Krebszelle

© Jezperklauzen/istockphoto

Forschung
06/23/2016

Die Angst vor ansteckendem Krebs

Bei einigen Muschelarten wurde übertragbarer Krebs entdeckt. Beim Menschen ist das kaum möglich.

von Ingrid Teufl, Sandra Lumetsberger

Muscheln können sich mit Krebs anstecken. Forscher der Columbia University in New York stellten jetzt bei drei Arten fest, dass eine Leukämie-ähnliche Erkrankung von einem Exemplar auf ein anderes übertragen werden kann. Was bedeutet das für eine mögliche Krebs-Ansteckung beim Menschen?

Nichts. Die immer wiederkehrende Angst, Krebs sei infektiös, können Experten fast zur Gänze ausschließen. "Solange das genetische Material der Krebszelle in einem Zellleib verpackt ist, geht das Risiko einer Übertragung gegen Null", sagt Univ.-Prof. Heinz Ludwig, Onkologe am Wiener Wilhelminenspital. Das menschliche Immunsystem wirkt nämlich als Schutzfaktor: "Es akzeptiert fremde Zellen nicht." Aus diesem Grund müssen Transplantationspatienten lebenslang Immunsupressiva einnehmen – das Spenderorgan wird nicht abgestoßen.

Anders verhält es sich bei Muscheln. Die Wissenschaftler um Michael Metzger untersuchten dazu die Miesmuschel-Art (Mytilus trossulus), die Gemeine Herzmuschel (Cerastoderma edule) sowie die Goldene Teppichmuschel (Polititapes aureus). In den Tumoren erkrankter Exemplare entdeckten sie die gleichen Merkmale. Dies deutet darauf hin, dass die Krebszellen zwischen einzelnen Tieren übertragen werden.

Einzelfälle

Aber es gab bereits Einzelfälle beim Menschen, die sich mit Krebs angesteckt haben – was die Angst vor der Infektion nährte. Zum Beispiel bei Organtransplantationen: Bleiben Krebszellen vor der Transplantation unentdeckt, können sie im Empfänger-Körper eine Krebserkrankung auslösen. Das ist schon einmal bei einer Nierentransplantation passiert, berichtet Onkologe Ludwig. "Das war die Ausnahme von der Regel."

Auch bei Frauen können sich Krebszellen während der Schwangerschaft auf das Kind übertragen. Japanische Forscher fanden heraus, dass die Tumorzellen-DNA der Kinder mit der mütterlichen übereinstimmten. Ludwig: "Das ist möglich, da die Zellen von Föten sehr aufnahmefähig sind." Genauer gesagt tricksten die Zellen das Immunsystem des ungeborenen Kindes aus. Da den kindlichen Tumorzellen bestimmte Oberflächenproteine fehlten, wurden die Zellen für das Immunsystem unsichtbar – und schleusten sich ein. Dennoch ist diese Art der Ansteckung sehr selten.

Apropos Immunsystem – das ist für Walter Berger vom Institut für Krebsforschung an der MedUni Wien Mitgrund, warum sich Muscheln mit Krebs anstecken. "Niedere Lebewesen haben ein angeborenes, aber kein erworbenes Immunsystem wie Wirbeltiere und auch der Mensch." Zu diesem angeborenen Immunsystem gehören auch jene T-Zellen (spezielle Abwehrzellen). "Ohne diese hat man ein viel höheres Krebsrisiko."

Immuntherapie

Bewusst genutzt werden die T-Zellen bei der Immuntherapie. Für die personalisierte Krebsbehandlung macht man die T-Zellen im Labor "scharf" für die Jagd auf Krebszellen. Doch dabei geht es um Tumore, die aus körpereigenen, gesunden Zellen entstanden sind. Für die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch gebe es derzeit auch keinerlei wissenschaftlichen Nachweis, betont Berger. Lediglich das Krebsrisiko mancher Viren (HPV bei Gebärmutterhalskrebs, Hepatitis C bei Leberkrebs) sei bekannt.

Häufiger kommt es vor, dass sich Tiere mit Krebs anstecken. Besonders in mariner Umgebung, schreiben die Forscher der Columbia University. Wie sich bei den Muscheln zeigte, ist die Infektion ein weit verbreitetes Phänomen. Insgesamt sind acht ansteckende Krebslinien bei Tieren bekannt: vier bis fünf Krebsarten bei Muscheln, eine bei Hunden und zwei beim Tasmanischen Teufel. Das Beuteltier droht deshalb auszusterben: Ein aggressiver Tumor, der das etwa katzengroße Raubtier an den Rand des Aussterbens gebracht hat, wird durch Bisse von Tier zu Tier übertragen. Vor 15 Jahren gab es den ersten Fall dieser rätselhaften Krebserkrankung. Seitdem ging die Population des Beuteltiers um 85 Prozent zurück. Dennoch sind Forscher wie Cambridge-Professorin Elizabeth Murchison überzeugt: Das Krebsrisiko ist in vielzelligen Organismen angeboren, der grundlegende evolutionäre Antrieb dieser Erkrankung respektiert keine individuellen Grenzen. Nicht einmal Artgrenzen.

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