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Gendermedizin
03/05/2014

"Patient" Frau: das große Unwissen

Die Medizin weiß mehr über Mann und Maus als über Frauen. Höchste Zeit, umzudenken

von Sandra Lumetsberger

Frauen wurden in der Medizin lange Zeit vernachlässigt. Das hat zur Folge, dass man heute viel mehr über Männer weiß. "Das Problem ist, dass sich die Medizin in der Forschung und Therapie lange am Prototyp Mann orientiert hat", sagt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender-Medizin an der MedUni Wien.

Krankheiten werden später erkannt, weil Frauen andere Symptome bei medizinischen Problemen wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Übergewicht, Autoimmunerkrankungen oder Krebs haben. "Bei einem Schlaganfall zeigen sie nicht wie Männer Lähmungserscheinungen, sondern haben Sprachstörungen und sind verwirrt. Durch eine späte Diagnose haben sie in der Rehabilitation schlechtere Prognosen und mehr Langzeitschäden."

Blasenkrebs

Ein Beispiel dafür, dass es sowohl Patientinnen als auch Ärzten an Bewusstsein fehlt, ist Blasenkrebs, meint Shahrokh F. Shariat, Vorstand der Wiener Uniklinik für Urologie. "Er wird bei Frauen später diagnostiziert, da Symptome wie Blut im Harn oft nicht als Krankheit wahrgenommen werden." Die Hauptursache für die Entstehung von einem Blasenkarzinom ist Zigarettenkonsum. Die Tendenz bei Frauen ist steigend, weil heute mehr Frauen rauchen als noch vor wenigen Jahren, analysiert Shariat. Rauchende Frauen haben ein höheres Krebsrisiko als rauchende Männer.

Geschlechterunterschiede zeigen sich auch in Therapien nach Operationen. Eine Phase-II-Studie, in der Tumore entfernt wurden, zeigte, dass Frauen andere Hormonrezeptoren haben und individuelle Therapiemaßnahmen brauchen.

In der Entwicklung von Medikamenten wird der Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Organismus und Stoffwechsel nicht berücksichtigt. In vielen Untersuchungen wird auf das unterschiedliche Alter und die verschiedenen Lebensphasen von Mann und Frau nicht eingegangen.

Mäusetests

"Die gesamte Arzneimittelentwicklung wird an jungen männlichen Mäusen gemacht. Dabei wissen die Untersucher, dass der Zyklus der weiblichen Tiere die Medikamentwirkung beeinträchtigt. Aber es ist ressourcensparender, ihn wegzulassen und an männlichen Mäusen zu arbeiten. Dass die Arzneien an Frauen mit Zyklus verabreicht werden, interessiert sie nicht", kritisiert Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung an der Charité Berlin. Daher weiß man kaum, welche Stoffe den Krankheitsverlauf bei Frauen beeinflussen und welche Nebenwirkungen auftreten können. Dass es zukünftig eine rosa und eine blaue Packung geben wird, glaubt Alexandra Kautzky-Willer nicht. "Ich denke, dass es auf die richtige Dosierung ankommt."

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