Warum der March for Science wichtig ist

Rally To Stand Up For Science In Boston
Foto: Boston Globe via Getty Images/Boston Globe/Getty Images Probelauf in Boston: Im Februar protestierten Forscher

March for Science: Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny über Wissenschaftsfeindlichkeit und was man dagegen tun kann.

"US-Kollegen sind nach der Trump-Wahl noch immer in Schockstarre." Die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny ist besorgt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zunehmend ignoriert, Forscher an den Pranger gestellt, für ideologische Zwecke instrumentalisiert oder ihrer Existenzgrundlagen beraubt. "In Europa haben wir es zwar noch besser, aber die Zustände in der Türkei und in Ungarn, wo jetzt eine ausgezeichnete Universität geschlossen wird, weil sie den Machthabern nicht passt, zeigen uns, dass wir uns keinesfalls zurücklehnen dürfen." Darum marschiert Nowotny am Samstag für die Wissenschaft, für ihre Freiheit und für mehr Bewusstsein, dass die Errungenschaften ihrer Zunft das Leben jedes Menschen besser machen.

Zur Person

Prof. Dr. Helga Nowotny, Vienna Foto: Heimo Aga

Helga Nowotny. Sieben Jahre lang hat die international anerkannte Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny den Europäischen Forschungsrat (ERC) aufgebaut, der sowohl talentierte Nachwuchs- als auch Spitzenforscher im Bereich Grundlagenforschung finanziert. Von 2010 bis 2013 stand sie als Präsidentin auch an der Spitze des ERC. Die Professorin emerita der ETH Zürich ist Erstunterzeichnerin des Aufrufs zum Vienna March for Science. Nowotny, 1937 in Wien geboren, hat Rechtswissenschaften sowie Soziologie studiert und lange in den USA geforscht.

KURIER: Egal, ob Internet, Navi, Handy, Skiwachs oder moderne Medizin – alles ohne Wissenschaft nicht denkbar. Warum schlägt den Forschern trotzdem so viel Skepsis entgegen?

Nowotny: Die Menschen nehmen all das, was ihnen nützt, als selbstverständlich. Wissenschaft ist für viele zu weit weg. Nach der Schule ist der Kontakt dazu abgebrochen. Darum sagen viele: Das hat nichts mit meinem Alltag zu tun.

Weshalb nehmen autoritäre Politiker Wissenschaft so stark als Bedrohung wahr?

Weil Wissenschaftler ihre Meinung sagen und Fragen stellen. Weil Skepsis Teil ihrer Arbeitsmethode ist. Alles in Frage zu stellen, geht autoritären Führern gegen den Strich, denn sie wollen nicht mit Fragen konfrontiert werden, die unangenehm werden können; und schon gar nicht mit Ungewissheit. Denn die will der autoritäre Politiker ausräumen – Motto: Ich weiß, wo es langgeht und ihr folgt mir.

Glaubt man dem Eurobarometer, das regelmäßig die Einstellung der Menschen zur Wissenschaft abfragt, sind die Österreicher besonders wissenschaftsskeptisch.

Das begann bereits in der Monarchie. Mit Kunst konnten die Leute was anfangen, weil das mit dem Hof assoziiert wurde. Aber Wissenschaft spielte schon damals eine marginale Rolle. Die österreichischen Wissenschaftler des frühen 20. Jahrhunderts haben sich auch eher international durchgesetzt. In der Nazi-Zeit wurde die Forschung dann ohnedies ausgehöhlt, und das wirkte später nach. Ich glaube nicht, dass es Wissenschaftsfeindlichkeit ist, sondern Unwissen.

Wir leben in einer "postfaktischen Gesellschaft", in der Entscheidungen auf Stimmungen, Meinungen oder gar Lügen basieren. Stichwort Fake News. Hat die Wissenschaft dieser Entwicklung zu lange zugeschaut?

