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06.08.2016

Warum es immer junge Männer sind, die morden

Der Männlichkeitsforscher Paul Scheibelhofer über junge Männer, die morden, weil sie enttäuscht und gekränkt wurden, und die gesellschaftlichen Strukturen, die dahinter stehen.

12. Juni: Omar M., 29 Jahre alt, schießt in einem Nachtclub in Orlando, Florida um sich und tötet 49 Menschen.

14. Juli: Mohammad L., 31 Jahre alt, fährt am französischen Nationalfeiertag in Nizza mit einem LKW in eine Menschenmenge und tötet 84 Menschen.

22. Juli: David S., 18 Jahre alt, tötet am und in Münchner Einkaufszentrum OEZ mit einer illegal gekauften Glock neun Menschen.

Drei Länder, drei Taten, drei Motive. Und doch ist eines gleich: Es waren junge Männer, die so viel Hass aufgestaut hatten, dass sie zu Waffen griffen, Unschuldige töteten und unzähligen Menschen unvorstellbares Leid zufügten. Paul Scheibelhofer ist Sozialwissenschaftler und Geschlechterforscher. Sein Schwerpunkt ist Kritische Männerforschung und er geht der Frage nach, was Gewalt mit Männlichkeit zu tun hat.

KURIER: Es sind von den "mass shootings" in den USA über den Anschlag in Nizza oder den Amoklauf von München ganz unterschiedliche Taten, die da verübt werden. Ist das dahinterliegende Muster dasselbe? Kann man diese Taten vergleichen?

Scheibelhofer: Neben unterschiedlichen ideologischen Einbettungen der Taten, müsste für ein tiefergehendes Verständnis freilich jeder Täter einzeln betrachtet werden, um die Faktoren herauszuarbeiten, die sie dazu gebracht haben können, die Taten zu begehen. Da gibt es unterschiedliche Biographien, Lebensbedingungen und oft starke psychische Probleme bei den Tätern. Was aber bei den Taten augenscheinlich ist – und trotzdem oft nur am Rand besprochen wird – ist die Tatsache, dass diese Art von Gewalt praktisch ausschließlich von Männern verübt wird. Und sieht man sich die Geschichten der Täter an, findet man meist irgendeine Form von als massiv erlebter Verletzung oder Kränkung. Das kann beispielsweise eine jahrelange Kränkung durch Mobbing in der Schule sein, wo Täter dann Mitschüler und Lehrerinnen ermorden.

Warum betrifft das hauptsächlich Burschen und junge Männer?

Das hat wohl auch damit zu tun, dass Männer unter herrschenden Bedingungen vermittelt bekommen, dass sie Anspruch haben. Auf Macht. Auf Frauen. Auf Erfolg. Auf Kontrolle. Viele Männer profitieren tagtäglich von diesen Versprechen und beziehen daraus auch Handlungssicherheit als Mann. Wenn es im realen Leben aber nicht gelingt, diese Ansprüche einzulösen, kann dadurch ebendiese Sicherheit infrage gestellt werden. Bei vielen der Attentate scheint dann auch das Motiv der Rache eine wichtige Rolle zu spielen. Man zahlt es jenen Personen oder Gruppen heim, die man als Ursache für die erfahrene Kränkung, die Verunsicherung oder den Kontrollverlust ausmacht.

Es betrifft also junge Männer, die mit Enttäuschung und Kränkung nicht umgehen können?

Und mit einem Gefühl von Schwäche und Hilflosigkeit. Diese Täter versuchen durch ihre Tat, wie auch immer sie diese begründen, Handlungsmacht zurückzugewinnen. Sie schaffen es auch – und wenn es vielleicht das Letzte ist, das sie tun –, aus einer gefühlten Ohnmacht herauszukommen und noch einmal so zu sein, wie man sein soll als Mann. Der Attentäter hat für einen kurzen Moment absolute Kontrolle, erhält Aufmerksamkeit und zeigt, dass er derjenige ist, der hier das Sagen hat.

Das heißt umgekehrt auch, Frauen sind aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen einfach besser darin, mit Enttäuschungen umzugehen – weil sie es gewohnt sind.

