Wissen und Gesundheit
14.10.2017

Rheuma: So haben sich die Therapien verbessert

Neue Medikamente bei entzündlichen Formen, aber auch Hilfe bei Schmerzen durch Abnützung.

Gelenke, Gelenkskapseln, Knochen, Muskulatur, Sehnen: Rheumatische Erkrankungen können den gesamten Bewegungsapparat betreffen. Knapp ein Viertel der Bevölkerung leidet daran. Auch wenn die degenerativen (abnützungsbedingten) Formen vorwiegend bei älteren Menschen vorkommen – Rheuma ist keine Alterskrankheit und kann jeden treffen. Gerade die entzündlichen Formen treten oft schon bei jungen Erwachsenen auf.

"In der Therapie der entzündlichen Erkrankungen gab es in den vergangenen Jahren große Fortschritte", sagt der Rheumatologe Univ.-Prof. Josef Smolen. Er leitet die Uni-Klinik für Innere Medizin III am AKH Wien (MedUni Wien) und die 2. Med. Abteilung im Krankenhaus Hietzing (Wiener Krankenanstaltenverbund). Er ist einer der Podiumsgäste beim Gesundheitstalk am Mittwoch (siehe unten).

"Mit den Biologika können wir die Zerstörung der Gelenke verhindern, bei rechtzeitigem Therapiebeginn werden viele Patienten schmerzfrei", sagt Smolen. Diese Medikamente greifen in den Entstehungsprozess der Erkrankung ein, verlangsamen ihren Fortschritt und können die Erkrankung auch stoppen.

Enge Kooperation

Smolens Abteilungen waren an der Entwicklung vieler dieser Therapien beteiligt. Ein Thema, das zuletzt im Vordergrund stand: Die Biosimilars – sogenannte "Nachahmerprodukte" –, die nach Ablauf des Patentschutzes des Originals auf den Markt kommen. Patienten sind hier oft skeptisch, weil sie glauben, diese würden schlechter wirken. Smolen: "Das stimmt nicht. Wir haben das untersucht. Wir haben im Rahmen einer Studie Patienten, die zunächst ein Originalpräparat erhielten, in zwei Gruppen geteilt: Die eine wurde auf ein Biosimilar umgestellt, die andere bekam das Original weiter. Sechs Monate lang untersuchten wir die Patienten genau: "Es gab keinen Unterschied bei Wirksamkeit und Sicherheit."

Bewährt hat sich die enge Zusammenarbeit von Hietzing und AKH: "Dadurch haben wir eine Größe erreicht, die notwendig ist, um in der Forschung vorne dabei sein zu können. So können Patienten aus beiden Häusern an Studien teilnehmen, Datenanalysen und Wissensaustausch funktionieren unkompliziert. Die Patienten profitieren sofort von den neuesten Erkenntnissen. Ohne Übertreibung können wir sagen, dass wir damit die Wiener Rheumatologie in die Top-Liga gebracht haben."

Bei den degenerativen (abnützungsbedingten) rheumatischen Erkrankungen gibt es weniger medikamentöse Möglichkeiten, sagt Gesundheitswissenschafterin Univ.- Prof. Tanja Stamm, MedUni Wien. "Hier sind auch andere Maßnahmen sehr wichtig. Bei Beschwerden in den Fingergelenken etwa mit einer Ergotherapeutin zu besprechen, wie man Alltagsaktivitäten so durchführen kann, dass man die Gelenke nicht überbelastet."

Auch Physiotherapie ebenso wie Bewegung generell und auch Ernährung hätten hier eine große Bedeutung: "Das Selbstmanagement ist bei diesen Erkrankungsformen das Entscheidende. Das ist wichtiger als käuflich zu erwerbende Kapseln oder andere Mittel, deren Wirksamkeit sehr umstritten ist." Um die Schwere der Erkrankung zu bestimmen, werden heute nicht nur Laborwerte verwendet. Stamm: "Durch gezielte Fragen über die Krankheitssymptome und die Möglichkeiten der Alltagsbewältigung erheben wir ein Gesamtbild." Diese Erhebungsmethoden wurden zu einem wesentlichen Teil in Wien entwickelt und werden heute weltweit angewandt, sagt Stamm: "Die Perspektive der Patienten stark einbeziehen – in diesem Bereich ist die Rheumatologie heute wirklich federführend."

