Wissen und Gesundheit
05.05.2017

Krebspatienten: Hoffnung, wenn nichts mehr geht

Eine in Wien durchgeführte Studie zeigt: Eine genaue Tumor-Analyse kann das Leben mancher Patienten verlängern.

Es ist eine Situation, die alle fürchten: Ein Patient mit einer Krebserkrankung hat alle Therapien ausgeschöpft, die bei seiner Erkrankung Standard sind – und auf keine spricht er mehr an.

Jetzt zeigt eine Studie des Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien und des AKH Wien, dass es in bestimmten Fällen dann doch noch Möglichkeiten gibt – wenn alle Merkmale des Tumors bestimmt werden, die man heutzutage im Labor schon analysieren kann. Zwar noch nicht routinemäßig, aber im Rahmen einer solchen Studie. Unter anderem wurden dafür 750 genetische Merkmale (Mutationen) auf 49 Genen untersucht.

"Wir hatten ein anspruchsvolles Ziel", sagt der Studienleiter und Onkologe Gerald Prager: "Der Zeitraum, in dem die Krankheit nicht voranschreitet (der Tumor also nicht wächst, Anm.) , sollte bei der experimentellen Therapie länger sein als bei der zuletzt durchgeführten Standardtherapie." 55 Patienten wurden in die Studie aufgenommen. Bei 36 davon konnte das Ziel erreicht werden: Der Behandlungserfolg war länger als bei der zuvor verwendeten Therapie. Bei 60 Prozent konnte die Krankheit vorübergehend stabilisiert werden. Durchschnittlich überlebten die Patienten 209 Tage – einzelne trotz der weit fortgeschrittener Erkrankung bis zu 1000 Tage.

Erfolgsbeispiel

Prager bringt ein Beispiel: Eine Patientin mit einem sehr aggressiven Schilddrüsenkrebs hatte eine ganz schlechte Prognose – häufig führt diese Form innerhalb weniger Wochen zum Tod. Die Mediziner fanden aber in ihrem Tumor eine genetische Veränderung, die auch bei bestimmten Melanomen (schwarzer Hautkrebs) vorkommt. Die Frau erhielt das Melanom-Medikament – und konnte noch mehr als ein Jahr lang leben. "Das zeigt, dass so eine genaue Tumor-Analyse bei einzelnen Patienten erhebliche Vorteile bringt."

Der Onkologe betont aber: "Nicht jeder Patient, dessen Tumor man so genau charakterisiert, hat einen unmittelbaren Nutzen davon." Und: "Noch ist es zu früh, um eine solche Analyse des Tumors jedem Patienten routinemäßig anzubieten." Prager rät deshalb auch davon ab, sich privat solche Tests anbieten zu lassen: "Es gibt zwar seriöse Anbieter solcher molekularbiologischer Profile. Aber was tut der Patient dann damit?" Es sollte auch kein einzelner Arzt über eine Therapie entscheiden: "Für unsere Studie wurden die Patienten von einem Expertenteam ausgewählt und auch die Therapien gemeinsam festgelegt. Das sollte keine One-Man-Show sein."

"Noch sehr viel mehr dazulernen"

Möglich werden solche Erfolge nur durch die Grundlagenforschung, betont Maria Sibilia, Leiterin des Instituts für Krebsforschung. Durch diese weiß man nicht nur, dass jeder Krebs genetisch völlig unterschiedlich ist: "Wir wissen heute auch, dass es je nach Tumorregion genetisch unterschiedliche Zellen geben kann." Das aber heißt: Je nachdem, an welcher Stelle die Biopsie gemacht wird, kann ein anderes Ergebnis herauskommen – und das kann wiederum die Therapie beeinflussen. Prager: "Wir haben schon viel gelernt – aber wir müssen noch sehr viel mehr dazulernen, wer wirklich von diesem Ansatz der genauen Tumor-Analyse einen Nutzen hat."