Integration  in Reinkultur: Bewegungsbetreuerin Sevgi Aydin brachte ihre Nachbarinnen zum Sport

© Uwe Mauch

Best Practice
06/09/2015

Wie eine Türkin den Österreicherinnen vorturnt

Bei Sevgi Aydin kommen die Nachbarinnen aus dem Wiener Gemeindebau ins Schwitzen.

von Uwe Mauch

Die resolute Frau Gerti drückt ihr zur Begrüßung einen dicken Schmatzer auf die Wange. Montag, 9 Uhr im Nachbarschaftszentrum eines Gemeindebaus in Wien-Favoriten: Sevgi Aydin strahlt über das ganze Gesicht. Freut sich auf die nächste Kursstunde. Die ausgebildete Bewegungsbetreuerin hat zum Ergometertraining geladen. Und wieder sind sie alle gekommen!

Dies ist die etwas andere Geschichte zum Thema Gesundheit und Migration, das Porträt über eine Vorturnerin mit Migrationshintergrund.

Eine Erfolgsstory

Noch vor ein paar Jahren hätte man über Frau Aydin anders schreiben müssen: Sie war Kassiererin im Supermarkt und litt unter argen Rückenschmerzen. Zwar hatte sie in ihrer Kindheit und Jugend in der Türkei gerne und viel Sport betrieben, Leichtathletik und Aerobic. Doch nach der Hochzeit und der Geburt ihrer beiden Kinder blieb ihr keine Zeit mehr für ausgleichende Bewegung. Die Arbeit an der Kassa, das Sitzen, das Heben setzte ihrem Rücken zu. Jahrelang machte ihr ein Bandscheibenvorfall zu schaffen.

Große Akzeptanz

Zum Aufwärmen dreht sie mit den Kursteilnehmerinnen langsame Runden, dann auch die Hüften und die Arme. Alle folgen brav ihren Anweisungen. Die Akzeptanz ist groß, und der Spaß kommt nicht zu kurz. Was zu erwähnen ist. Denn zum einen gelingt hier gerade still und heimlich Integration in Reinkultur (die Schlagzeile "Türkin trainiert Österreicherin" wird nie den Weg in die Krawallzeitungen finden). Zum anderen kann sich Sevgi Aydin trotz ihrer Jugend gut behaupten. Mit ihren 46 Jahren ginge sie gut und gerne auch als Tochter der munteren Truppe aus der Nachbarschaft durch. Die meisten Turnerinnen sind bereits längere Zeit im Ruhestand.

"Ich sehe mich hier wie eine Brücke", sagt die Bewegungsbetreuerin, bevor sie ihre Damen zu den Zimmerrädern bittet. Um ihre Rückenschmerzen los zu werden, hat sie anfangs selbst Kurse besucht. Menschen wie die Frau Gerti haben sie dann ermuntert, sich bei der ASKÖ ausbilden zu lassen. Heute kann sie ihnen als Kursleiterin viel von dem Vertrauensvorschuss zurückgeben.

Unterstützt wird Aydin bei ihren Kursen weiterhin vom Herrn Rudi, dem ASKÖ-Urgestein, der ihr regelmäßig mit wertvollen praktischen Trainingstipps zur Seite steht. Dabei sind ihrem Elan offenbar keine Grenzen gesetzt: Einmal führt sie ihre Nachbarn beim Nordic Walking an, dann hilft sie wieder ehrenamtlich Familien mit behinderten Kindern, zudem engagiert sie sich bei der Aktion "Willkommen Nachbar" oder auch als "Gesundheitsbotschafterin". Immer wieder besucht sie Fortbildungsveranstaltungen.

Keine Beschwerden

Ihr sportliches Engagement kann sich sehen lassen: Frau Aydin ist topfit. Es plagt sie weder Übergewicht, noch Diabetes oder Bluthochdruck. "Meine Kinder sind stolz auf mich", sagt die Kursleiterin, während ihre Nachbarinnen mit dem Ergometer kräftig in Richtung Ende der Kursstunde strampeln. "Mein Mann ist stolz, und ich bin es auch. Es tut mir auch nichts mehr weh."

Für ihre inzwischen erwachsenen Kinder will sie weiterhin ein Vorbild sein. Sie wäre auch gerne ein Vorbild für ihre Landsfrauen. Denn natürlich sind die Vergleichsstudien nicht von der Hand zu weisen: Migranten und Migrantinnen leiden in der Tendenz öfter an chronischen Krankheiten.

Dieses Ziel hat sie bisher noch nicht erreicht. Auf den Ergometern ist heute wieder keine einzige türkische Nachbarin im Einsatz. Dessen ungeachtet sagt die ehemalige Supermarktkassiererin: "Ich würde mir wünschen, dass mehr von meinen Landsfrauen den ersten Schritt setzen und regelmäßig Sport betreiben." Es wäre wichtig, wenn mehr Betroffene von ihrer Positiv-Geschichte erfahren.

KURIER-Leser sind ins ASKÖ-Bewegungscenter auf der Schmelz (1150 Wien) eingeladen: Sevgi Aydin berichtet dort von ihrem Weg zur Bewegungsbetreuerin und vom persönlichen Nutzen des Sports. Danach zeigt ASKÖ-
Sportwissenschafter Günter Schagerl einige praktische Übungen. Daher empfiehlt sich die Mitnahme von Sportschuhen und bequemer Sportkleidung. Die Teilnahme ist kostenlos und unverbindlich. Tag und Uhrzeit des Workshops werden bei der Anmeldung bekanntgegeben. Die ist aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl (15 Personen) erforderlich:

Telefon: 01 / 869 32 45 – 14

eMail: guenter.schagerl@askoe.at

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