Wissen 06.03.2018

"Penicillinallergie": Warum Ärzte genau nachfragen müssen

Lebensbedrohlicher Schock nach Penicillin: Seltener als oft angenommen. © Bild: KURIER/Jürgen Zahrl

Viele Patienten glauben, eine solche Allergie zu haben. Oft ist das aber nicht der Fall. Für den Betroffenen kann das zu einem Überlebensnachteil führen.

Jeder zehnte Patient im Spital glaubt, an einer Penicillinallergie zu leiden - und nennt diese bei der Aufnahme. Tatsächlich allergisch sind aber weniger als ein Prozent. Und ein sofort auftretender, lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schock mit Blutdruckabfall, Kreislaufversagen, Übelkeit, Schwellungen der Lippen, Augenlider und Atemnot tritt bei nur fünf von 10.000 Patienten auf. Das sagte die Pharmazeuting Elisabeth Feizlmayr von der Anstaltsapotheke des Landeskrankenhaus Steyr Montagnachmittag bei der Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming.

"Nachfragen, was das heißt"

Wenn die Diagnose Penicillinallergie in der Krankenakte stehe, müssen die behandelnden Ärzte nachfragen, "was das heißt": Denn eine echte, durch sogenannte IgE-Antikörper vermittelte Penicillinallergie bedeutet, dass keine Penicilline, aber auch keine Cephalosporine und keine Carbapeneme (wichtige Reserveantibiotika) - sie gehören alle zur selben Antibiotikagruppe der ß-Laktame, weshalb Kreuzreaktionen möglich sind - eingesetzt werden dürfen: "Das ist dann eine Kontraindikation."

Deshalb sei es wichtig, eine "unerwünschte Arzneimittelwirkung" wie einen Hautausschlag von einer echten Penicillinallergie, die bereits zu einem anaphylaktishen Schock geführt hat, zu unterscheiden. Denn bei reinen Überempfindlichkeitsreaktionen wie einem Ausschlag "ist nach einer Risikoabwägung eine Therapie mit einem Antibiotikum aus der Gruppe der sogenannten ß-Laktame noch möglich".

"Ein Überlebensnachteil"

Werde aber ohne tatsächliches Vorhandensein einer echten Penicillin-Allergie auf diese Antibiotika-Gruppe verzichtet, "nehmen wir uns eine große Möglichkeit für die Therapie". Oder wie es ein Arzt aus dem Publikum formulierte: "Ohne genaues Nachfragen wird oft eine Penicillinallergie für immer in der Krankenakte verewigt. Aber das kann ein Überlebensnachteil sein."

Hatte ein Patient schon einen anaphylaktische Reaktion, darf er eben auch kein Cephalosporin bekommen, "hatte er aber nur einen Hautausschlag, sollte er sogar ein Cephalosporin erhalten", so der Arzt.

Patienten würden irrtümlicherweise oft auch Durchfälle als allergische Reaktion einstufen - davon sind aber rund 45 Prozent aller Antibiotika-Patienten betroffen.

Feizlmayr: "Das Nachfragen ist wichtig. Im Normalfall kann sich der Patient an einen anaphylaktischen Schock mit Adrenalingabe und intensivmedizinischer Betreuung erinnern."

Allergische Reaktionen die häufigsten Nebenwirkungen

Aktuelle Studien zeigen, dass es bei einem von fünf Patienten "zu unerwünschten Arzneimittelereignissen unter Antibiotika-Therapie kommt". In den USA sind Antibiotika für knapp 20 Prozent aller Einweisungen in die Notaufnahme verantwortlich, bei Jugendlichen unter 18 sind sie sogar die häufigste Ursache für einen Besuch in einer Notaufnahme. Allergische Reaktionen stellen dabei mit 80 Prozent die häufigsten Nebenwirkungen dar.

Übrigens: "Die Anweisung, den Inhalt einer Packung Antibiotika zur Gänze einnehmen zu müssen, ist überholt", betonte Feizlmayr. "Es gibt einen Trend zu höheren Dosierungen, aber kürzerer Einnahmedauer." Eine kürzere Therapie sei nicht weniger effektiv und fördere auch keine Resistenzen. Eine kürzere Einnahmedauer darf aber nicht eigenmächtig durchgeführt werden, sondern muss vom Arzt auch so verordnet werden.

( kurier.at , em ) Erstellt am 06.03.2018