Kuh & Co.: So erfinderisch benützen Tiere Werkzeug

Eine braune Kuh kratzt sich mit einem Besenstiel am Rücken.
Die Kärntner Kuh Veronika verblüfft mit ihrer Kratztechnik. Hausrinder sind aber nicht die einzige Tierart, die Werkzeug gebraucht.

Veronika kratzt sich wie keine andere. Schon in jungen Jahren hob das Braunvieh Äste geschickt mit der Zunge auf, um damit den Juckreiz an sonst unerreichbaren Körperstellen zu lindern. 

Mit 13 Jahren hat die kluge Kuh aus Kärnten ihre Technik perfektioniert. Sie nutzt die harten Borsten des Schrubbers schwungvoll, um an den Rücken zu gelangen, das Stockende führt sie vorsichtig ans Euter und die Bauchhaut.

Forschende der Vetmeduni Wien haben das Verhalten des Nutztieres, das auf einem Biobauernhof im Gailtal wie ein Haustier lebt, in Augenschein genommen, ihre Beobachtungen mit Experimenten abgesichert und die Ergebnisse vorige Woche in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht. Nicht nur der KURIER berichtete.

Der erste wissenschaftliche Nachweis für den Werkzeuggebrauch einer Kuh machte international Schlagzeilen; im Guardian wie in The Washington Post, in El Pais wie in National Geographic. Auch auf Wikipedia scheint die österreichische Intelligenzbestie mittlerweile auf. 

Studien-Erstautor Antonio J. Osuna-Mascaró und Kognitionsbiologin Alice Auersperg vom Messerli Forschungsinstitut kommentieren ihre Erkenntnisse: Veronika verwende den Besen tatsächlich als Mehrzweckwerkzeug. Und: „Besonders bei Tieren, die wir vor allem unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit betrachten, bleiben viele Fähigkeiten unsichtbar, weil wir sie gar nicht erst erwarten.“

„Was die Intelligenzforschung zu Nutztieren betrifft, haben wir wirklich große weiße Flecken“, begrüßt Ludwig Huber die Pionierarbeit seiner Kollegen zum Rindvieh. Der Leiter des Department of Interdisciplinary Life Sciences weiß, dass es sich bei Veronika um einen gut abgesicherten Sonderfall handelt. 

Kuh Veronika ist mehr Haustier als Nutztier - und ein Sonderfall 

Er führt die Einzelhaltung auf einer Almwiese ins Treffen sowie die wohlwollende Versorgung durch die Familie Wiegele. Auch das Alter mag zu der ausgefeilten Handhabung des Schrubbers geführt haben. Die kognitive Kompetenz spricht Huber dem smarten Hausrind freilich nicht ab.

Schließlich werden laufend Studien über tierische Fähigkeiten in freier Wildbahn oder aus kontrollierten Versuchen publiziert, die den ungeahnten Erfindergeist von Säugern bis Wirbellosen aufdecken. Der Kognitionsforscher verweist auf sein Buch „Das rationale Tier“ (Suhrkamp) aus 2021, in dem er von 418 Werkzeug nutzenden Spezies schreibt, darunter 277 Vogel- und 53 Insektenarten.

Die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall setzte 1960 mit ihrer Beobachtung von Schimpansen, die Termiten mit Grashalmen fischten, den ersten Meilenstein. 

Zuletzt verlängerten Wölfe die Liste. Ende des Vorjahres lösten die Auswertungen von Kamerafallen an der kanadischen Westküste eine Diskussion aus; nicht alle Experten wollten das raffinierte Plündern von Krabbenfallen als Werkzeuggebrauch bei wilden Wölfen interpretieren.

Werkzeugnutzung kann sehr einfach und hoch komplex sein

„Es gibt nicht die eine Werkzeugnutzung. Der Gebrauch eines externen Objekts als Erweiterung eines Körperteils, um ein Ziel zu erreichen, spannt sich von ganz einfach bis hoch komplex“, sagt Huber. 

Entfernt etwa eine Geradschnabelkrähe die kleinen Ästchen vom Stab, um ungehindert nach Nahrung zu stochern, setzt diese Manipulation einiges an Planung und Fertigkeit mit Schnabel und Krallen voraus.

Bricht ein Goffin-Kakadu einen Span aus der Voliere und längt ihn nach Bedarf ab, um eine Nuss hinter dem Zaun zu angeln, entspricht das einem multifunktionellen Werkzeuggebrauch à la Veronika. 

Nimmt ein Primat den Stein als Hammer zur Hand, um die Nuss zu knacken, richtet sich zudem mit einem flachen Stein einen Amboss ein, und legt einen Wiegestein nach Steinzeitmenschen-Manier zur Befestigung unter, fällt das in die „Königsklasse“.

„Geistesblitze liegen nicht in den Genen“, lenkt Huber zum „fakultativen Werkzeuggebrauch“ und bringt Kermit als Beispiel. Der Kea in seiner Obhut begann in den 2010er-Jahren plötzlich, mit einem Stock Futter aus einer Kiste zu holen. Er fand bald gefiederte Nachahmer. 

Ebenso schauten sich Japanmakaken das Würzen von Erdäpfeln im Salzwasser von einem einzigen Weibchen ab. Mittlerweile hat sich die „Kultur“ in der ganzen Population durchgesetzt.

„Es bleibt vieles unter dem Radar der Wissenschaft“, ist der Departmentleiter überzeugt. Auch im Fall von Veronika dauerte es Jahre, bis ein Freund der Familie Wiegele die Kuh beim Kratzen filmte und das Handyvideo an Alice Auersperg schickte. 

„Wir Wissenschaftler sind dankbar für Anregungen; das Internet ist sicher ein Booster“, sagt Huber: „Unsere Aufgabe ist es, den Unsinn auszufiltern und die Inputs mit serösen Methoden zu überprüfen.“

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