Wissen und Gesundheit
16.10.2017

So kann man Vertrauen lernen

Jeder Mensch verfügt über ein psychisches Urprogramm, um sich gut zu fühlen. Der Psychiater Manfred Stelzig erklärt, wie man sich in unsicheren Zeiten wieder darauf besinnt.

Arbeitsplätze, Beziehungen, politische Verhältnisse – nichts scheint mehr sicher. Die Folgen spüren immer mehr Menschen am eigenen Leib: Unsicherheit – und Vertrauensverlust. Gerade in turbulenten Zeiten ist die Rückbesinnung auf das im Menschen angelegte Vertrauen eine wichtige Ressource, um stärker zu werden. Der Salzburger Psychiater und Psychotherapeut Manfred Stelzig beschreibt, wie es sich trainieren lässt. Und was wir von der Interaktion mit Säuglingen lernen können.

KURIER: Wie kann man in einer gefühlt immer unsicher werdenden Welt überhaupt noch Vertrauen haben?

Manfred Stelzig: Es werden tatsächlich sehr viele Schreckensmeldungen an uns herangetragen. Das entspricht zwar dem Sicherheitsbedürfnis des Menschen, Bescheid wissen zu wollen, wo Gefahren lauern. Auf der anderen Seite haben sich die Entwicklungen in der Welt insgesamt zum Positiven entwickelt. Man muss aber selbst viel Positives beitragen, um sich in seiner Haut wohlfühlen zu können. Diese Selbstwirksamkeit und dass man Chef im eigenen Seelenhaus ist und lernt, es zu sein, ist mir ein großes Anliegen. Eine Kernaussage meines Buches ist, dass wir über ein psychisches Urprogramm verfügen.

Was ist dieses psychische Urprogramm genau?

Ich spanne den Bogen von der Säuglingsforschung bis zum Erwachsenen. Ein Säugling kommt mit dieser Vertrauensfähigkeit zur Welt, dass er bekommt, was er braucht. Im Gegenüber möchte er bestimmte Verhaltensweisen wie Fürsorge, Aufmerksamkeit usw. aktivieren. Babys möchten eine Begegnung mit dem Gegenüber. Sie haben ein angeborenes Programm, das zu bekommen, damit es ihnen gut geht. Dann sind sie zufrieden. Das meine ich mit dem Urprogramm, denn es ist schon vor der Geburt angelegt. Der Mensch braucht ein liebevolles, fürsorgliches, wahrnehmendes Du, anders geht es nicht. Das sind normalerweise Mutter und Vater.

Was ändert sich im Lauf des Lebens?

Als Erwachsener brauchen wir das liebevolle Du genauso und suchen es in anderen Menschen. Familie und Freunde sind natürlich wichtige Bezugspersonen. Vieles können sie aber nicht ausgleichen. Da müssen wir es uns selber geben, uns selbst versorgen. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, die ich im Buch beschreibe.

Man kann schimpfen und toben. Oder man besinnt sich auf dieses Urprogramm und spürt in sich hinein, was man individuell braucht, um Grundbedürfnisse zu befriedigen. Für dieses Nach-Nähren braucht man Mitgefühl mit sich selbst, aber auch Wachsamkeit und Aufmerksamkeit.

Vertrauen kann man also trainieren?

Ich glaube, man kann es lernen. Was kann ich machen, dass ich mein Leben gut ausbalanciert leben kann, was sind die schönen Dinge, wie kann ich gut für mich sorgen. Wenn ich glücklich sein will, muss ich mich letztendlich an den Grundbedürfnissen des Säuglings orientieren, dann funktioniert es. Das braucht der Mensch als Erwachsener genauso.

Wie kann das gelingen?

Ich nenne es komplementäre Rollen. Wenn ich traurig bin, dann brauche ich einen Tröster. Ich brauche nicht jemanden, der sagt "Reiß dich zusammen". Wenn ich wütend bin, brauche ich jemanden, der mich beruhigt, der sagt "Das schaffen wir schon." Wenn ich ängstlich bin, brauche ich jemanden, der mir Mut macht. Auf der inneren Bühne finde ich diese komplementären Rollen. Manchmal braucht es dafür Menschen von außen, die es einem aufzeigen, etwa in einer Psychotherapie. Die Rollen in sich selbst wieder zu entdecken und zu aktivieren, ist ganz wichtig. Dann kann man auftanken, sich wohlfühlen und Probleme mit anderen Augen sehen.

