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Wissen
02/06/2019

Magnetismus: Der Nordpol könnte bald der Südpol werden

Der magnetische Nordpol wandert immer schneller. Das ist nicht der einzige Hinweis auf eine nahende Polumkehr.

von Ute Brühl

Der Nordpol rast und rast mit atemberaubendem Tempo – und irgendwann landet er dann am Südpol. Klingt absurd, ist es aber nicht, wie Roman Leonhardt, Geophysiker bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynaik (ZAMG), weiß: „Solche Polumkehrungen kommen regelmäßig vor.“

Dass sie wandern, hängt mit dem Magnetfeld der Erde zusammen. Das Phänomen entsteht durch ständige Bewegungen im Inneren der Erde (Grafik). Forscher haben gemessen, dass sich die Pole seit Beginn der 90er Jahre schneller bewegen, weshalb eine Feldumkehr (Polumkehr) bald passieren könnte. Wobei „bald“ in 500, 1000 oder 5000 Jahren sein kann. Geologen rechnen in anderen Zeiträumen.

Was wie eine Nachricht klingt, die für Weltuntergangspropheten gemacht ist, wird unser Leben sicherlich beeinflussen, „Chaos wird es aber nicht geben“, beruhigt Leonhardt. Interessant ist für den Geophysiker aber eher, was für eine baldige Polumkehr spricht. Er nennt hierfür drei Indizien:

- Es ist hoch an der Zeit: Im Schnitt kommt so ein Ereignis alle 250.000 Jahre vor, das letzte ist 780.000 Jahre her. Irgendwann wird es also wieder passieren. Übrigens: Beim letzten Mal ist der magnetische Nordpol gen Süden gewandert. Heißt: Unser heutiger Nordpol ist korrekterweise der magnetische Südpol.

- Schwaches Magnetfeld: Wie vor jeder Polumkehr schwächt sich derzeit das Magnetfeld in relativ kurzer Zeit ab. „Wir haben ein Minus von 10 Prozent. Das ist enorm viel. Da muss es also Gegenbewegungen im Erdinneren geben“, erläutert Leonhardt.

- Anomalie im Südatlantik: In der Region von Südamerika bis Afrika ist das Magnetfeld derzeit sehr schwach, weshalb über dem Gebiet viele Satelliten ausfallen. Eine solche Anomalie gab es auch vor der letzten Polumkehr.

Doch Leonhardt ist Wissenschafter und sucht auch nach Gründen, die gegen eine baldige Feldumkehr sprechen: „Die Magnetstrahlen sind stärker als vor dem letzten Ereignis.“

Humboldts Problem

Mit den Polen befassen sich Menschen übrigens seit Erfindung des Kompass’ – bereits im Mittelalter stellte man dabei Abweichungen fest. „Man erklärte sich Abweichungen mit Verunreinigungen der Geräte“, sagt Leonhardt. Bald beschäftigte man sich wissenschaftlich mit dem Phänomen: „Um 1600 erschien dann das erste wissenschaftliche Werk der Neuzeit überhaupt. Titel: De magnete (über den Magnetismus).

1836 gründete Mathematiker Carl Friedrich Gauß mit Alexander von Humboldt den „Magnetischen Verein“. „Es war der erste internationale wissenschaftliche Verein. Mitglied war ZAMG-Gründer Karl Kreil“, erzählt Leonhardt, der für seine Forschung bald gen St. Helena aufbrechen wird.

Lava als Kompass

Dort untersucht er die Lava früherer Vulkanausbrüche: Diese verrät, wo die Pole einst gelegen sind. „Lava enthält viel Eisen, das sich wie eine Kompassnadel ausrichtet. Sobald es erkaltet, ist die Nadel quasi festgefroren.“ Da Vulkane aber nicht ständig ausbrechen, müssen Daten aus der ganzen Welt gesammelt werden. Nur so können die Polbewegungen genau nachgezeichnet werden.

Animation einer Polumkehr