Zärtlichkeit.

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Kuschelparty
08/24/2014

Streichelseminar: Nähe spüren und sich davon berühren lassen

Berührungen verbindet man schnell mit Sex. Doch gerade das Bedürfnis nach "harmlosem" Streicheln steigt: Jeder 2. würde gern öfter in den Arm genommen werden.

von Ingrid Teufl, Manuela Eber

Eng aneinandergeschmiegt oder nur nebeneinander: Sie liegen auf einer großen Matratze, streicheln einander sanft über die Arme oder das Gesicht. Andere drücken sich Rücken an Rücken oder greifen sachte nach den Füßen ihres Nachbarn. Das man dabei völlig Fremden nahekommt, ist bei Kuschelpartys erwünscht.

"Es geht um absichtsloses Berühren und Berührt-werden", sagt Andrea Kiss, die in Wien derartige Treffen veranstaltet. Man biete "einen geschützten Rahmen, in dem man Menschen behutsam begegnen kann". Erlaubt ist den Teilnehmern alles, solange es respektvoll ist und vom Gegenüber gestattet wird. Berührungen an erogenen Zonen oder gar Sex sind allerdings tabu, man begegnet einander zwar laut Kuschelregeln frisch geduscht und ohne starkes Parfüm, aber vollständig bekleidet.

Wir leben in Überfluss – nur an Berührungen, ohne die wir körperlich und seelisch verkümmern würden, scheint es heutzutage zu mangeln. Wenn man nicht gerade Teamspieler einer siegreichen Fußball-Mannschaft ist und als Torschütze eine Spielertraube über sich ergehen lässt. Laut Umfragen würde jeder zweite Erwachsene liebend gern öfter in den Arm genommen werden.

Harmlose Zärtlichkeit

"Berührungen werden schnell mit Sex und Erotik in Verbindung gebracht. Aber wer andere zu viel anfasst, kann schnell als aufdringlich gelten", sagt Buchautor Werner Bartens im KURIER-Gespräch. "Gleichzeitig ist aber das Bedürfnis nach ‚harmlosen‘ Berührungen riesengroß." Kuschelpartys befriedigen diese Sehnsucht. Und zählen für ihn zu einer wachsenden "Berührungsindustrie".

Angebote sind zwar schon lange da – ob Kopfmassage beim Friseur, Rückenmassage oder Pediküre. "Doch das Bedürfnis nach Berührungen ohne Verpflichtung wächst weiter." Viele Frauen – und Männer – seien von ihren Partnern wegen zu wenig oder falscher Berührung enttäuscht und "suchen dann vermehrt Abhilfe bei Profis."

Trend zum Wischen

Zur Berührungsindustrie könnte man auch Smartphones und Tablets zählen. Ein genialer Schachzug von Steve Jobs, findet Werner Bartens. Denn die typische Wisch-Bewegung zum Entsperren oder Umblättern entspricht sehr stark unseren natürlichen Bewegungs- und Berührungsabläufen mit den Fingern. "Dazu sind sie im Gehirn extrem schnell und schon ganz früh in der Entwicklung verschaltet. Diese Berührungen sind buchstäblich naheliegend."

Doch nicht jeder mag kuschelnde Berührungen, anderen ist kräftiger Druck lieber. In München schaffen Raufpartys und sogar ein "Kompetenzzentrum für Pädagogisches Raufen" Abhilfe. Für Trainerin Elisabeth Oppermann ist intensives Rangeln eine "wunderbare Möglichkeit, mich selbst und andere besser kennenzulernen und mit den eigenen Emotionen wieder in Kontakt zu kommen."

Wissenschaftler der Uni Manchester konnten etwa in einer Studie zeigen, dass die Qualität der Berührung unterschiedliche Auswirkungen hat. Im Gegensatz zu sanfter Berührung, hatte bei manchen Teilnehmern kräftiges Zulangen sogar beruhigende Wirkung. Starker Druck kann bei Depressionen wirken oder Autisten ein Gespür für ihren Körper geben.

Kuschel-Maschine

Diese Erfahrung machte die US-Amerikanerin Temple Grandin. Die spätere Uni-Dozentin wurde 1947 als Autistin geboren, ihr bemerkenswertes Leben in einer BBC-Doku verfilmt. Berührungen konnte Grandin lange wegen Reizüberflutung nicht aushalten. Sehr kräftiger Druck hingegen, stellte sie fest, macht sie ruhig. Seit Jahrzehnten holt sie sich daher ihre Streicheleinheiten in einer selbst gebauten, gepolsterten Holzkiste. Genau diese körperliche Erfahrung brauche sie, um überhaupt so etwas wie Nähe empfinden zu können.

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