Wissen und Gesundheit
11.05.2017

Personalisierte Krebstherapie: Wovor Ärzte warnen

Ärzten stehen, etwa für die Krebstherapie, immer mehr genetische Daten der Tumorzellen zur Verfügung. Mediziner warnen jetzt aber, vor lauter Daten den ganzen Menschen aus dem Auge zu verlieren.

Eine Medizin, die auf den einzelnen Patienten abgestimmt – davon ist derzeit viel die Rede: "Diese Entwicklung hat 1901 begonnen – da hat Karl Landsteiner die Blutgruppen entdeckt. Das war der eigentliche Start der personalisierten Medizin", sagt der Onkologe Hellmut Samonigg, Rektor der MedUni Graz. So wie man damals Unterscheidungsmerkmale im Blut entdeckte, kennt man heute mehr und mehr (genetische) Merkmale, die z. B. Krebszellen voneinander unterscheiden – was eine Auswirkung auf die Therapie hat.

Noch nicht für Einzelpersonen

Trotzdem werde heute statt dem Begriff "personalisierte Medizin" eher " Präzisionsmedizin" verwendet – weil zwar die Medizin immer präziser werde, aber dennoch nicht jeder einzelne eine individuelle Therapie erhält. Das betont auch Michael Gnant, Leiter der Uni-Klinik für Chirurgie von MedUni Wien und AKH Wien: "Bei vielen Krebserkrankungen können wir Untergruppen identifizieren und danach die Therapie ausrichten. Aber das ist noch nicht auf Einzelpersonen maßgeschneidert."

Gnant betont auch, dass es wichtig sei, "transparent und fair und realistisch zu sagen, wo wir auf diesem Weg sind". Denn auf der einen Seite gebe es in den Medien immer wieder Erfolgsmeldungen wie "Durchbruch",oder "spektakuläres Ergebnis", auf der anderen Seite sei es dann schwierig zu vermitteln, dass neue Therapien nicht bei jedem Patienten gleich gut wirken.

"Es gibt diese Durchbrüche in bestimmten Bereichen – beim Melanom etwa, da ist ein wesentlicher Sprung nach vorne gelungen, das war vor 10, 15 Jahren nur ein Desaster", betont Samonigg. "Bei bestimmten Krebserkrankungen wie dem Blasenkrebs können wir erstmals etwas anbieten", so Gnant: "Beim Brustkrebs wiederum können wir heute acht von zehn Patientinnen heilen. Und bei den anderen Patientinnen beträgt die durchschnittliche Überlebenszeit heute nicht zwei, sondern sechs bis sieben, teilweise auch zehn Jahre."

Der Blick aufs Ganze

Die zunehmenden Informationen über die Charakteristik von Tumoren dürften aber nicht dazu führen, dass man den Menschen in seiner Gesamtheit aus dem Auge verliert, betont Samonigg: "Die Gefahr ist gegeben. Aber wir behandeln den Menschen, nicht die Erkrankung." Gnant: "Wir müssen den Studenten sagen: ,Schaut nicht nur auf die genetischen Daten – sondern schaut den Menschen auch in die Augen.‘ Aber das ist kein Entweder/Oder. Es darf nicht das eine, die Empathie, verloren gehen, wenn wir das andere, die Daten, besser verstehen. Darauf müssen wir achten."

Zumal viele Patienten von der Präzisionsmedizin heute schon auch dadurch profitieren, dass sie Therapien, die bei ihnen nicht wirksam sind, gar nicht erst erhalten, so Samonigg. Die Pharmafirma Roche will auf der neuen Plattform www.medizinfuermich.at allgemein verständliche Informationen zu den neuen Entwicklungen in der Medizin vermitteln. – Bioinformatiker Ivo Hofacker, Uni Wien: "Die personalisierte Medizin bricht nicht von heute auf morgen über uns herein. Sie fängt gerade erst an."

Mehr zum Thema:

Hoffnung, wenn nichts mehr geht