Wissen und Gesundheit
19.10.2017

"Amsel-Virus" in Blutspenden

Nach 12 Jahren breitet sich der Erreger des Amselsterbens wieder aus – und infiziert auch Menschen.

Zwölf Jahre lang dauerte die Pause. Von 2001 bis 2005 sorgte das Usutu-Virus für ein Amselsterben in Österreich. "Dann konnten wir bis 2016 das Virus nicht nachweisen", sagt der Virologe Norbert Nowotny von der Vetmeduni Wien. "Umso überraschter waren wir, als wir im Vorjahr zwei tote, infizierte Amseln gefunden haben und heuer bereits 16. Einige weitere Vögel untersuchen wir gerade. Wir müssen aber von einer sehr hohen Dunkelziffer an infizierten, aber nicht untersuchten Vögeln ausgehen." Auch aus Ungarn und Deutschland berichten Virologen, dass der Erreger wieder sehr aktiv ist – der Deutschen Naturschutzbund (NABU) weiß von zumindest 650 verendeten Tieren.

Usutu ist also zurück – aber nicht nur bei Amseln, sondern auch beim Menschen: In sechs Blutspenden aus Ostösterreich wurde das Usutu-Virus nachgewiesen, zeigt jetzt eine Studie von Spezialisten der Vetmeduni Wien, die von Nowotny geleitet wurde. "Dies deutet darauf hin, dass Infektionen beim Menschen offenbar häufiger sind als bisher angenommen. " Die Infektion von Vögeln und Menschen erfolgt durch den Stich von mit Virus infizierten Stechmücken. Die Studie ist im FachmagazinEurosurveillanceerschienen.
Das Rote Kreuz(die Blutspendezentrale für Wien, NÖ und das Burgenland)lässt seit 2014 von Anfang Juni bis Ende November alle Blutspenden auf das mit Usutu eng verwandte West-Nil-Virus untersuchen – jedes Jahr gibt es hier einige Infektionen. Sieben Mal schlug der Test heuer im Sommer an. Virologen der MedUni Wien und der Vetmeduni führten anschließend detaillierte Untersuchungen an den in diesen Blutproben gefundenen Viren durch. "Dabei stellte sich heraus, dass sechs Blutspenden nicht mit dem West-Nil-Virus, sondern mit dem verwandten Usutu-Virus infiziert waren."

Eine Gefahr für Empfänger von Blutspenden besteht in Österreich nicht, betont Medizinerin Ursula Kreil, Leiterin der Blutabnahme beim Roten Kreuz in Wien: "Der Test für das West-Nil-Virus reagiert auch auf Usutu – und umgekehrt."

Beide Viren gehören zur selben Virusfamilie (Flaviviren). Normalerweise verläuft eine Infektion mit dem Usutu-Virus ohne Symptome – weshalb auch niemand dadurch vom Blutspenden abgehalten wird. Nur gelegentlich können Fieber und Hautausschlag auftreten. Allerdings: Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem (z. B. nach einer Organ- oder Knochenmarkstransplantation) sind auch schwerere Verläufe möglich. 2009 wurden in Italien zwei schwere neurologische Erkrankungen auf das Virus zurückgeführt – diese Patienten dürften sich über Gelsen infiziert haben.

Nicht überall getestet

Für solche Personen könnten Blutkonserven von einem mit dem Usutu-Virus Infizierten also ein theoretisches Risiko darstellen, sagt Kreil. Virologe Nowotny: "Für sie besteht die Gefahr, dass sie schwer erkranken." Allerdings ist eine Infektionsübertragung über eine Blutkonserve bisher nicht publiziert worden, betont Kreil.

Aber in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und Frankreich werden Blutspenden nicht routinemäßig auf West-Nil-Virus untersucht – weil diese Infektion dort noch nicht aufgetreten ist. "Dort könnte also eine Usutu-Virus-Infektion des Blutes übersehen werden."

Keine Prognose möglich

Ob sich im kommenden Jahr das Vogelsterben weiter ausbreitet, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, betont Nowotny. Wer eine tote Amsel z. B. im Garten findet, kann sie auf die Pathologie der Vetmeduni bringen – sie wird dort untersucht. "Angst, sich über einen Kadaver anzustecken, muss man nicht haben."

Übrigens: West-Nil- und Usutu-Virus benötigen keine exotischen Gelsenarten als Überträger. Nowotny: "Im Gegensatz zu manchen anderen Viren reicht ihnen unsere Gemeine Stechmücke – Culex pipiens – völlig aus."