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Phänomen
12/24/2016

Wie der Stern von Bethlehem entstand

Komet, Supernova oder spezielle Planetenkonstellation – was hat den drei Weisen den Weg gewiesen?

von Sandra Lumetsberger

Ein mehrzackiger Stern, dessen Strahlen wie eine Taschenlampe auf das Christuskind leuchten. Oder ein Stern über der Krippe, mit langem Schweif, der einen Komet andeutet – solche Darstellungen zogen sich durchs Mittelalter und prägen bis heute das Bild der Weihnachtsgeschichte. Auf Gemälden oder Postkarten.

Was damals wirklich am Himmel passierte, wussten niemand genau. Die Informationen aus dem Evangelium sind schlicht und spärlich. Matthäus schreibt etwa von den drei Weisen, die fragten: "Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen." Weiter heißt es: "Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen."

Inspiriert von Literatur

Die bildende Kunst konnte damit nur wenig anfangen. Künstler suchten daher nach Inspiration und fanden sie in der Literatur, erklärt Kunsthistoriker Andreas Fingernagel. Er leitet die Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek. Als wichtigste Quellen nennt er das Protoevangelium des Jakobus, eine frühchristliche Schrift, in der auch über den Stern berichtet wird. Oder die berühmte Legenda aurea (lat. "goldene Legende"), eine Art religiöses Volksbuch, das Ende des 13. Jahrhunderts entstand. Schon früh hatte man das Bedürfnis zu erklären, auszuschmücken. Und wendete Strategien an, die wir heute aus der Werbung kennen: "Ziel war es, die Heilsbotschaft greifbar zu verkünden, sichtbar zu machen. Das ging nur mit Emotionen, die man stark verwendete."

Und was lässt sich besser verkaufen, als ein Komet, der den Weg zur Krippe zeigt. Der Schweifstern, den Giotto di Bondone auf seinem Gemälde "Anbetung der Könige" malte, entsprang nicht einfach seiner Fantasie. Der Maler war 1301 Zeuge, als der Komet Halley am Himmel erschien. Obwohl es im fraglichen Zeitraum keine astronomischen Belege eines Kometen gab, festigte sich das Bild, das er schuf.

Was noch gegen die Kometen-Version spricht: diese Himmelskörper galten seit jeher als Boten für Unheil und Katastrophen, die etwa zu Hitze und Stürmen führten. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere (geb. ca. 23 n. Chr.) erstellte etwa zwölf Kometen-Phänomene, denen er eine Naturkatastrophe zuordnete. Im christlichen Mittelalter deuten die Menschen Kometen als "Rute Gottes", die er in den Himmel schoss, wenn ihm was nicht passte.

In Flandern und Frankreich, berichtet der Kunsthistoriker, verzichtete man auf die Kometen-Version. Stattdessen zeigten die Künstler Lichtstrahlen, was wiederum einen anderen Mythos schuf: Der Stern von Bethlehem war eine Supernova, also eine Sternenexplosion. Dieser Legende hält sich bis heute. Und wurde auch von Johannes Kepler vertreten, der sie 1604 beobachtete.

Astrophysiker Hannes Richter, Astronom am Planetarium Wien, schließt eine Supernova aber aus. Der Lichtblitz, der entsteht, wenn ein massereicher Stern am Ende seines Lebens explodiert, müsste vor 2000 Jahren wochenlang am Himmel zu sehen gewesen sein: "Eine Supernova wäre zur Zeit von Christi Geburt aufgefallen, und so hätte irgendwer sie dokumentiert."

Sonderbares am Himmel

Richter hält es für wahrscheinlicher, dass den drei Weisen, die vermutlich Sterndeuter waren, eine besondere Planetenkonstellation auffiel: "Im Jahr 7 vor Christus kamen sich Saturn und Jupiter binnen eines Jahres drei Mal scheinbar besonders nahe." Ein seltenes Schauspiel, das als "größte Konjunktion" bekannt ist. Bei einer "Konjunktion" befinden sich Sonne, Erde und weiter entfernte Planeten fast auf einer Linie. Dann kommt es zu einem Überholmanöver, bei dem die Erde an der inneren Bahn an den Planeten vorbeizieht. Für Beobachter sieht es so aus, als würden sich die Planeten aneinander annähern und sich vor dem Hintergrund der Fixsterne treffen – eine optische Täuschung. Denn in Wirklichkeit sind sie viele Millionen Kilometer voneinander entfernt. Was das Himmelsspiel noch mystischer erscheinen lässt: das Zodiakallicht, ähnlich dem Lichtkegel einer Taschenlampe, das durch winzige, das Sonnenlicht reflektierende Staubteilchen hervorgerufen wird.

Damit das alles einen Sinn ergibt, muss man die Symbolik der Planeten kennen, erklärt der Experte: "Nach dem Sternenglauben der babylonischen Astronomen wurde Jupiter als Gott, mit Namen Marduk, verehrt, Saturn war ein Repräsentant für das Volk der Juden, namens Kewan." Die Zusammenkunft der Planeten fand vor dem Hintergrund des Sternbilds Fische statt, das für das Land am Meer stand: Palästina. Die drei Weisen könnten das als Botschaft gedeutet haben – ein neuer König wurde in Palästina geboren.

"Frei von Zweifel ist auch diese Version nicht", sagt Richter. Aber wer braucht zu Weihnachten schon wissenschaftliche Sicherheit, in den Krippen und Christbäumen macht sich ein Stern einfach besser.

Was alte Handschriften über Weihnachten verraten

Immer wenn ein neuer Stern erscheint, wird ein König geboren – diese heidnische Überlieferung wurde auf das Christentum umgemünzt, erklärt Kunsthistoriker Andreas Fingernagel. Je nach Epoche wurde der "Weihnachtsstern" unterschiedlich dargestellt. In einer romanischen Handschrift trägt ihn ein Engel in einem Tuch. In der Renaissance verschwindet er, weil er als zu abstrakt empfunden wurde. Im Mittelalter zeigte man ihn in besonders farbenprächtigen Schriften. Mehr dazu gibt es in der Sonderausstellung "Unter Bethlehems Stern" (bis 15.1. im Prunksaal derÖsterreichischen Nationalbibliothek)

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