Wissen und Gesundheit
25.04.2017

Warum Melatonin das Schweizermesser unter den Hormonen ist

Das Schlafhormon schützt vor freien Radikalen, beeinflusst Demenz, Fruchtbarkeit und, und, und...

Melatonin braucht der Mensch, um einzuschlafen. Das erst im Jahr 1958 entdeckte "Schlafhormon" auf diese Funktion zu reduzieren, würde es unter seinem Wert schlagen. Seit den 1990er-Jahren werden seine positiven Effekte auf die Gesundheit intensiv beforscht.

Deren gibt es viele, weiß man mittlerweile – von Demenz über Unfruchtbarkeit bis zu Augenerkrankungen. Längst sprechen Wissenschaftler daher vom "Multitasking-Hormon" oder einem "Tausendsassa". Andere bezeichnen es gar als " Schweizermesser unter den Hormonen".

Wie ein Dirigent

"Melatonin wird weitgehend nur als Schlafhormon betrachtet, aber es hat sehr viel mehr Potenzial, das Wirkspektrum geht weit über die Behandlung von Schlafproblemen oder Jetlag hinaus." Der Schlaf ist dafür allerdings ein wichtiger Spieler, wenn es darum geht, das Wirkspektrum auszunutzen. "Wir wissen seit etwa zehn Jahren, dass ausreichend Schlaf beziehungsweise genügend Melatonin für die Gesundheit von großer Bedeutung sind", sagt der deutsche Chronobiologe Jan-Dirk Fauteck.

Er vergleicht Melatonin am liebsten mit dem Dirigenten eines Orchesters. "Es ist der Taktgeber, der alle biologischen Rhythmen steuert. Wenn man bedenkt, dass es im Körper Hunderte verschiedene Rhythmen gibt, ist es eine enorme Leistung, dass sie alle reibungslos funktionieren." Da überrascht es nicht, dass dieses "Super-Hormon" Wissenschaftler in aller Welt beschäftigt. In der wissenschaftlichen Datenbank PubMed sind knapp 22.000 Forschungs-Beiträge zu finden, die Melatonin thematisieren.

Antioxidans

Einer der spannendsten Ansätze im Moment ist die Bedeutung des Hormons als starkes Antioxidans. "Zahlreiche Studien bestätigen die Wirkung im Kampf gegen freie Radikale, die die Zellen schädigen." Nicht nur, weil es so wirksam ist, sondern auch, weil es im ganzen Körper ansetzt. "Das heißt, jede Zelle des Körpers kann von Melatonin geschützt werden", erklärt Fauteck. Im Schlaf schützt es auf diese Art das Gehirn, wo freie Radikale Nervenzellen schädigen. Diese können sich später in Demenz oder Parkinson äußern.

Je älter der Mensch, desto schlechter funktioniert die Melatoninproduktion allerdings. Das erkläre die Zunahme von Schlafstörungen. "Bestimmte dafür notwendige Enzyme sind dann weniger vorhanden, die Melatoninproduktion aus Serotonin funktioniert nicht mehr."

Immer häufiger betreffen Schlafstörungen auch jüngere Menschen, weil die natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmen zunehmend verloren gehen. "Das große Problem der heutigen Zeit ist die Lichtverschmutzung", betont der Chronobiologe.

Hochsommer-Modus

Das bedeutet: "Wir leben permanent in einem Hochsommer-Modus. Sechs Stunden völlige Dunkelheit sind in Städten heutzutage schon viel."

Dazu kommen elektronische Geräte, die viele erst unmittelbar vor dem Einschlafen aus der Hand legen. Abends beginnt der Körper mit der vollen Melatoninproduktion, die gegen 23 Uhr ihre höchsten Werte erreicht: Der Wert steigt auf das Achtfache von jenem des Tages. Für den Körper ist das der Befehl, auf Nachtbetrieb umzuschalten. Aber: "Schon eine Minute am Tablet zu lesen kann den Schlaf-Wach-Rhythmus um bis zu einer ganzen Stunde verschieben." Den natürlichen Taktgebern zu folgen, hat nicht nur kurzfristige Effekte. "Ein ausreichender Schlaf-Wach-Rhythmus ist die beste Präventionsmaßnahme vor späteren Krankheiten."