Wissen
12.03.2018

Wie viele Formen von Diabetes gibt es?

Skandinavische Forscher plädieren für eine Einteilung in fünf Typen. Eine österreichische Diabetologin sagt hingegen: Eine differenzierte Therapie ist längst üblich.

Ist heute von Diabetes die Rede, denkt man im Wesentlichen an zwei Formen: Den meist schon im Kindesalter auftretenden Typ-1 (körpereigener Insulinmangel durch Angriff des Immunsystem auf die insulinproduzierenden Zellen) und den klassischen Typ-2 (immer geringere Insulinwirkung) – siehe auch die nachstehende Grafik:

Eine Gruppe schwedischer und finnischer Forscher hat jetzt für eine im FachmagazinThe Lancet erschienene Studie die Daten von knapp 15.000 Patienten analysiert. Ihr Schluss: Mit dem Begriff "Diabetes" lassen sich in Wahrheit fünf verschiedene Krankheiten beschreiben.

So gebe es eine bisher wenig beachtete Gruppe junger und schlanker Patienten, die ähnlich wie die Typ-1-Diabetiker an einem schweren Insulinmangel leiden, bei denen aber nicht das Immunsystem involviert ist. Diese Gruppe zum Beispiel würde oft nicht ausreichend therapiert werden – und häufig kein Insulin erhalten.

"Die vielen Gesichter des Diabetes"

"Das sehe ich nicht so. Es ist bekannt, dass es Zwischenstufen gibt und hier individuelle Therapien notwendig sind", sagt Univ.-Prof. Alexandra Kautzky-Willer, Diabetologin am AKH / MedUni Wien und Präsidentin der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG). "Das ist bei uns schon seit vielen Jahren ein Thema. Deshalb lautet auch das Motto unserer nächsten Jahrestagung im November ,Die vielen Gesichter des Diabetes‘." Die Spezialistin nennt zwei Beispiele:

  • "Typ-1-Diabetiker produzieren kein Insulin. Es gibt aber auch solche mit einem sogenannten metabolen Syndrom, die ähnlich wie die Typ-2-Diabetiker zusätzlich auch insulinresistent sind – also auf das injizierte Insulin nur schlecht ansprechen und deshalb noch eine weitere Therapie benötigen. Solche Mischformen werden häufiger – aber die erkennen wir und behandeln wir auch dementsprechend."
  • Und bei den Typ-2-Diabetikern geht sowohl die Bandbreite der Insulinresistenz von "schwach bis ganz stark", und auch die körpereigene Insulinproduktion kann mehr oder weniger stark beeinträchtigt sein.

Schon jetzt seien überdies weitere Diabetes-Typen definiert:

  • LADA-Diabetes "Latent Autoimmune Diabetes in the Adults" – das bedeutet: Ähnlich wie beim Typ-1-Diabetes kann der Körper wegen einer Fehlreaktion des Immunsystems kein Insulin produzieren – nur tritt diese Form nicht schon im Kindesalter, sondern erst bei (normalgewichtigen) Erwachsenen auf.
  • MODY-Diabetes Seltene, durch bestimmte genetische Veränderungen bedingte Erkrankungsformen, die einem Typ-2-Diabetes ähnlich sind.
  • Schwangerschaftsdiabetes Er erhöht das Risiko, später einmal an Typ-2-Diabetes zu erkranken – Prävention ist deshalb besonders wichtig.

"Rasch erkennbar"

"Wir behandeln ja nicht nur den Blutzucker", betont Kautzky-Willer, "sondern schauen uns viele Werte des Patienten an. Dadurch erkennen wir relativ rasch, wenn jemand kein klassischer ,Einser‘ oder ,Zweier‘ ist". Überdies seien in den vergangenen Jahren neue Medikamentengruppen zugelassen worden: "Diese Vielfalt an Therapien ermöglicht es uns, für jeden, also auch Misch- und seltene Formen, die richtige Behandlung zu finden."

Eine virtuelle Klinik soll Patienten unterstützen

"Der starke Anstieg der Patientenzahlen übersteigt vielerorts die Kapazität der Gesundheitssysteme", sagt Gilles Litman. Er leitet beim französischen Pharmakonzern Sanofi den Bereich "Integrierte Versorgung" und war kürzlich in Wien. "Damit meinen wir alles, was über die Medikamente hinausgeht", so Litman.

Sanofi hat mit der Google-Biowissenschaftsfirma Verily Life Science ein Gemeinschaftsunternehmen ("Onduo") gegründet. In den USA wurde im Jänner das Projekt einer "virtuellen Diabetes-Klinik" gestartet. "Hier sollen die Patienten zwischen zwei Arztbesuchen mittels Telemedizin Unterstützung bekommen."

Einerseits werden an diese digitale Plattform automatisch die Blutzuckerwerte übermittelt. Sanofi entwickelt Insulinpens, die mit dem System verbunden sind und zum Beispiel Zeitpunkt und Dosis der einzelnen Verabreichungen einspeisen. "Damit erkennt man sofort, wie genau ein Patient die empfohlene Therapie auch umsetzt."

Auf Grund seiner Daten – etwa Blutzuckerwerte, körperliche Aktivität, Ernährung – soll der Patient auch automatisierte Empfehlungen für Dosisanpassungen bekommen. Und er soll die Möglichkeit haben, mit einem Experten telefonisch persönlich Kontakt aufzunehmen bzw. auch unverlangt Rückmeldungen mit Empfehlungen für die Therapieeinstellung zu bekommen. "Das ist kein Ersatz für den Arzt, aber in Regionen mit großem Medizinermangel könnte so eine virtuelle Klinik Vorteile für Arzt und Patient haben", sagt auch Sanofi-Österreich-Geschäftsführerin Sabine Radl.

"Nur gemeinsam mit Diabetes-Spezialisten"

"Telemedizin ist sicher zukunftsträchtig, es gibt auch in Tirol bereits ein Pilotprojekt", sagt die Diabetologin Alexandra Kautzky-Willer: "Studien zeigen, dass so etwas aber nur gemeinsam mit Diabetes-Spezialisten funktioniert."

Bei der elektronischen Weiterleitung von Gesundheitsdaten seien auch noch viele Fragen zum Datenschutz offen: "Für Therapiekontrollen ist die kontinuierliche Datenübermittlung sicher sinnvoll – aber Therapieänderungen können nur von einem Arzt vorgenommen werden. Automatische Anpassungen durch einen Algorithmus im Hintergrund können fehleranfällig sein." Solche Telemedizin-Projekte könnten als Zusatzangebot aber künftig eine wichtige Rolle spielen.