So verstehen Sie Ihren Arztbefund

Doctor pointing Your Text at digital tablet…
Foto: NastcoGetty Images/iStockphoto Guter Befund: Schwarz auf weiß steht es auf dem Bildschirm

Ein neues Online-Service übersetzt das "Fach-Chinesisch" beim Arzt in verständliches Deutsch.


Laien verstehen beim Arzt oft nur Bahnhof. Zum Beispiel, wenn es um eine "flüssigkeitssensitive Sequenz" geht. Oder hätten Sie gewusst, dass es sich hierbei um eine Darstellungsform beim Röntgen handelt, in der Flüssigkeiten besonders gut sichtbar sind?

Laut Studien werden im Arztgespräch nur 20 Prozent der Informationen tatsächlich aufgenommen. Solche Erfahrungen machte Anja Bittner aus Dresden. "Viele Freunde fragten mich, weil ich Medizin studierte und weil sie sonst niemanden fragen konnten." Wie etwa die Mutter einer Freundin, die mit Verdacht auf Brustkrebs und einem für sie unklaren Befund. "Sie und ihre Familie machten sich große Sorgen, weil sie die Beschreibungen im Internet anders interpretiert hatten."

Verständliche Sprache für Patienten

So entstand die Idee zur Online-Plattform Was hab’ ich?, die Bittner mit ihrem Ehemann, ebenfalls Mediziner, und einem befreundeten Informatiker 2011 gründete. Über ihre Erfahrungen spricht Anja Bittner dieser Tage beim Forum Alpbach. Mittlerweile wurden 25.000 Befunde in eine für Laien verständliche Sprache übersetzt, pro Befund ist mit vier bis fünf Stunden Arbeitsaufwand zu rechnen. Als Übersetzer fungieren 150 bis 200 Fachärzte und Medizinstudenten (ab 8. Semester). Darunter sind übrigens auch Studenten von Österreichs Medizin-Unis, aus Wien etwa 50.

Das Projekt zeige deutlich, dass Patienten heute ein großes Bedürfnis nach Informationen haben. "Den meisten geht es gar nicht um eine Zweitmeinung. Sie wollen einfach den Befund verstehen."

Das ist auch ein wichtiger Beweggrund für Bittner. "Patienten sollten das Recht haben, selbst Entscheidungen zu ihrer Gesundheit zu treffen." Aus Langzeitstudien der deutschen Bertelsmann-Stiftung ist etwa bekannt, dass drei Viertel aller Patienten ihre Behandlungsentscheidungen gemeinsam mit dem Arzt treffen wollen.

Kommunikationsprobleme abbauen

Dass es zwischen Arzt und Patient im Informationszeitalter noch immer so viele Kommunikationsprobleme gibt, ist für die mittlerweile promovierte Medizinerin keine Überraschung. Zu großer Respekt vor den "Halbgöttern in Weiß" verhindert noch immer häufig genaues Nachfragen; Aufregung beeinträchtige zudem die Aufnahmefähigkeit. Oft verlässt sich im Medizinbetrieb einer auf den anderen. In Studien gibt die Hälfte der befragten Krankenhaus-Entlassenen an, dass ihnen der Arztbrief nie erklärt wurde – weder im Spital noch vom Hausarzt.

Vom medizinischen Übersetzungsservice profitieren aber auch die angehenden Mediziner. "Mit jedem übersetzten Befund verbessert sich die Kommunikationsfähigkeit des Mediziners." Mittlerweile werden die "Was hab ich?"-Experten bereits für Kommunikationskurse an Universitäten gebucht.

Keine Interpretationen bei Befund-Übersetzung

Allzu hohe Erwartungen sollte man dennoch nicht hegen. "Wir können keine ganzheitlichen Aussagen machen und auch keine Interpretationen abgeben, weil wir uns nur auf den Befund beschränken", betont Bittner. Auch fachlich stoße man durchaus an die Grenzen. "Dann können wir aber auf ein großes Netzwerk zurückgreifen in dem Fachmediziner eingebunden sind."

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Online-Service-Portal

Infos
Seit 2011 kann man unter www.washabich.de kostenlos seine (anonymisierten) Befunde einsenden. Der Andrang ist mittlerweile sehr groß, es kann zu Wartezeiten kommen. Finanziert wird die Plattform durch deutsche Krankenkassen, Stiftungen und Spenden.

Ablauf
Der eingesendete Befund wird verschlagwortet und in ein internes Netzwerk eingespeist. Von dort haben alle registrierten, ausgebildeten Übersetzer (Medizinstudenten und promovierte Ärzte) Zugriff darauf und wählen einen Befund für die Übersetzung aus. Es gibt keine Therapie-Empfehlungen.

(Kurier) Erstellt am
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