Warum fällt uns so schwer, gut zu uns selbst zu sein?

Wenn wir normal aufwachsen, leben wir mehr als Konsumenten von Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit. Auch ein sehr liebevoll Aufgewachsener muss erst lernen, zu sich selbst liebevoll zu sein. Er muss also vom Konsumenten zum Produzenten werden. Das ist ein sehr wesentlicher Schritt. Dann hat er es wesentlich leichter, sich selbst zu beruhigen. Es geht immer um einen Soll- und einen Ist-Zustand. Man hat immer Wünsche, wie etwas sein soll. Wenn ich ein Selbstverwöhnungsprogramm anstarten kann, ist es auch leichter, zu sich selbst gut zu sein.

Andere Meinungen zu akzeptieren, sich in Menschen hineinfühlen zu können scheint schwieriger geworden zu sein und belastet das Vertrauen zueinander.

Da sind wir beim Thema Konfliktlösung, was ich auch sehr wichtig finde in der heutigen Zeit. Dass man Konflikte im Sinne eines Rollentauschs auch mit den Augen des anderen sehen kann und auf einen gemeinsamen Nenner kommen kann.

In der Psychotherapie spricht man von den sozio-dramatischen Rollen-Ebenen. Auf Ebene eins ist man nur bei seiner eigenen Meinung und möchte die durchsetzen. Auf Ebene zwei sieht man schon die Bedürfnisse des anderen. Auf Ebene drei gelingt es, etwas mit den Augen des anderen zu sehen. Wenn sich die Menschen bedroht fühlen, neigen sie dazu, auf eine niedrigere Ebene zu gehen, die Dinge zu vereinfachen und sich anderen anzuschließen, die ganz klare, einfache Botschaften aussenden. Weil sie meinen, dass damit ihr Sicherheitsbedürfnis befriedigt ist.

Wenn man auf der anderen Seite aber glücklich werden möchte, funktioniert es nur so, dass man eine innere Stabilität, eine Selbstberuhigung sowie eine gute Selbstversorgung erreicht. Dass man es sozusagen von einer höheren Ebene – einer vernünftigen Ebene – betrachtet und sagt, "Wie lösen wir das Problem?" und nicht zu den frühen Reflexen neigt.

Es ist also für den Einzelnen, das Zusammenleben und auch die Meinungsbildung sinnvoll, in sich selbst verwurzelt und mit sich im Reinen zu sein, um Dinge vernünftiger zu bewerten?

Ja, denn damit kommt man einer Problemlösung näher. Mir geht es weniger um die Weltpolitik, aber letzten Endes bestimmt das Verhalten im einzelnen auch die Weltpolitik. Es ist immer die Frage, wie erreiche ich die Menschen am ehesten. Ich hoffe, ich erreiche sie dort, wo sie Sehnsucht haben, zu sich selber zu finden, Mensch zu werden und in sich selbst zu ruhen. Das heißt: Vom Defizit wegkommen und zur Problemlösung und des Gebenwollens.

Aber warum hadert man trotz allen Wissens mit seinen vergleichsweise kleinen Alltagsproblemen?

Das ist niemandem fremd. Das ist im Menschen drinnen, dass man Sorgen hat. Die Frage ist immer, wie löst man diese Sorgen. Addiert man sie oder nutzt man seine Ressourcen, um zu sich zu kommen. Daher ist mir die Verknüpfung mit dem Säugling so wichtig. Da sieht man sehr klar, was er braucht – Zuwendung, Geborgenheit, Verständnis, Aufmerksamkeit.

Sie nennen das auch "Sehnsuchtsprogramm". Dazu muss man aber auch selbst etwas tun.

Als Erwachsener nur sehnsüchtig zu sein ist eine Sackgasse. Dann bekommt man nicht, was man wirklich braucht.

Buchtipp: Manfred Stelzig, Warum wir Vertrauen können. Das psychische Urprogramm des Menschen. Ecowin-Verlag, 20 Euro.

Renommierter Psychiater: Univ. Prof. Dr. Manfred Stelzig, 65, ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er leitete von 1991 bis 2015 das Department für psychosomatische Medizin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Salzburg. Seither ist er in Ausbildung und Supervision tätig. Seine Bücher "Was die Seele glücklich macht" und "Keine Angst vor dem Glück" sind Bestseller. In "Krank ohne Befund" widmete sich vor allem psychosomatischen Beschwerden.