Das mag ein Aspekt sein. Ein anderer ist: Wenn man die Sozialisation betrachtet, werden Mädchen noch immer von früh an darauf trainiert, Gefühle wahrzunehmen, vor allem die Gefühle der anderen. Das Mädchen soll etwa herausfinden: Warum weint die Puppe? Ist sie müde? Hat sie Hunger? Auch die Frage: Was kann ich tun, damit es jemandem besser geht? Bei Buben werden andere Aspekte trainiert: Hinausgehen, Entdecken, Reparieren, Zerstören und Erfolge feiern. Insofern ist die Frage vielleicht: Wie gehe ich mit Spannung und emotional komplexen Situationen um? Kann ich es verarbeiten oder wandle ich es in Aggression um?

Mobbing ist ja unter Frauen genauso verbreitet – ist also nur der Umgang damit ein anderer?

Ja, ich würde nicht sagen, dass Mädchen oder Frauen von Natur aus friedfertiger sind. Es hängt aber damit zusammen, welche gesellschaftliche Position jemand hat. Und mit der gesellschaftlich machtvollen Position der Männer kommt eben eine größere Macht zu verletzen – es kommen aber auch gewisse Kosten. Typisch für Mobbing unter Buben ist etwa, dass durch physische Gewalt oder durch Beschimpfungen wie "du Schwuler", Schwächling, oder Streber die Männlichkeit des Gegenübers abgesprochen wird, wenn sich dieser nicht gemäß der erwarteten Normen verhält. Jungs lernen schon früh, Hierarchien unter Männern zu erkennen und viele versuchen dann, sich in diese Ordnung einzufügen, um nicht in die Position des Losers abzurutschen.

Über den Amokläufer von München haben ehemalige Mitschüler gesagt: Der ist sogar von den Mädchen gehänselt worden.

Es ist natürlich klar, dass zwischen Schulhofmobbing und einer solchen Tat kein direkter Zusammenhang besteht – gemobbt werden sehr viele. Trotzdem würde ich sagen, wenn die Frage aufkommt, was können wir tun, um präventiv gegen Männergewalt zu arbeiten: Ein Aspekt von vielen ist bestimmt, daran zu arbeiten, diese hierarchischen Strukturen aufzulösen, die auch heute noch in vielen Schulklassen herrschen. Diese sind oft ein Raum, wo Konkurrenzdruck florieren kann und starre Männlichkeitsmuster eingeübt werden – und das ist weder für Buben noch für Mädchen gut.

Begünstigen also gesellschaftliche Strukturen letzten Endes auch tatsächliche Gewalt?

Ja, neben der Frage, was Gewalttäter von anderen unterscheidet, sollte auch gefragt werden: Wie ist Gewalt und Männlichkeit im ganz normalen gesellschaftlichen Leben miteinander verbunden? Es gibt da eine Vielzahl von Verbindungen, sowohl auf persönlicher wie auch auf institutioneller Ebene. Es ist ja nicht nur die deviante Gewalt männlich, es ist auch die rechtlich legitimierte Gewalt männlich: Das Heer, die Polizei, das Gefängnis. Das sind alles Männerinstitutionen, auch wenn dort jetzt vermehrt Frauen eintreten. Die Logik dieser Institutionen ist noch immer männlich. Was wir sehen ist: Männer werden unter herrschenden Bedingungen auch genutzt, um Gewalt auszuüben, etwa zur Verteidigung von Nationen, Eigentum, oder staatliche Ordnung. Auch diese Institutionalisierung männlicher Gewalt spielt eine Rolle für Erwartungen an „richtige Männlichkeit“ und hat Auswirkungen darauf, wie man als Mann aufwächst, sich in der Gesellschaft bewegt.

Die strukturelle Gewalt ist eine Seite, aber das andere Extrem sind eben diese jungen Männer, die so verzweifelt sind, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen für eine Ideologie oder ihre Rachegelüste – und die Frage ist schon, wie man sich so sehr aus dieser Gesellschaft ausklinken kann, dass man als junger Mensch sagt, das hat für mich keinen Sinn mehr, und ich nehme noch möglichst viele Menschen mit in den Tod.

