Wissen und Gesundheit
29.11.2017

Sex-Hormone: Warum leiden Frauen öfter an Asthma?

Erwachsene Frauen leiden im Vergleich zu Männern doppelt so oft an Asthma. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede könnten sich durch die Wirkungsmechanismen bestimmter Sexualhormone auf Zellen in der Lunge erklären lassen, berichten Forscher in einer neuen Studie.

Wissenschafter der US-amerikanischen Vanderbilt University und Johns Hopkins University fanden heraus, dass Testosteron Immunzellen, die mit spezifischen Asthma-Symptomen (Entzündung, Schleimproduktion in den Lungen, etc.) in Verbindung stehen, hemmen. Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachblatt Cell Reports.

"Als wir mit der Untersuchung angefangen haben, dachten wir eigentlich, dass Hormone, die in den Eierstöcken produziert werden, Entzündungen fördern, viel eher, als dass Testosteron hilfreich sein könnte", sagt Dawn Newcomb, Asthma-Expertin und Mitautorin der Studie. Man sei überrascht gewesen, dass Testosteron bei der Entzündungshemmung eine weitaus wesentlichere Rolle spiele.

Bisher war vermutet worden, dass Östrogen Frauen anfälliger für Asthma macht. Frühere Studien haben belegt, dass Buben, bevor sie in die Pubertät eintreten, rund 1,5 Mal öfter an Asthma, eine chronische, entzündliche Erkrankung der Atemwege mit dauerhaft bestehender Überempfindlichkeit, erkranken als Mädchen in diesem Alter. Nach der Pubertät schlägt dies um: Danach weisen Frauen ein doppelt so hohes Risiko auf, die Atemwegserkrankung zu entwickeln. Dieses Muster ist bis zu Menopause konsistent, danach verringert sich das Risiko bei Frauen wieder.

Östrogen vs. Testosteron

In der aktuellen Studie untersuchte Dawn Newcomb zusammen mit ihrem Team Zellen von Menschen und Mäusen, um die geschlechtsspezifischen Unterschiede genauer zu beleuchten. Man identifizierte bei Menschen und Mäusen bestimmte Zelltypen, die Asthma-Beschwerden bedingen. Sowohl die weiblichen Tiere als auch die untersuchten Frauen wiesen im Blut einen größeren Anteil dieser Zellen auf.

In einem zweiten Schritt behandelten die Wissenschafter die Zellen mit den weiblichen Sexualhormonen Östrogen und Progesteron. Ihre Wirkungsweise veränderte sich dadurch nur minimal. Erst als die Forscher Testosteron hinzufügten, wurde das Wachstum der Zellen gehemmt und die schleimbildende beziehungsweise entzündungsfördernde Wirkung eingeschränkt.

Während man sich in der aktuellen Erhebung nur auf das männliche Sexualhormon Testosteron konzentrierte, betont Newcomb, dass in Folgestudien die Effekte anderer Sexualhormone untersucht werden müssten. "Sexualhormone sind nicht der einzige Mechanismus, vielmehr sind sie nur einer von vielen Mechanismen, die Atemwegserkrankungen regulieren könnten", schildert sie.

Hormonbehandlung bei Asthma?

Im Interview mit orf.at beurteilt Erika Jensen-Jarolim von der MedUni Wien, Spezialistin für das weibliche Immunsystem, die Ergebnisse der US-Studie grundsätzlich als spannend. Man kenne nun den "molekularen Mechanismus, der hinter den zahlreichen Beobachtungen zu weiblichem Asthma steht". Damit hätte man nun auch Hinweise darauf, warum die Antibabypille Asthma bei Frauen verstärken kann. Durch die meisten Präparate werde der Testosteronspiegel im Blut der Frauen gesenkt. Damit reduziert sich auch die Wirkung des Hormons auf die Lungenzellen. Bei betroffenen Frauen müsse der behandelnde Frauenarzt zu einem alternativen Präparat greifen.

Bei der Behandlung von Asthma auf die Gabe von Testosteron zurückzugreifen, lehnt Jensen-Jarolim ab. "Testosteron wirkt vielfältig auf andere Körperzellen, und das wollen wir Frauen eigentlich nicht", sagt sie im Interview.