Abtreibung war bis in die 1970er-Jahre illegal.

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Frauenrechte
10/07/2016

Warum Abtreibung in Europa wieder Thema ist

Frauen müssen wieder um ihr Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch kämpfen.

Viele polnische Frauen sind erleichtert: Der Plan der Regierungspartei PiS, das ohnehin schon strenge Abtreibungsgesetz weiter zu verschärfen, ging nicht auf. Das geplante Gesetz wurde gestern vom Parlament abgelehnt. Zuvor hatten Tausende Polen dagegen demonstriert, dass nur noch bei gesundheitlicher Gefährdung der Mutter ein Abbruch möglich ist.

Nichts Neues

Für Johanna Marquardt, Soziologin der österreichischen Gesellschaft für Familienplanung, sind solche Vorstöße nichts Neues: "In Spanien hatten die Konservativen geplant, die Fristenregelung wieder abzuschaffen. Nach massiven Protesten blieb von dem Vorhaben aber nicht mehr viel übrig. Durch die neue Gesetzeslage brauchen Minderjährige nun die Zustimmung ihrer Eltern."

Dass Menschen in vielen Ländern nach den Erfolgen der Frauenbewegung noch einmal für das Recht auf Abtreibung auf die Straße gehen müssten, war lange undenkbar. "Für junge Frauen war es ein selbstverständliches Recht, mit dem sie aufgewachsen sind", sagt Marquardt.

Kampagnen

"Gegner des Schwangerschaftsabbruchs haben in den vergangenen Jahren hingegen besser kampagnisiert und in den sozialen Netzwerken mobilisiert." Was Marquardt auffällt: "Auf internationaler Ebene sind es meist diejenigen, die sich gegen den freien Zugang zu Verhütungsmitteln oder bessere Aufklärung aussprechen." Oft seien es Vertreter aus patriarchalen und hierarchischen Systemen, die "Frauenrechte nicht gerade sehr unterstützen". Das habe sich z. B. in Polen gezeigt, wo in einer TV-Diskussion sieben Männer über Abtreibung philosophiert haben – ohne dass eine Frau anwesend war.

Wissen über Sex

Dabei wäre Aufklärung der Weg, um Abtreibungen zu verhindern. Gynäkologe Christian Fiala sieht einen massiven Nachholbedarf bei der Vorsorge: "Bessere Sexualaufklärung in der Schule, Kostenübernahme für Verhütungsmittel, vor allem für Frauen mit geringem Einkommen und für Jugendliche, sowie eine flächendeckende Versorgung mit medizinischen Abbrüchen." Fiala hält die Situation in Österreich für "völlig absurd: Wir sind das einzige Land in Westeuropa, das Abtreibung erlaubt, aber nicht bezahlt." Außerdem gebe es in einigen Bundesländern keinen Arzt, der Abbrüche macht.

Verhütungsreport

Die Folge wäre ein "Abtreibungstourismus" nach Wien. Insgesamt 35.000 Abtreibungen werden pro Jahr in Österreich vorgenommen, schätzt der "Verhütungsreport" auf Basis einer Umfrage – international ist das ein hoher Wert. Eine genaue Statistik, wie viele Abbrüche es gibt, existiert im Gegensatz zu anderen Ländern in Österreich nicht. Der Verein "Aktion Leben" will das ändern, wie Pressesprecherin Helene Göschka sagt. "Wir haben jetzt die Bürgerinitiative ,Fakten helfen‘ gestartet."

Göschka stellt allerdings klar: "Wir sprechen uns nicht für eine Verschärfung des Strafrechts aus. Das würde nur dazu führen, dass Frauen unter unwürdigen und medizinisch gefährlichen Bedingungen abtreiben." Mit dem Status quo ist sie nicht zufrieden und fordert "eine Gesetzeslage, die versucht, Frauen und Kindern gerecht zu werden. Abtreibung ist keine Bagatelle, weshalb es ausreichend Hilfe und Beratung für Betroffene geben muss. Doch das ist schwieriger, als an legale Abtreibungsmöglichkeiten zu kommen."

Mangelnde Hilfe

Warum Frauen sich zum Abbruch entscheiden, sei untersucht, sagt Soziologin Marquardt: "Meist ist es die unzureichende Unterstützung durch den Partner." Welche Frauen abtreiben, hat Fiala in der Klinik Gynmed dokumentiert: "Die Hälfte hatte bereits ein Kind oder mehrere Kinder, die Mehrheit ist zwischen 20 und 35 Jahren. Ein Drittel hat mit Kondom verhütet, ein Drittel gar nicht, ein Drittel mit unterschiedlichen Methoden."

Was es in der Praxis bedeuten würde, Frauen in die Illegalität zu treiben, wissen die Älteren unter ihnen zu gut. Zeitungsartikel mit Titeln wie "Mädchen starb am Küchentisch" waren bis in die 70er-Jahre traurige Realität. Gynäkologe Fiala hat in Ländern gearbeitet, wo der Abbruch illegal ist. Seine Conclusio: "Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der Frauen nach einem illegalen Eingriff elendiglich sterben."

In Europa ist man noch nicht überall so weit wie in Österreich: In San Marino, Andorra und Malta ist Abtreibung komplett verboten und in Irland nur bei Lebensgefahr erlaubt. Monaco, Liechtenstein und Polen sind sehr restriktiv bei ihren medizinischen Ausnahmen. In den anderen Ländern können Frauen – mit oder ohne Beratung – selbst entscheiden, ob sie sich in einer Notlage befinden, wegen der sie die Schwangerschaft beenden lassen wollen.

Pille per Drohne liefern

Die Nöte von Frauen machen vor Ländergrenzen nicht Halt, dachte sich die niederländische Ärztin Rebecca Gomperts und griff mit ihrer Organisation „Women on Waves“ zu unkonventionellen Methoden.

Von Deutschland aus schickte die Aktivistin eine Drohne mit Abtreibungspillen nach Polen. Die Organisation bekomme jedes Monat 10.000 eMails von Frauen, erzählte sie der deutschen Zeit: „Ich wurde trotz Antibabypille schwanger. Aber ich möchte jetzt einfach noch kein Kind“, schrieb eine junge Frau aus Irland. „Wenn irgendjemand herausfindet, dass ich schwanger bin, werden sie mich totschlagen“, hieß es in einem verzweifelten eMail aus Katar.

Ihr ursprüngliches Konzept gab der Organisation den Namen: In Marokko, Spanien, Polen und Irland etwa ließ sie ungewollt schwangere Frauen an Bord eines Schiffes kommen, um auf hoher See außerhalb der Landesgrenze legal Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Dabei wurde sie von der Polizei gejagt.

1768 führte Kaiserin Maria Theresia das gesetzliche Abtreibungsverbot ein und setzte als Strafe die Hinrichtung durch das Schwert fest. Ziel des Verbots war, möglichst viele Kinder für das Militär zu gewinnen. So ging es während des Ersten und besonders des Zweiten Weltkriegs weiter.

Abtreibungen wurden illegal von Ärzten und von „Engelmacherinnen“ durchgeführt. Die letzte Frau, Maria G., wurde in Wien im Jänner 1945 für das Durchführen einer Abtreibung exekutiert.

Fristenlösung

Noch immer steht der Abtreibungsparagraf 144 im Strafgesetzbuch. Seit 1975 gilt die „Fristenregelung“. Dabei bleiben Frauen straffrei, wenn der Eingriff in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten von einem Arzt durchgeführt wird. Eine Frau, die alleine eine Abtreibungspille nimmt, riskiert eine Haftstrafe von einem Jahr.