Das wirklich nachvollziehbar zu machen, es wirklich zu verstehen, ist glaube ich kaum möglich. In der Biographie von all diesen Tätern gibt es irgendwo Knackpunkte, die dazu führen, dass eine Offenheit für radikale Gewalt entsteht. Fragt man etwa, wer die jungen Männer in Europa sind, die auf IS-Propaganda reinfallen, finden wir unterschiedlichste Typen. Von jungen muslimischen Männern, die in Armut aufgewachsen sind, bis hin zu katholisch erzogenen Mittelschicht-Jungs. Vereint sind sie jedoch in der intensiven Wahrnehmung von Entfremdung oder Kränkung.

Was macht das Angebot dieser Ideologien so attraktiv?

IS-Propaganda bietet oftmals gerade für diese Entfremdungserfahrungen einen Interpretationsrahmen und eine Sprache an. Persönliche Opfererfahrungen werden über schematische Welterklärungen in größere Zusammenhänge gesetzt. Es werden zwar auch Mädchen angesprochen, aber besonders attraktiv ist das Angebot für junge Männer: nicht nur fühlen sie sich in ihren Opfererfahrungen oder ihren inneren Widersprüchen wahrgenommen und anerkannt, sondern sie erhalten auch Welterklärungen darüber, wer für dieses Leid verantwortlich ist. Und schließlich werden sie als jene angesprochen, die als Männer im Kampf an der Überwindung des Leides mitwirken können.

In den vergangenen Wochen ist der Begriff der Blitzradikalisierung durch die Medien gegangen. Was halten Sie von der Idee, dass eine Radikalisierung ganz schnell gehen kann?

Was in der Literatur als Radikalisierung verstanden wird, ist grundsätzlich ein länger dauernder Prozess. Er führt von einem Zustand der Instabilität hin zu einem geschlossenen Weltbild bis hin zur Bereitschaft der Gewaltanwendung. Folgt man den Berichten über die jüngsten Anschläge, bei denen die Täter Bezüge zum IS hergestellt haben, scheint dieser Prozess nicht so stattgefunden zu haben. Statt einfach von einer „Blitzradikalisierung“ auszugehen, kann es eher zutreffen, dass hier die Grenzen von männlichem Amok und politisch motiviertem Terror verschwimmen und die IS-Ideologie vor allem dazu dient, die eigene Tat zu legitimieren.

Auch als eine Art Rechtfertigung für sich selbst, warum man das tut?

Ja, und eben auch als ein Skript dafür, wie man den Wunsch nach einer gewaltsamen Auflösung innerer Widersprüche einbetten kann in eine große Erzählung.

Wenn man München, wo der Amokläufer ganz bestimmte Ziele hatte, mit Nizza vergleicht, wo der Täter wahllos in eine Menschenmenge gefahren ist, dann ist letzteres noch weniger nachvollziehbar. Also, dass jemand alle anderen Menschen per se für böse hält.

Wir können davon ausgehen, dass es bei diesen Taten eine Rolle spielt, welche Personen der Täter als Ursache für das wahrgenommene Leid ausmacht. Diese Personen, oder Vertreter dieser Gruppe, werden ausgewählt und attackiert.

Bei München waren die Opfer migrantische Jugendliche und Erwachsene. Hier ist relativ klar, dass es auch ein rassistisches Motiv gab. Das Attentat in Nizza hingegen fand an einem Nationalfeiertag und einem Ort statt, an dem sich die Gesellschaft selbst feiert. Das kann aus taktischen Überlegungen geschehen sein, damit die Tat ein Maximum an Angst auslöst. Es kann aber wohl auch hier ein Moment der Rache eine Rolle gespielt haben. An Mitgliedern "der Gesellschaft", die als Ursache für eigenes Leid gesehen wurde.

Die Symbolkraft solcher Attentate wird automatisch mitgetragen, wenn darüber berichtet wird. Wie sollte die Berichterstattung über solche Ereignisse aussehen?

Die Gefahr ist groß, dass die Gewalt und die Emotionen, die dabei transportiert werden, einen stärkeren Sog auswirken als die Differenziertheit der Berichterstattung. Die Berichterstattung sollte sich nicht rein auf den Moment der Zerstörung konzentrieren, sondern versuchen, verständlich zu machen, wie es zu solchen Taten kommen kann. Und schlussendlich sollte jede Beschäftigung mit Gewalt Antworten auf die Frage geben, was wir tun können, dass es zukünftig weniger davon gibt.

Paul Scheibelhofer ist Sozialwissenschaftler und Geschlechterforscher. Er lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck und ist in der Sexualpädagogik tätig.