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© KURIER/Ute Brühl

Projekt
09/26/2016

Diese Menschen machen Lust auf Mathe

Angehende Lehrer coachen Schüler und nehmen ihnen die Angst vor Zahlen und Formeln. Mit Erfolg.

von Ute Brühl

Der 17-jährigen Selma ging es lange so wie vielen Schülerinnen und Schülern in Österreich: Mathematik war für sie das Angstfach schlechthin. Heute ist das anders. "Wenn man Mathe versteht, macht es Riesenspaß", sagt sie.

Dass Selma und viele ihrer Mitschüler mittlerweile einen anderen Zugang zu Zahlen und Formeln haben, haben sie Studenten zu verdanken, die Teil des Projekts "Mathematik macht Freu(n)de" der Uni Wien sind. Die Idee stammt von Michael Eichmair (unten): Lehramtsstudenten machen wichtige Praxiserfahrungen, indem sie kleine Gruppen beim Lernen coachen. Und Schüler mit Mathe-Defiziten bekommen eine kostengünstige Hilfe beim Lernen und Verstehen. Eine Win-win-Situation. In der Praxis heißt das, dass die Studenten ein Mal pro Woche den Studienclub an der Handelsakademie VBS Augarten in Wien leiten. Oft sitzen Schüler und Studenten bis in den frühen Abend über den Aufgaben, was die Sache für alle anstrengend macht. Doch die Mühe zahlt sich aus. Selma hatte im Zeugnis einen Vierer – in der Semesternachricht im Jänner stand noch ein Fünfer. Auch Milena, 18, sagt von sich, dass es aufwärts geht: "Vorher hat es überall gehapert."

Das Geheimnis hinter dem Erfolg? Für Schülerin Vanessa ist klar: "Mein Coach Anna ist so geduldig und geht so liebevoll mit mir um. Jetzt bin ich so motiviert wie nie." Der Vorteil: Die Studenten haben am Nachmittag die Zeit, die während des regulären Unterrichts rar ist. Alois Pack, Direktor der VBS Augarten, zieht daher nach einem Jahr eine positive Bilanz: "Wir sehen definitiv eine Verbesserung der Leistungen unserer Schüler." Pack fände es schön, könnte man das innovative Projekt ausweiten: "Wenn junge Lehrer frisch von der Uni kommen und erstmals alleine im Klassenzimmer stehen, dann gibt es für so manchen ein ,böses Erwachen‘. Im Studienclub können sie ins Unterrichten hineinschnuppern und Verantwortung für Schüler übernehmen."

Den Schülern vertrauen

Als Pionierprojekt, das Schule machen sollte, sieht es deshalb auch Sebastian Schmidt, der Mathematik nicht nur auf Lehramt studiert: "Ich habe als Coach viel über mich gelernt und darüber, wie ich mit Schülern umgehe. Zudem bekam ich eine stärkere Routine im Unterrichten. Ich habe den Schülern immer vermittelt: ,Ich vertraue darauf, dass du das glänzend hinbringst‘", lautet sein Zugang. Auch Anna Stampfer zieht ein positives Resümee: "Eine Klasse über das Jahr zu begleiten und den Schulstoff durchzukriegen, war eine tolle Herausforderung." Das Arbeiten im Lehrerteam war für sie eine neue Erfahrung: "Da lernt man voneinander, weil man sieht, wie andere erklären. Mein Kollege Patrick Eisenhut führt die Schüler z. B. immer so an die Sache heran, dass sie selbst auf die Antwort kommen." Patrick Eisenhut schätzt am Team-Teaching, dass man sich auf den Partner verlassen kann. Mehr noch: "Wir erstellen gemeinsam Materialien und tauschen uns fachlich aus, wie man ein Thema angeht." Auch im TGM, einer HTL in Wien, haben die beiden in der letzten Ferienwoche einen Workshop geleitet, wo sie Schüler auf das neue Schuljahr vorbereitet haben. Einige mussten zum Nachzipf, andere wollten ihre Defizite so weit reduzieren, dass sie einen Fleck auf eine Schularbeit vermeiden.

Schauen, wo es hakt

Damit Coaches – wie sich die Studenten bezeichnen – wissen, wo sie überhaupt ansetzen müssen, haben sie "Diagnose-Aufgaben" entworfen. Unterstützt wurden sie dabei von Lukas Riegler, der Mathematiklehrer am TGM ist. "Mit diesen Aufgaben finden wir heraus, welche ,Lieblingsfehler‘ gemacht werden, also wo genau der Punkt ist, an dem sie nicht mehr weiterkommen und sie zum Beispiel deshalb die Berechnung des Flächeninhalts eines gleichseitigen Dreiecks nicht verstehen", erläutert Anna Stampfer. "Wenn wir dort einhaken können, lernen die Schüler am effektivsten."

Von der Idee zur Praxis

Die Idee zu dem Projekt stammt von Michael Eichmair, mit 33 Jahren jüngster Professor an der Uni Wien, der u. a. in Stanford, am MIT und an der ETH Zürich forschte und lehrte. Sein Ziel ist es, das Image seines Fachs zu verbessern. "Das geht nur über die Lehrer. Deren Leistungsfähigkeit ist entscheidend", glaubt er. Weil "nur vom Reden nichts besser wird", hat er das Projekt "Mathematik macht Schule" auf die Beine gestellt – in Kooperation mit der Uni Wien (Fakultät für Mathematik und Zentrum für LehrerInnenbildung) und der PH Niederösterreich. Gefördert wird es von der Stadt Wien, dem Bildungsministerium und der Industriellenvereinigung.