Man kann immer alles besser machen, aber wir haben das Problem, dass die Universitäten in Österreich zu kämpfen haben. Sie haben zu wenig Mittel und fallen als starke Partner aus. Und zu den Fake News: Propaganda-Feldzüge gab es zwar schon immer. Aber Fake News verstärken das alles. Das ist eine der großen Herausforderungen. Wer zensuriert das? Ich sehe die langfristige Aufgabe der Wissenschaft darin, die Urteilskraft der Menschen zu stärken.

Skeptiker wie Klimawandelleugner wird man aber schwer erreichen?

Einmal mit dem Klimawandel-Leugner zu reden, wird nichts nützen. Man muss ständig dranbleiben und den Dialog führen. Darum ist es auch so wichtig, die Gesellschaft einzubeziehen und den Weg zur Erkenntnis zu zeigen. Wissenschaft braucht Verbündete. Darum habe ich auch dazu aufgerufen, dass jeder Forscher, der am March for Science teilnimmt, zwei Menschen mitnimmt, die nicht in der Forschung tätig sind. Das symbolisiert, wie tief die Wissenschaft im Leben der Menschen verankert ist.

Erinnern Wissenschaftler die Menschen zu wenig daran, wie die Welt ohne ihre Erkenntnisse aussehen würde?

Wir können uns das ja gar nicht mehr vorstellen: Schalten Sie alle Handys aus – die Menschen wären völlig konfus. Wir sind total abhängig. Nicht nur, wenn Schnee auf der Autobahn liegt. Technik und Wissenschaft sind verschränkt. Das GPS würde ohne Einsteins Relativitätstheorie nicht funktionieren. Oder nehmen wir die Lebenserwartung: Heute haben sogar die Menschen in den ärmsten Ländern eine höhere Lebenserwartung als die Generation um 1800. Das ist ein Verdienst der Wissenschaft.

Wenn Wissenschaftler es für nötig halten, weltweit auf die Straße zu gehen, ist es an der Zeit nachzufragen: Woran krankt es?

Ich glaube, wir brauchen eine Aufklärung in einer neuen Form. Die europäische Aufklärung vor 200 Jahren ging von einigen wenigen Wissenschaftlern und Intellektuellen aus und wurde zu einer breiten Bewegung. Ihr Ziel, dass allen Menschen vernünftige Argument zumutbar sind und dass man aufgrund von Argumenten zu einem Konsens kommen kann, das ist es, was wir auch heute wieder brauchen.

Die Route

In 500 Städten wird protestiert

Wer wo und warum am Samstag für die Wissenschaft auf die Straße geht.

Für die Wissenschaft macht sich ein Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums Wien sogar zum A...., pardon, Allosaurus: Im Saurierkostüm wird er am Samstag beim March for Science Stimmung für die Wissenschaft machen.

Spätestens seit US-Präsident Donald Trump den Klimawandel als "Ente" bezeichnet hat und auch sonst kein Hehl daraus macht, mit Wissenschaft nichts am Hut zu haben, sind Forscher in heller Aufregung. Am Samstag wollen sie auf die Straße gehen. Der Hauptprotestzug des March for Science soll direkt am Weißen Haus in Washington vorbeiziehen. Damit nicht genug: Mehr als 500 Städte in Ländern überall auf der Welt haben angekündigt, sich an der Aktion beteiligen zu wollen – etwa aus Argentinien, Brasilien, Kanada, Kolumbien, Costa Rica, Dänemark, Deutschland, Island, Indien, Japan, Mexiko, Neuseeland, Panama, Norwegen, Portugal, Südafrika, Südkorea, Uganda, und die Schweiz.

In Wien wird die Route mitten durch die Innenstadt führen – "als Symbol, dass Wissenschaft ein zentraler Bestandteil der Gesellschaft ist", sagt der Vorsitzende des Organisationsteams Oliver Lehmann. Nicht die Sehenswürdigkeiten sollen an diesem Tag im Mittelpunkt stehen, sondern die wissenschaftlichen Institutionen an denen die Demonstranten vorbei ziehen.

Die Route:

grafik… Foto: /Grafik

Infos unter www.sciencemarchvienna.at

(kurier) Erstellt am
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