Wissen und Gesundheit
09.10.2017

"Horror"-Grippe in Australien: Folgen für Österreich?

Australien hat stärkste Influenza-Epidemie seit 15 Jahren hinter sich. Die Weltgesundheitsorganisation könnte mit Impfstoff falsch liegen.

"Horror-Grippesaison" in Australien: Das schrieben auch Qualitätsmedien, die sonst mit solchen Bezeichnungen zurückhaltend sind. Nicht nur, dass heuer die Zahl der Influenza-Infektionen in Australien zwischen Juni und September deutlich höher war als in den vergangenen 15 Jahren. Auch einige besonders tragische Todesfälle sorgten für Aufsehen: Etwa jener eines achtjährigen Mädchens aus Melbourne. Oder jener von Ben Ihlow: Vier Tage nach den ersten Grippesymptomen wurde er stationär in einem Spital aufgenommen, zwei Tage später erlag er den Influenza-Komplikationen. Der Dreißigjährige hatte einen erst zehn Monate alten Sohn.

"Die Menschen bekommen nicht einfach nur die Grippe", sagte der Gesundheitsminister des australischen Bundesstaates Victoria, Jill Hennessy. "Sie werden sehr, sehr krank."

Auslöser der heftigen Epidemie war ein Stamm des Influenza-A-Viruses A(H3N2).

"Saisonen mit A(H3N2)-Subtypen verlaufen generell heftiger", sagt die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der MedUni Wien. Speziell ältere Menschen erkranken häufiger – und schwerer. Auch in Österreich war im Winter 2016/2017 ein A(H3N2)-Stamm dominant – es war die stärkste Saison der vergangenen Jahre.

Genetische Mutation

Doch diesmal kam – und kommt – noch ein weiterer Faktor dazu. Dieser Stamm hat sich im heurigen Frühjahr gegen Ende der Grippe-Saison auf der Nordhalbkugel genetisch leicht verändert – eine punktuelle Mutation ist aufgetreten. "Dadurch scheint der Impfstoff dieses Virus nicht optimal abzudecken", sagt Redlberger-Fritz. Das betrifft sowohl den Impfstoff, der heuer auf der Südhalbkugel verwendet wurde – als auch den Impfstoff, der jetzt bei uns zum Einsatz kommt. "Im Februar legt die Weltgesundheitsorganisation die Impfstoff-Stämme für die Nordhalbkugel in der kommenden Saison fest", sagt Redlberger-Fritz: Aber im vergangenen Februar habe es noch keine ausreichenden Daten über diese Mutation gegeben – und vor allem keine Hinweise darauf, dass dieser genetisch mutierte Stamm im Süden so dominant werden wird.

Was das für die bevorstehende Grippe-Saison in Europa bedeuten wird, ist unklar: "Ist ein Virus in einem Jahr überdominant – so wie A(H3N2) in der vergangenen Saison bei uns – tritt dieser Stamm im nächsten Jahr in der Regel nicht mehr so heftig auf." Rund 95 Prozent aller Infektionen wurden in der vergangenen Saison durch A(H3N2) verursacht – zuletzt war dieser Subtyp 2007/2008 so vorherrschend. "Normalerweise zirkulieren mehrere Virustypen in einer Saison."

Auch wenn die Impfung optimal passt, kann sie gerade bei A(H3N2)-Subtypen nur rund 50 bis 60 Prozent der Erkrankungen verhindern. Bei A(H1N1)-Viren sind es 80 bis 86 Prozent, bei den Influenza-B-Viren 60-75 Prozent.

Prognosen sind jedenfalls keine möglich: "Es ist bekannt, dass die Influenza-Aktivität in verschiedenen Regionen der Welt sehr unterschiedlich verlaufen kann", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut in Berlin: "Man kann von einem moderaten oder schweren Verlauf in einem Staat nicht unbedingt auf einen ähnlichen Verlauf in einem anderen Staat schließen." Schließlich sei auch die Immunität der Bevölkerung gegen bestimmte Viren von Land zu Land sehr unterschiedlich.

"Unberechenbar"

"Die Influenza ist unberechenbar", sagt auch Univ.-Prof. Ursula Kunze vom Zentrum für Public Health an der MedUni Wien. Andererseits gebe es Länder in Europa, die den Verlauf der Grippesaison auf der Südhalbkugel als gewissen Anhaltspunkt für den heurigen Winter sehen: "In Großbritannien bereitet sich das Gesundheitssystem insofern vor, als dass es zusätzliche Krankenhausbetten für den Ernstfall organisiert. Aber dieser Ernstfall muss nicht eintreten."

Auch wenn sich heuer ein A(H3N2)-Virus wieder durchsetzen und der Impfstoff nicht optimal passen sollte, bringt eine Impfung Vorteile, betont Redlberger-Fritz: "Man weiß, dass Geimpfte auch in diesem Fall einen Vorteil haben: Es gibt einen leichteren Krankheitsverlauf mit deutlich weniger Komplikationen."