Das Gehirn ist das komplexeste Organ des Menschen.

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Wissen und Gesundheit
10/16/2015

Warum Sie mehr auf Ihr Gehirn achten sollten

Neurologe: Mehr Vorsorge für das sensibelste Organ ist notwendig.

Die linke Hand hing schlaff herab, war gelähmt, doch Sabine K. zögerte, in ein Spital zu fahren: Es war Freitagnachmittag, "wer weiß, wie da die personelle Besetzung ist", dachte sie, "vielleicht wird es ja bald besser". Wurde es nicht, und erst am Samstag, 24 Stunden später, suchte sie den Neurologen Univ.-Doz. Udo Zifko auf, der sie sofort stationär aufnahm. "Zum Glück war es kein Schlaganfall, sondern eine Handnervenlähmung – aber auch da wäre es besser gewesen, sie wäre früher gekommen", sagt Zifko, Leiter des Zentrums für Neurologie im Rudolfinerhaus und ärztlicher Leiter des Zentrums "Gesundes Gehirn". Er hat jetzt zu dem Thema auch ein neues Buch verfasst (siehe Textende).

"Sehr verletzlich"

"Das Gehirn ist das komplexeste Organ des Menschen und deshalb auch sehr verletzlich – aber vielen Menschen fehlt das Bewusstsein für mögliche Symptome von Hirnerkrankungen und auch dafür, dass gerade auch für das Gehirn Vorsorge wichtig ist." Während die Notwendigkeit für Vorsorge und Früherkennung etwa bei Brust- oder Darmkrebs bereits Allgemeinwissen sei, sei dies beim Gehirn noch nicht der Fall.

Zifko schildert ein anderes dramatisches Schicksal: Ein 57-jähriger Mann schlittert in ein Burn-out, wird immer depressiver, ängstlicher. Wegen des Leistungseinbruches wird er in Frühpension geschickt. "Durch Zufall hat eine Verwandte einen Vortrag von mir gehört und ist mit dem Mann zu mir gekommen." Zifko veranlasst eine bildgebende Untersuchung des Gehirns (MRT): "Dabei stellten wir einen faustgroßen, vom Riechnerv ausgehenden Tumor fest. Er war Ursache für die Wesensveränderung und die depressiven Symptome." Das zum Glück gutartige Gewächs konnte erfolgreich entfernt werden: "Alle Wesensveränderungen verschwanden wieder."

Umfassende Diagnose

Eine umfassende Diagnose sei aber auch beim ersten Auftreten von Gedächtnisproblemen wichtig. "10 bis 15 Prozent der sogenannten Demenzen sind behandelbar. Ursache können Schilddrüsenerkrankungen, Depressionen, Mangel an B-Vitaminen – vor allem B1 und B12– und Folsäure, Fehlernährung oder auch Flüssigkeitsmangel sein." Unterschätzt werde auch die Auswirkung von Stress und psychischem Druck auf die Gehirnfunktion: "Das Gehirn funktioniert nur so gut, wie das seelische Befinden ist."

Zifko rät bei ersten Auffälligkeiten zu einer neurologischen Untersuchung, einem umfassenden Laborbefund und je nach diagnostischem Verdacht auch zu einem EEG (Messung der Hirnströme) und einer MRT.

Nicht nur Schicksal

Während bestimmte Hirnerkrankungen weitgehend schicksalhaft seien (etwa Multiple Sklerose oder Migräne), könne bei anderen (Schlaganfall, Alzheimer) durch den Lebensstil zumindest ein Teil der Fälle verhindert, oder das Auftreten verzögert werden, betont der Neurologe. Durch Ernährung zum Beispiel: "Untersuchungen in Pflegeheimen haben gezeigt, dass bei dementen Bewohnern die Folsäurewerte im Schnitt um das Vierfache niedriger waren wie bei gesunden. "

Thema Nahrungsergänzung

Oft werde er auch gefragt, wie er das Thema Nahrungsergänzungsmittel sehe. "Ich habe in Kanada einmal einen Mann im Supermarkt beobachtet, der mit einem großen Burger in der Hand drei oder vier Dosen Vitaminpräparate kaufte. Das ist sinnlos." In bestimmten Situationen – etwa bei reduzierter Nahrungsaufnahme im Alter, nach Operationen, bei starkem Stress oder leichter Alltagsvergesslichkeit – könne aber zumindest vorübergehend die Einnahme bestimmter Präparate sinnvoll sein: "Etwa von Omega-3-Fettsäuren, Folsäure, B-Vitaminen, Antioxidantien."

Zur Einnahme ohne Beratung eines Arztes oder Apothekers rate er aber nicht: "Wir hatten erst unlängst einen stationären Patienten, dem ständig übel war. Dann hat die zuständige Krankenschwester berichtet, dass sein Nachtkästchen voll mit mehr als zehn verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln war. Zwei Tage, nachdem er sie alle abgesetzt hatte, ging es ihm erstmals wieder wirklich gut."

Erst vor kurzem hat auch ein deutscher Alzheimer-Forscher Tipps gegeben, wie man sein Gehirn fit hält: Demnach machen 35 Prozent des persönlichen Risikos sieben Faktoren aus.

Mehr Informationen: www.gesundesgehirn.at

Buchtipp: Udo Zifko:„Gesundes Gehirn – Erhalten und fördern“, Verlag Aducation, 132 Seiten, 14,90 Euro