Wissen und Gesundheit
25.11.2017

Eine Psychologin erforscht, was und wie Babys denken

Stefanie Höhl schaut Babys in die Köpfe und erforscht so ihre Entwicklung.

Was denkt sich das Baby gerade? Diese Frage haben sich schon viele Eltern beim Anblick ihres Nachwuchses gestellt. Jemand, der dieser Frage wissenschaftlich auf den Grund geht, ist Stefanie Höhl. Die Expertin für experimentelle Säuglings- und Kleinkindforschung ist vor Kurzem von Leipzig nach Wien übersiedelt, wo sie eine neue Forschungsgruppe aufbaut.

Besonders interessiert Höhl die soziale Denkentwicklung der Kinder. "Wir möchten wissen, was in den Gehirnen von Säuglingen und Kleinkindern vorgeht, die noch nicht sprechen können", erzählt sie im KURIER-Gespräch. Und da gibt es viele spannende Fragen, die sich stellen: "Wie erkennen Babys Gesichter, und wie nehmen sie diese wahr? Wie reagieren sie auf vertraute Personen? Können sie bereits Intentionen von Erwachsenen nachvollziehen, um so von ihnen zu lernen?"

Gehirnströme

Weil Babys keine Antworten geben können, müssen die Psychologen andere Methoden anwenden. "Wir gehen das auf verschiedene Weise an. Die Kleinen bekommen z. B. EEG-Hauben aufgesetzt, die Gehirnströme messen. Mittels Eye-Tracking wird beobachtet, wohin das Kind sieht und wie lange der Blick auf einer Stelle bleibt. Auch funktionelle Infrarotspektroskopie nutzen wir – Infrarotsignale werden durch die Kopfhaut geschickt. So kann man feststellen, wo im Hirn gerade Sauerstoff verbraucht wird, was wiederum ein Indikator für neuronale Prozesse ist. Das funktioniert zwar nur auf Oberflächenstrukturen des Gehirns, ist aber eine nützliche Methode, weil die Kinder und Babys dabei nicht still sitzen müssen." Eine wichtige soziale Information für Säuglinge ist die Blickrichtung. Besonders der Augenkontakt: Sieht die Mutter irgendwo hin, folgt das Kind ihrem Blick.

Kurz nach der Geburt

Erstaunlich: "Soziale Interaktionen gibt es schon kurz nach der Geburt. Das Baby sieht das Gesicht der Mutter länger an als das einer fremden Person – unter der Voraussetzung, dass die Mutter zuvor mit dem Kind gesprochen hat. Heißt: Kinder merken sich schnell Gesichter und sind interessiert an sozialen Informationen wie auch Sprache oder biologische Bewegung." Auch emotionale Gesichtsausdrücke werden erforscht, so Höhl: "Schaut die Bezugsperson – meist die Mutter – erschrocken, angewidert oder fröhlich auf einen Gegenstand, stellt sich die Frage, ob das Kind diesen künftig anders wahrnimmt. Wir fragen: Erinnert es sich später an die emotionale Reaktion, die damit assoziiert wurde?"

Absicht oder nicht

Daneben gebe es weitere soziale Signale: "Erkennen Babys z. B., ob eine Person etwas absichtlich macht oder nicht? Merkt der Säugling also, dass die Person in diesem Moment den Augenkontakt sucht oder dass sie sich wegdreht und dabei emotional reagiert – und das, ohne dass sie sich bewusst ist, dass das Kind zuschaut und aus ihrem Verhalten lernt", erzählt Höhl. Diesen Fragen der Interaktion will sie in Wien näher nachgehen. "Und zwar auch in Alltagssituationen, wie sie in Experimenten schwer zu simulieren sind."

Aufgezeichnet

Dazu werden Gehirnaktivitäten von Baby und Mutter gleichzeitig aufgezeichnet. "Uns interessiert, ob und – wenn ja – wie sich Gehirnaktivitäten aufeinander abstimmen. Bei Erwachsenen, die sich verstehen, ist das so. Man sagt ja, ,auf einer Wellenlänge sein‘. Konkret heißt das: Im Gehirn spiegeln sich die verschiedenen Rhythmen in der Sprache, in den Gesten etc. wider. Ob das bei Kindern der Fall ist, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass sich Kinder auf Verhaltensebene mit der Mutter abstimmen, indem sich unter anderem die Herzrate synchronisiert. Unsere Hypothese: Wenn sich beide aufeinander einspielen und eine Synchronisierung der Gehirnaktivität haben, haben es die Kinder leichter, etwas zu lernen."

Spinnen und Schlangen

Auf eine Frage, mit der sich Forscher seit den 70er-Jahren beschäftigen, haben Höhl und Kollegen aus dem schwedischen Uppsala bereits eine Antwort gefunden: Schon Babys reagieren aufgeregt auf Spinnen und Schlagen. Um das herauszufinden, zeigten sie Bilder dieser Tiere abwechselnd mit Bildern von Blumen und Fischen, die in Form, Farbe und Größe sehr ähnlich waren. Sahen die Babys auf Spinnen und Schlangen, wurden die Pupillen bei gleichen Lichtverhältnissen größer, was auf eine Stressreaktion hindeutet. "Die Kinder bringen wohl eine Prädisposition mit, die höchstwahrscheinlich angeboren ist und nicht angelernt", vermutet Höhl.

Autismus

In Wien wird sie weiter Grundlagenforschung betreiben. "Wir wollen wissen, wie die gesunde psychische Entwicklung abläuft, was Babys mitbekommen und wie sie beeinflusst werden. Das ist Basis für weitere Anwendungen, die z. B. für den Umgang mit Kindern mit Autismus relevant sein können. Bei ihnen ist die Nutzung der sozialen Signale beeinträchtigt. Sie imitieren weniger und vermeiden Blickkontakte, was das soziale Lernen erschwert. Auch in anderen Bereichen sind die Ergebnisse interessant", hofft sie.

Internet: https://entw-psy.univie.ac.at/