Alles zum Gesundheitstalk

Rheumatische Erkrankungen sind das Thema des Gesundheitstalks am kommenden Mittwoch, 18. 10., 18.30 Uhr. Gabriele Kuhn (KURIER) spricht mit Univ.-Prof. Tanja Stamm (Gesundheitswissenschafterin) und Univ.-Prof. Josef Smolen (Rheumatologe) von der MedUni Wien sowie mit Ing. Paul Pocek, Präsident der Österr. Vereinigung Morbus Bechterew), selbst ein Betroffener.

Veranstaltungsort: Van-Swieten-Saal der Medizinischen Universität Wien, Van-Swieten-Gasse 1a (Ecke Währinger Straße), 1090 Wien. V

eranstalter: KURIER, MedUni Wien und Novartis. Der Eintritt zum Gesundheitstalk ist frei.

„Wichtig ist, in Bewegung zu bleiben“

An den Arztbesuch vor 40 Jahren erinnert sich Paul Pocek noch genau: „Ich war damals 30, habe leistungsmäßig Fußball gespielt, war insgesamt sportlich, aber seit einiger Zeit hatte ich so richtig tiefe Rückenschmerzen. Nach einer Röntgenuntersuchung zeigte mir mein Arzt das Bild eines stark nach vorne gebeugten Mannes und sagte zu mir: ,Mit dem Fußball ist es vorbei. Sie haben Morbus Bechterew.‘“

Bechterew war ein russischer Neurologe (1857– 1927) und einer der drei Ärzte, die die Symptome der Erkrankung erstmals genau beschrieben haben. International wird öfter der Begriff „ankylosierende Spondylitis“ („versteifende Wirbelentzündung“) verwendet – die Versteifung der Wirbelsäule ist ein Hauptsymptom dieser chronisch entzündlichen rheumatischen Erkrankung.

Pocek macht bis heute Sport – etwa Skifahren, Radfahren oder Segeln . Und er ist Präsident der Österreichischen Vereinigung Morbus Bechterew. „Wichtig ist, dass man in Bewegung bleibt, täglich eine spezielle Gymnastik macht. Damit kann man die Versteifung der Wirbelsäule deutlich verlangsamen. In ganz Österreich gibt es von uns rund 50 Therapiegruppen für Bechterew-Patienten.“ Heute sehe man auch kaum mehr Patienten mit dem typischen nach vorne gebeugten Gang. Vielen Patienten (20.000 bis 50.000 in ganz Österreich) helfen auch Kuren im Gasteiner Heilstollen. Für schwere Erkrankungsformen stehen mittlerweile auch hochwirksame Biologika zur Verfügung.
Internet: www.bechterew.at

Tanzen ist für Rheumapatienten eine ideale Form der Bewegung. „Es bringt keine Stoß- und Stauchbelastungen mit sich, auch unphysiologische Kraftanwendungen werden vermieden“, sagt Rheumaexperte Univ.-Doz. Johannes Grisar.

Unter dem Motto „Darf ich bitten?“ organisiert die Österreichische Rheumaliga in Zusammenarbeit mit dem Biopharma-Unternehmen AbbVie bereits heute, Samstag, 14. 10., von 16 bis 19 Uhr einen „Rheuma Bewegt“-Tanzsalon.

Tanzprofi und Coach Gerhard Egger führt durch den Nachmittag. Mediziner Grisar ist ebenfalls anwesend, auch Physiotherapeuten und Psychologen stehen für Fragen zur Verfügung. Auch Nicht- und Solotänzer sind willkommen.

Info
Ort: Van Swieten Saal der MedUni Wien, Van-Swieten-Gasse 1a,1090 Wien.

Anmeldung unter www.rheumaliga.at.

Der Eintritt ist frei, Dresscode:
Von sportlich bis elegant.