Wissen 13.06.2018

Das Eis der Antarktis schmilzt immer schneller

© Bild: niyazz/Fotolia

Das Eis auf dem Südkontinent wird weniger und der Meeresspiegel steigt: Für Bangladesh oder New York wird es unangenehm.

Mehr Wasser als der Bodensee fasst: 76 Gigatonnen Schmelzwasser der Antarktis flossen von 1992 bis 2012 jährlich ins Meer. Mittlerweile sind es drei Mal so viel – nämlich 219 Gigatonnen (Milliarden Tonnen Anm.). Das hat Folgen für den Meeresspiegel. Die Antarktis ist nun für einen jährlichen Anstieg von 0,6 Millimeter und nicht mehr von „nur“ 0,2 Millimeter verantwortlich. Der Prozess beschleunigt sich also.

Allerdings trägt die Antarktis derzeit nur zu einem kleinen Teil zum Meeresspiegelanstieg bei. „Das Schmelzen des Grönlandeises und der Gletscher sind gegenwärtig der größte Beitrag. Aber der Anteil der Antarktis nimmt stark zu“, weiß der Polarforscher Ingo Sasgen.

Zu dieser Erkenntnis kommt nicht nur er, das sagen insgesamt 84 Experten von 44 internationalen Institutionen, die ihre Ergebnisse verglichen haben. Ingo Sasgen, der am Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven, arbeitet, erzählt im KURIER-Gespräch von den Herausforderungen: „Es ist nicht leicht, an die Daten zu kommen. Denn der kälteste Kontinent auf der Erde ist nicht nur riesig. Auch die Bedingungen dort sind für Forscher widrig.“

Mittlerweile nutzen die Forscher Satelliten, wobei es drei unterschiedliche Messmethoden gibt. (Für Wissbegierige: Messungen der Eishöhe und der Schwerkraft sowie die Input-Output-Methode, bei der der Zuwachs durch Schnee dem Eisfluss ins Meer gegenübergestellt werden). Doch wie gesagt: Am Ende kommen alle Forscher zu ähnlichen Ergebnissen.

Komplexer Kontinent

Antarktis
© Bild: KURIER

Weiteres Problem: „Die Mechanismen in der Antarktis sind viel komplexer als etwa in Grönland, wo zum Großteil wegen der Erderwärmung das Eis schmilzt und direkt in den Ozean fließt – und somit zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt.“

Ein Faktor ist das dünner werdende Schelfeis rund um den Kontinent: „Dieses wirkt wie ein stabilisierender Ring um die Antarktis. Doch Windveränderungen, die wohl durch den Klimawandel beeinflusst wurden, unterspülen diesen Ring mit wärmerem Ozeanwasser. Seine Rückhaltekraft lässt nach“, sagt Sasgen. Beispiel: Im vergangenen Jahr brach das riesige LarsenC-Schelfeis. Betroffen vom Wandel ist vor allem die Westantarktis.

Steigt die Temperatur dort um 3 Grad, so trägt die Antarktis bis 2070 zu einem Anstieg des Meeresspiegels von 27 Zentimeter bei (Grafik). In Summe würden er um einen halben Meter steigen. Große Gebiete in Küstennähe wie Teile von Bangladesch werden überflutet, andere, etwa in den Niederlanden, sind nur mit hohem technischen Aufwand zu halten. Etwa eine Milliarde Menschen dürften direkt betroffen sein, auch Bewohner der Metropolen New York, Shanghai oder Hamburg.

© Bild: KURIER Grafik

Keine Panikmache

Ein Horrorszenario wird aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht eintreffen: „Kein Forscher rechnet damit, dass sämtliches Antarktiseis schmilzt. In dem Fall würde der Meeresspiegel um 58 Meter steigen“, sagt Sasgen. Eine Zahl, die vergegenwärtigt, wie viel Eis der Kontinent trägt, der größer ist als Europa.

Was die Eisschmelze auf der Antarktis abmildert, dem ist Torsten Albrecht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung nachgegangen. „Es gibt ein Zusammenspiel von Eis und Erdkruste: Die Eismassen sind so schwer, dass sie die Landmasse unter sich in die Tiefe drücken. Schmilzt das Eis, tritt der gegenteilige Effekt ein, die Erdkruste hebt sich und stabilisiert den Eisschild.“

Das ist ein Grund, warum vor 10.000 Jahren das schnelle Abschmelzen des Südkontinents gestoppt wurde: „Das Eis zog sich damals in einem Zeitraum von 1000 Jahren um mehr als 1000 Kilometer ins Landesinnere zurück. Plötzlich hat sich der Prozess umgedreht.“

Haben wir also Grund optimistisch zu sein? „Nein“, sagt Albrecht: „Das System wird derzeit viel zu schnell gestört. Das Heben der Landmassen geht langsamer vor sich“, warnt Albrecht. Und noch einen Wermutstropfen hat er parat: „Das System ist sehr träge. Selbst wenn wir es technologisch schaffen würden, die weltweite Temperatur wieder zu reduzieren, sind bestimmte Prozesse in der Antarktis, die heute ausgelöst werden, unumkehrbar.“ Für Orte an der Küste ist das alles keine gute Nachricht.

( kurier.at , ub ) Erstellt am 13.06.2018