Wissen
22.02.2018

Neandertaler wurden unterschätzt

Die Theorie, dass nur der "moderne Mensch" abstrakt denken konnte, ist widerlegt. Der Neandertaler konnte es auch.

Es ist jene Frage, über die sich Wissenschaftler ebenso leidenschaftlich streiten können, wie wir alle bis spät nachts bei zwei Flaschen Wein: Was macht den Menschen einzigartig? "Die Fähigkeit zu lieben", schreien die einen, "das Handwerkliche, das Schaffende" (Homo faber), brüllen andere. Einer wirft die Seele ein, ein anderer das Göttliche und wieder einer den Homo ludens – den spielenden Menschen, der bloßen Zeitvertreib ohne Nutzen beherrscht, Kultur und Spiel.

Die Anthropologie, die Wissenschaft vom Menschen, definiert den modernen Menschen mit dem Zusatz sapiens hinter dem Gattungsnamen Homo – der wissende, denkende und damit planende Mensch. Auf diese Definition hat man sich weitgehend geeinigt und vieles erforscht: Homo sapiens entwickelte sich vor 300.000 Jahren in Afrika, wanderte vor 70.000 Jahren nach Europa und machte sich dann überall breit. Alle anderen Arten der Gattung Homo starben aus (siehe unten).

Aufrechter Gang, kein abstraktes Denken

Sie alle hatten einfache Werkzeuge, sie hatten Feuer, sie gingen auf zwei Beinen und relativ aufrecht (Homo erectus), derHomo neanderthalensislebte sogar in Europa. Aber sie planten und dachten noch nicht strategisch – vor allem nicht abstrakt. Deswegen wurde bis vor kurzem sämtliche Kunst, von Höhlenmalereien über plastische Figuren, verzierte Knochenwerkzeuge bis zu Schmuck aus Knochen, Zahn, Elfenbein, Muschel oder Stein in Europa alleine dem Homo Sapiens zugeschrieben.

Diese Annahme war aber falsch.

Du Neandertaler, du

Schon vor 64.000 Jahren bemalten die Neandertaler Höhlenwände auf der iberischen Halbinsel und damit gut 20.000 Jahre bevor der erste Sapiens einen Fuß auf europäischen Boden setzte. Das haben Forscher des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig jetzt herausgefunden. Symbolische Objekte hat der neanderthalensis überhaupt schon vor 115.000 Jahren hergestellt. Dirk Hoffmann leitet die Forschung dazu und stellt klar: "Die Entstehung der symbolisch-materiellen Kultur ist eine der tragenden Säulen dessen, was uns zum Menschen macht."

Besonders europäische Höhlenkunst galt bisher als Alleinstellungsmerkmal des modernen Menschen, der erst während der "Jungpaläolithischen Revolution" vor etwa 40.000 Jahren auf dem Kontinent ankam. "Höhlenkunst präzise zu datieren, ohne sie zu zerstören, war bisher kaum möglich", sagt Hoffmann. "Dank der jüngsten technischen Entwicklungen können wir jetzt aber mit der Uran-Thorium-(U-Th)-Methode Karbonatkrusten auf den Farbpigmenten datieren und so ein Mindestalter für die Höhlenkunst erhalten."

Neues Puzzleteil

Also untersuchten die Wissenschaftler 60 Proben von jeweils unter zehn Milligramm aus drei verschiedenen Höhlen in Spanien – La Pasiega im Nordosten, Maltravieso im Westen und Ardales im Süden – und staunten. Denn als diese roten und schwarzen Malereien, Tiergruppen, Punkte, geometrische Zeichen und Handabdrücke, vor mindestens 64.000 Jahren vollbracht wurden, war der Sapiens noch in Afrika. "Die Höhlenkunst muss also von Neandertalern geschaffen worden sein."

Anthropologen sind gewohnt, ihre Thesen neu zu formieren, Funde sind nämlich oft wie Puzzleteile, die das ganze Bild ändern. Konkret hatten die Neandertaler zumindest teilweise schon die Fähigkeit unseres abstrakten Denkens, entwickelten kulturelle Symbolik und waren kognitiv nicht vom "modernen Menschen" zu unterscheiden. Daher müsse nun die Suche nach den Ursprüngen von Sprache und entwickeltem Wahrnehmungsvermögen auf eine halbe Million Jahre und den gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und Sapiens ausgedehnt werden: den Erectus.

Und die gerne gekalauerte Dummheit des Neandertaler müssen wir wohl auch streichen.

Sahelanthropus tchadensis, (vor 8–7 Mio. Jahren) das bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie, ging möglicherweise schon aufrecht.

Australopithecus afarensis, (vor 6–3 Mio. Jahren) ist der populärste gemeinsame Vorfahre der Hominiden. „Lucy“ wurde in Äthiopien entdeckt und nach einem Beatles-Song benannt.

Homo habilis, (vor 2,5–1,4 Mio. Jahren) gilt als erster Hominide, der bewusst Werkzeug herstellte.

Homo erectus, (vor 1,8 Mio.–300.000 Jahren) wanderte als Erster der Gattung Homo von Afrika nach Europa und Asien.

Homo heidelbergensis (vor 780.000– 500.000 Jahren) repräsentiert den frühesten Menschen Europas.

Homo neanderthalensis, (vor 130.000–30.000 Jahren) weist sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zum heutigen Menschen auf.

Homo sapiens, (vor 300.000 Jahren bis heute): Der „Mensch der Gegenwart“ wanderte in Afrika, bevor er sich auf den Weg in den Rest der Welt machte. Er überlebte als einzige Homo-Art.