Wissen und Gesundheit
27.08.2017

Taugen Gentests als Beweis für die Herkunft?

US-Neonazis versuchen mit Gentests ihre Ideologie zu untermauern. Warum das nicht funktioniert.

Sie sehen sich als Vertreter einer vermeintlich überlegenen weißen Rasse – und versuchen das mit genetischen Tests zu belegen: Amerikas Neonazis, die zuletzt etwa mit ihren Gewaltexzessen in Charlottesville für weltweites Entsetzen sorgten. Doch so einfach ist das nicht: Der militante Rassist Craig Cobb wurde bereits 2013 in einer TV-Show damit konfrontiert, dass sein Genprofil zu 14 Prozent schwarzafrikanisch sei – also auf entsprechende Vorfahren hinweise – was er als "statistisches Rauschen" abtat. In diesem Punkt trifft er sich sogar mit wissenschaftlichen Kritikern solcher Tests: "Das ist reine Statistik. Solche Herkunftsdiskussionen sind aus meiner Sicht müßig", sagt der Genetiker Univ.-Prof. Markus Hengstschläger von der MedUni Wien.

KURIER: Was sagen solche Abstammungs-DNA-Tests aus?

Markus Hengstschläger: Bei diesen Tests vergleicht man die Abfolge der Bausteine der Erbsubstanz mit typischen DNA-Mustern verschiedener Populationen und berechnet das Ausmaß der Überlappungen. Wer an seinem Familienstammbaum interessiert ist, kann so einen Test machen. Dann weiß er, dass seine Vorfahren zum Beispiel zu 16 Prozent aus dem arabischen, zu 24 Prozent aus dem afrikanischen und zu 60 Prozent aus dem europäischen Raum stammen. Aber was heißt das schon? Irgendwann einmal haben sich Menschen aus dem einen geographischen Raum mit Menschen aus einem anderen geographischen Raum gepaart, im Zuge der vielen Wanderungsbewegungen. Niemand kann sagen, wann das war, wo es war, wie oft es war.

Die Bedeutung für das eigene Leben ist also gering?

Für das heutigen Leben eines Menschen und vor allem für seine Identität spielen solche DNA-Tests aus meiner Sicht überhaupt keine Rolle. Zu sagen, jetzt habe ich einen DNA-Test, jetzt weiß ich, wer ich bin, das geht nicht. Identität machen ganz andere Dinge aus, etwa meine Umwelt, meine Sozialisierung. Aber auch meine Selbstreflexion: Wie sehe ich mich? Wie sehen mich andere?

Offenbar gibt es Menschen, denen eine eindeutige "europäische DNA" wichtig ist.

Der Homo sapiens – also jeder von uns – stammt von einer Population aus Afrika ab. Von dort breitete sich der moderne Mensch in mehreren Wanderungsbewegungen über die Welt aus. Bei erstgradigen Verwandten ist die Ähnlichkeit so hoch, dass der Vater einer bestimmten Person eindeutig identifiziert werden kann. Aber schon in der zweiten, dritten Generation wird es schwierig, spätestens in der vierten können wir nur mehr mit Prozenten Wahrscheinlichkeiten angeben. Und jetzt reden wir von Generationen von vor Zehntausenden Jahren. Das zeigt, wie begrenzt die Aussagekraft ist. Als Genetiker tue ich mir schwer mit dem Begriff "fremd" oder "fremde DNA", besonders in Zusammenhang mit solchen Tests.

Weil wir "fremd" nur an äußeren Merkmalen festmachen?

Das Äußere ist nur ein Bruchteil dessen, was einen Menschen zum Menschen macht. Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber theoretisch möglich, dass ich mit einem Menschen mit dunkler Hautfarbe in der Summe aller meiner genetischen Informationen näher verwandt bin als mit Menschen mit weißer Hautfarbe, die seit Generationen in meiner Nachbarschaft wohnen. Damit hätte ich aber mehr genetische Bausteine mit dem Menschen dunkler Hautfarbe gemeinsam als mit meinem Nachbarn. Nur ein ganz kleiner Teil unserer Erbsubstanz ist für die Morphologie, unser Aussehen, verantwortlich. Mehr als 99 Prozent der Erbsubstanz sind zwischen uns allen ident. Das ist ein Punkt, den man auch in der österreichischen Debatte um Integration stärker sehen sollte.

Deswegen ist auch der Rassenbegriff – abgesehen von allem historischen Missbrauch – hinfällig?

Der Begriff "Rasse" ist in der Humanbiologie nicht mehr gebräuchlich. Weil er sich auf weniger als ein Prozent der gesamten genetischen Information eines Menschen bezieht, nämlich ausschließlich auf diese äußeren Merkmale. Und es gibt unzählige Dinge in unserem Genom, die viel wichtiger sind und viel mehr Bedeutung für unser Menschsein haben, als Haut-, Haar- und Augenfarbe. Ein Mensch mit dunkler Hautfarbe kann von seiner ganzen Persönlichkeit zum Beispiel mehr Kärntner oder Steirer oder Tiroler sein als jemand, der glaubt, wie ein richtiger Kärntner, Steirer oder Tiroler auszusehen.