kann die schädlichen Beta-Amyloid-Ablagerungen reduzieren. Und der geistige Abbau konnte bei den Studienteilnehmern zumindest vorübergehend verlangsamt werden. Noch ist allerdings nicht klar, wie groß und dauerhaft diese Auswirkungen auf den Patientenalltag sind.

Zu wenig Geld für Forschung

Die Alzheimer-Gesellschaft und die Gesellschaft für Neurologie fordern mehr Geld für die Forschung: "Rechnet man die Fördersumme des Fonds für wissenschaftliche Forschung hoch, so wird in Österreich jährlich weniger als ein Euro pro Demenzpatient an Forschungsgeldern investiert", so Dal-Bianco. "Die US-Regierung investiert bei rund fünf Millionen Betroffenen mehr als eine Milliarde US-Dollar jährlich in die Alzheimerforschung. Wissenschaft kostet Geld, aber die Machtlosigkeit gegen diese Erkrankungen kommt uns noch viel teurer."