Hannah Arendt

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1906-1975
10/14/2016

Hannah Arendt vor 110 Jahren geboren

Von der "Banalität des Bösen" bis zur "Die Lüge in der Politik": Arendts Werke sind aktueller denn je.

Die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt ist vor 110 Jahren am 14. Oktober 1906 in Deutschland geboren. Wegen ihres "unabhängigen Denkens zwischen den Stühlen", wie einst der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer schrieb, wurde sie zu einer der wenigen Ikonen unter den politischen Theoretikern des 20. Jahrhunderts.

Hannah Arendt, im hannoverschen Stadtteil Linden geboren, floh 1933 als junge jüdische Frau mit ihrem ersten Ehemann und der Mutter aus Deutschland; sie starb mit 69 Jahren nach einem Herzinfarkt als US-Bürgerin in ihrer New Yorker Wohnung. In einem berühmt gewordenen TV-Interview mit Günter Gaus sagte sie 1964: "Denken beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod." Es bedürfe "nicht nur des Kopfes, sondern auch des Herzens, das heißt der Einfühlung, der Fähigkeit, das Besondere, das Zufällige, von der Ratio nicht Vorhergesehene wahrzunehmen".

"Banalität des Bösen"

Als sie das sagte, hatte es Hannah Arendt gerade unfreiwillig zu großer Berühmtheit für ihre Berichte vom Jerusalemer Prozess gegen den Nazi-Schlächter Adolf Eichmann gebracht. Dass sie im bürokratischen Organisator der Massenmord-Fabrik Auschwitz die "Banalität des Bösen" verkörpert sah und die Einbeziehung von Judenräten am Holocaust problematisierte, führte zu einer extrem bitteren und scharfen Kontroverse. Auch enge Freunde wandten sich ab, weil sie meinten, Arendt habe das Morden der Nazis verharmlost und sei dafür mit den Juden sehr hart umgegangen.

Im Abstand von vierzig Jahren gelten Arendts damalige Überlegungen zur Natur des Bösen und zur politischen Systemen generell als bleibend und auch wieder neu aktuell. "Das Klima des Postmodernismus und der Identitätspolitik sowie die Suche nach einer nicht-ideologischen posttotalitären Weltsicht haben ihrem Denken eine erneuerte Relevanz und Vitalität verliehen", schrieb der in Jerusalem lehrende Steven Aschheim in einem Sammelband über die Eichmann-Kontroverse.

"Die Lüge in der Politik"

Neben dem Nationalsozialismus hat sich Arendt nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit dem Stalinismus als Herrschaftssystem befasst und dazu 1951 die als ihr Hauptwerk geltenden "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" vorgelegt. Sie schrieb das Buch bis 1966 immer wieder fort bzw. um und wurde damit zu einer wichtigen Inspirationsquelle für die 68er-Studenten. Denen sie aber selbst mit ihrem prinzipiell ideologiekritischen Denkansatz durchaus kritisch und distanziert gegenüber stand.

"Hier kommt die Lüge im Gewand der Werbung einher, die ihre Grenze jedoch darin findet, dass man politische Meinungen und Ansichten nicht einfach kaufen kann."

Arendt erhielt 1951 die US-Staatsbürgerschaft und fühlte sich bis zu ihrem Tod auch ganz als Bürgerin der USA. Gerade deshalb stellte sie nach der Debatte um ihr Eichmann-Buch Kritik an diesem von ihr grundsätzlich bejahten System ins Zentrum. "Die Lüge in der Politik" betitelte sie ihre Kritik an offiziellen Washingtoner Darstellungen zum Vietnam-Krieg. Grundlage waren die Veröffentlichung der geheimen "Pentagon-Papiere" 1971 durch den damals im Verteidigungsministerium angestellten Daniels Ellsberg. Sie belegten, dass die Regierung den Krieg längst systematisch vorbereitete, als sie öffentlich das Gegenteil behauptete. "Hier kommt die Lüge im Gewand der Werbung einher, die ihre Grenze jedoch darin findet, dass man politische Meinungen und Ansichten nicht einfach kaufen kann", schrieb Arendt.

Aktualität Hannah Arendts

35 Jahre nach dem Diebstahl und der Veröffentlichung der Pentagon-Papers bekommt Ellsberg für seine Zivilcourage am 8. Dezember in Stockholm einen der vier "Alternativen Nobelpreise" dieses Jahres überreicht. Vor Jahren hat der US-Journalist Bob Woodward ein Buch mit dem Nachweis systematischer Lügen der Bush-Regierung über den Irak-Krieg veröffentlicht. Aber auch die Fotos aus der US-Folterwerkstatt Abu Ghraib in Bagdad und Edward Snowdens Aussagen über den Geheimdienst NSA erinnern an die Aktualität von Hannah Arendts politischem Denken, das sich stets jedem festem System und allen "-ismen" entzogen hat. Und nach vorne offen ist. "Ein Wesenszug menschlichen Handels ist, dass es immer etwas Neues anfängt", schrieb sie in "Vita Activa" (1958).

