© eyetronic/Fotolia

Ernährung
01/31/2017

Ist Frühstücken das neue Rauchen?

Ein Biochemiker vergleicht die erste Mahlzeit des Tages mit Zigaretten. Experten widersprechen.

von Ingrid Teufl

Frühstücken ist so gefährlich wie rauchen und werde daher in zehn Jahren ebenso sozial geächtet sein. Das ist die Kernaussage des Biochemikers Terence Kealey, dessen soeben in Großbritannien erschienenes Buch "Breakfast is a dangerous Meal" mit seinen provokanten Thesen für Aufsehen sorgt.

"Der Vergleich mit dem Rauchen ist in keiner Weise nachzuvollziehen", sagt dazu die Stoffwechsel- und Diabetes-Expertin sowie "Wissenschaftlerin des Jahres 2017" Univ.-Prof. Alexandra Kautzky-Willer von der MedUni Wien. In dieser plakativen Aussage werden Dinge vermischt, die nicht zusammengehören. "Rauchen ist definitiv abzulehnen. Wir wissen, dass sich dadurch die Menge an Bauchfett erhöht und sich das Risiko für Diabetes verdoppelt. Das Frühstück ist hingegen eine individuelle Sache."

Autor erhielt Diabetes-Diagnose

Kealeys Meinung liegt seine Diabetes-Typ-II-Diagnose vor sieben Jahren zugrunde. Der heute 64-Jährige stellte daraufhin fest, dass sein Blutzuckerspiegel nach morgendlicher Nahrungsaufnahme stark ansteigt. Wenn er das Frühstück wegließ, blieben seine Blutzuckerwerte hingegen den ganzen Tag über niedrig. So habe er seinen Diabetes "effektiv kuriert", sagte er der britischen Zeitung The Times. Daraus folgert er: Um Insulinresistenzen durch einen zu hohen Blutzuckerspiegel zu vermeiden, sollten die meisten von uns nicht frühstücken. Er führt im Buch viele Belege für die Gefahren des Frühstücks an. Dass so viele Studien zum Thema Frühstück existieren, ist durch die Vielzahl an Beobachtungssstudien möglich, die gerade in der Ernährungswissenschaft die Gewohnheiten großer Personengruppen über längere Zeit hinweg verfolgen.

"Thesen Einzelner sind mit Vorsicht zu genießen"

Ernährungswissenschaftlerin Marlies Gruber, Leiterin des forum.ernährung heute, sieht Kealey eher skeptisch. "Da erzählt jemand eine Geschichte mit der Fallzahl 1 – nämlich er selbst. Das mag populär sein, ist aber immer gefährlich. Solche Thesen Einzelner sind mit Vorsicht zu betrachten."

Ernährungsexperten sehen die erste Mahlzeit des Tages als eine gute Grundlage, um den Blutzuckerspiegel im Gesamten niedrig zu halten. Viele wissenschaftliche Studien kamen außerdem zu dem Schluss, dass mit einem Frühstück die Gefahr für Übergewicht und Erkrankungen wie Diabetes oder koronare Herzkrankheiten reduziert werde. Eine Meta-Analyse mehrerer Studien mit insgesamt 100.000 Teilnehmern mit unterschiedlichen Nationalitäten zeigte etwa, dass die Nicht-Frühstücker ein um 20 Prozent höheres Risiko hatten, an Diabetes zu erkranken als die Frühstücker.

Zum Teil Vorteile von Frühstücksverzicht

Tatsächlich gibt es aber auch Stimmen, die dem Frühstücksverzicht Vorteile einräumen – wenn auch nicht derart provokant wie Buchautor Kealey. "Das Thema Frühstück wird in der Wissenschaft kontroversiell diskutiert", sagt Kautzky-Willer. "Man muss immer unterscheiden, ob es um Diabetiker oder Gesunde geht." Bei sehr vielen Diabetikern zeigen sich vormittags häufig hohe Blutzuckerwerte – auch wenn sie nichts essen. "Da spielen andere Faktoren mit. So sind die Werte des Hormons Cortisol, dem Gegenspieler von Insulin, morgens immer am höchsten."

"Second Meal Phenomenon"

Auch das sogenannte "second meal phenomenon" könnte laut Kautzky-Willer eine "feine Rolle" für eine bessere Insulinausschüttung tagsüber durch eine morgendliche Mahlzeit spielen. Es besagt neuesten Untersuchungen zufolge, dass nach dem Mittag- und Abendessen weniger Auslenkungen im Blutzuckerspiegel passieren. "Man nimmt an, dass speziell nach dem Frühstück Inkretine freigesetzt werden. Das sind Darmhormone, die die Insulinausschüttung ankurbeln."

Intermittierend fasten

Einiges spreche aber durchaus für das Auslassen einer Mahlzeit wie dem Frühstück, betont Kautzky-Willer. Man spricht dann vom "intermittierenden Fasten", das derzeit von vielen Ernährungsexperten propagiert wird. Darunter versteht man, dass über einen längeren Zeitraum hinweg – zum Beispiel 16 Stunden – keine Nahrung aufgenommen wird und nur in einem Zeitraum von acht Stunden gegessen wird. Diese Zeitspannen erreicht man etwa, wenn das Abendessen ausgelassen und das Frühstück in den Vormittag hinausgezögert wird.

Für verschiedene Modelle dieses sozusagen "unterbrochenen" Fastens liegen bereits etliche Studienergebnisse vor. In einer Untersuchung mit gesunden, sportlichen Teilnehmern zeigte sich etwa, dass sich die Fettmasse verbesserte und insgesamt deutlich weniger Kalorien aufgenommen wurden. "Das gilt aber auch für das Auslassen anderer Mahlzeiten", betont Stoffwechselexpertin Kautzky-Willer. "Selbst Diabetiker können das dank neuer Therapien, die keine Unterzuckerungen herbeiführen."

Ob man nun gern ausgiebig frühstückt oder morgens keinen Bissen runterbringt: Zwang ist in keinem Fall der richtige Weg. Das gesteht sogar Buchautor Terence Kealey den Menschen zu. Wer sich gesund fühle, solle ruhig frühstücken – aber das Richtige, etwa viel Eiweiß. Dem stimmen die Stoffwechselexpertin Alexandra Kautzky-Willer, MedUni Wien und die Ernährungswissenschaftlerin Gruber vom forum.ernährung heute zu.

Das Frühstück sollte vier Komponenten beinhalten, sagt Gruber. „Das muss gar nicht viel sein, aber Obst oder Gemüse, Vollkornprodukte, Eiweiß und ein Getränk sollten dabei sein.“ Ob das nun gleich nach dem Aufstehen stattfindet oder im Lauf des Vormittags, ist nicht wichtig. „Man sollte sich keinen Stress machen. Aber auch nachts verbraucht der Körper Energie. Irgendwann wird es dann Zeit, etwas nachzufüllen.“

Das gilt vor allem für Kinder, denen größere Reserven fehlen. Sie sind daher auf regelmäßige Kalorienzufuhren angewiesen. Auch für Buchautor Kealey sind Kinder die einzige Personengruppe, für die er ein Frühstück empfiehlt. Wenn der Nachwuchs allerdings partout nicht will, sollten Eltern keinen Kampf führen. Ernährungsexperten empfehlen dann, eine gesunde Jause mitzugeben, die am Vormittag die leeren Energiespeicher auffüllt.