Stationen ihres Lebens

Hannah Arendt hat als Totalitarismus-Forscherin nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend zur Aufarbeitung der NS-Zeit beigetragen. Wichtige Stationen ihres Lebens:

14. Oktober 1906: Johanna Arendt wird als Tochter jüdischer Eltern in Linden bei Hannover geboren. Sie wächst im ostpreußischen Königsberg auf.

1924-1928: Studium der Philosophie, Theologie und Altphilologie bei Martin Heidegger in Marburg, Edmund Husserl in Freiburg und Karl Jaspers in Heidelberg. Mit Heidegger hat sie von 1925 bis 1930 eine Liebesbeziehung. 1928 Promotion bei Jaspers über den Liebesbegriff bei Augustinus.

1929: Übersiedlung nach Berlin, wo Arendt den Philosophen Günther Anders heiratet. Die Ehe wird 1937 geschieden.

1930: Als Stipendiatin der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft arbeitet sie an einer Biografie der Berliner Jüdin Rachel Varnhagen. 1933 größtenteils beendet, erscheinen ihre Studien aber erst 1955.

1933: Nach kurzer Gestapo-Haft emigriert Arendt nach Paris. Dort ist sie in einer jüdischen Flüchtlingsorganisation aktiv.

1937: Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft.

1941: Nach mehrwöchiger Internierung im südfranzösischen Lager Gurs flieht sie mit ihrem zweiten Mann, Heinrich Blücher, und ihrer Mutter in die USA. Sie schreibt in den folgenden Jahren politische Kolumnen für das deutsch-jüdische Wochenmagazin "Aufbau" in New York, ist als Forschungsleiterin einer Konferenz für Jüdische Beziehungen und Cheflektorin im Salman Schocken Verlag tätig.

1948-1952: Arendt leitet die Organisation zur Rettung jüdischen Kulturguts, in deren Auftrag sie 1949 und 1950 erstmals nach Kriegsende wieder Deutschland bereist.

1951: Die Staatenlose erhält die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Mit ihrem Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" (dt. 1955) etabliert sie sich als gesellschafts- und politikwissenschaftliche Theoretikerin.

1953: Nach Gastvorlesungen unter anderem in Princeton und Harvard erhält sie eine befristete Professur am Brooklyn College in New York.

1961: Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem für die Zeitschrift "New Yorker". Ihre sehr umstrittenen Artikel erscheinen 1963 unter dem Titel " Eichmann in Jerusalem. Die Banalität des Bösen" in Buchform.

1963-1967: Professur für Politikwissenschaft an der University of Chicago. Von 1967 bis zu ihrem Tod lehrt sie Politische Philosophie an der New School for Social Research in New York.

Die wichtigsten Werke von Hannah Arendt

Hannah Arendt, deren Geburtstag sich am 14. Oktober zum 110. Mal jährt, gilt als Autorin einer der weitsichtigsten Deutungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ihre großen Themen waren Totalitarismus, Antisemitismus und das Wesen des politischen Handelns.

  • "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus. Imperialismus. Totale Herrschaft" (1951, deutsch 1955): Das Standardwerk betrachtet Nationalsozialismus und Stalinismus als "anarchischen Aufstieg der modernen Massengesellschaft" nach Zerfall des Nationalstaates. Die Arbeit über die Wesensverwandtschaft totalitärer Herrschaftsformen begründet Arendts Ruf als Politologin.
  • "Vita activa oder Vom tätigen Leben" (1958, deutsch 1960): Arbeit, Produktion und Konsum lassen dem modernen Menschen zu wenig Raum für politisches Handeln und Gemeinsinn, beklagt Arendt.
  • "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" (1963): Der Prozess-Bericht beschreibt NS-Verbrecher Adolf Eichmann nicht als Personifizierung des Bösen, sondern als gleichgeschalteten Spießbürger. Einen Sturm der Entrüstung löst die These aus, die Juden hätten durch Passivität zu ihrer Vernichtung beigetragen. Arendts umstrittenstes Werk.
  • "Macht und Gewalt" (1970): Die Studie untersucht das Verhältnis der Macht als "Wesen aller staatlichen Gemeinwesen" zur Gewalt als drohendem Selbstzweck und Gefahr für die Politik.
  • "Vom Leben des Geistes. Das Denken / Das Wollen" (1978, deutsch 1979): Denken, Wollen und Urteilen sollen politisches Handeln als höchste menschliche Tätigkeit bestimmen, fordert Arendt in ihrem unvollendeten Werk.
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