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Wissen
11/18/2020

Kinderliga: Corona verschlechtert die Chancen armer Kinder

Forderung: Die Schaffung eines Kinderminsteriums und eine Milliarde Euro für Prävention.

von Ute Brühl

50 Milliarden Euro stellt die Bundesregierung als "Corona-Hilfspaket" für die Wirtschaft zur Verfügung. "Da müsste doch auch eine Milliarde für Kinder und Jugendliche möglich sein", sagt Christoph Hackspiel, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Liga), deren 11. Jahresbericht am Mittwoch veröffentlicht wurde. Schwerpunktthema war heuer - wenig verwunderlich - die Coronakrise und die Folgen für die Kinder.

Und da zeigt sich wie im Brennglas, wo schon zuvor Vieles im Argen lag: "Jedes vierte Kind ist arm oder armutsgefährdet und hat sowieso schon schlechtere Startbedingungen, weil es eben nicht dieselben Chancen hat wie andere Kinder", sagt Hackspiel. Diese jungen Menschen drohen nun, erst recht abgehängt zu werden. Nicht nur für sie sollte der Staat jetzt aktiv werden: "Wir müssen die Weichen jetzt neu stellen, um junge Menschen medizinisch, psychologisch und therapeutisch zu versorgen, und sie auf ihrem Bildungsweg bestmöglich zu unterstützen." Und dafür braucht es auch Geld.

Das allein reicht aber nicht: "Kinder müssen auch auf politischer Ebene besser repräsentiert werden als bisher. Deshalb braucht es ein Kinderministerium, das immerhin 25 Prozent der Bevölkerung repräsentieren würde", fordert Hackspiel. Dieses soll weitaus mehr Kompetenzen haben als das jetzige Familienministerium: "Es sollte ein Mitspracherecht in allen Belangen haben, die die Kinder betrifft - hier geht es auch um Nachhaltigkeit und Chancengleichheit."

Corona und die Folgen

Doch die Experten der Liga zeichnen nicht nur ein tristes Bild: "Viele Kinder und Jugendliche sind sehr gut durch die Krise gekommen", sagt etwa Christina Ortner, Professorin für Online-Kommunikation an der FH Hagenberg (OÖ). Sie präsentierte die Studie „Kinder, Covid-19, Medien“, die im Frühjahr 2020 durchgeführt wurde und Einblicke in die Situation von Kindern im Lockdown liefert. Insgesamt nahmen 4.322 Kinder aus 42 Ländern weltweit teil, davon 149 aus Österreich.

Ein Ergebnis: Nur zwei Prozent - und damit weniger als in allen anderen Ländern - gaben an, sehr beunruhigt zu sein. Auch hatten in Österreich weniger Kinder Angst, sie selbst könnten an Covid-19 erkranken. Umso mehr sorgten sie sich darum, dass sie ihre Großeltern, Verwandte und Freunde lange nicht sehen könnten. Digitale Medien, die genutzt wurden, um Kontakte aufrecht zu erhalten, konnten den persönlichen Kontakt nur bedingt ersetzen. Auch die Alltagsstruktur der Kinder veränderte sich grundlegend. „Es gelang nicht allen Kindern, gut mit der Situation zurechtzukommen“, sagte Ortner.

Schulen nur kurz schließen

Ortner forderte, dass die nunmehrigen Schulschließungen im zweiten Lockdown „so kurz wie möglich gehalten werden“. Zusätzlich müssten ihrer Meinung nach Bewegung an der frischen Luft und ein Mindestmaß an Kontakten zu Gleichaltrigen für alle jederzeit möglich sein. Da sich viele Lebensbereiche weitgehend in den virtuellen Raum verlagern, ist laut der Medienexpertin der Zugang zu Medien wichtig. Um Härtefälle identifizieren und eingreifen zu können, braucht es mehr Ressourcen für Kinderschutz- und Kinderberatungsstellen.

"Eltern sollen sich nicht schämen müssen"

Dieser Forderung schloss sich Hedwig Wölfl, Kinderschutzexpertin und Vizepräsidentin der Kinderliga an. Wölfl betont, dass Eltern nicht erneut in die Situation gebracht werden dürfen, dass es schamhaft besetzt ist, wenn sie ihr Kind in eine Betreuungseinrichtung, sei es Kindergarten oder Schule, schicken wollen. Voraussetzung für den Kindergarten- oder Schulbesuch darf nicht nur der Grund „Eltern arbeiten in einem versorgungskritischen Bereich“ sein. Die Frage „Warum kommt Ihr Kind?“ macht es nahezu unmöglich, dass auch vernachlässigte Kinder oder solche, die zu Hause Gewalt erfahren oder bezeugen, in die pädagogische Betreuung gebracht werden können.

Psychische Belastung

De aktuelle Gesundheitskrise ist für viele Kinder und Jugendliche eine psychische Belastung. Die Ergebnisse der im Ligabericht präsentierten Umfragen aus dem ersten Lockdown zeigen, dass Kinder und Jugendliche am meisten unter den Kontaktbeschränkungen leiden. Der direkte Austausch mit ihren sozialen Gruppen (Peers), aber auch mit Großeltern und Freunden wurde und wird für Wochen unterbrochen. Insbesondere Kinder aus bildungsärmeren Schichten verlieren nicht selten den schulischen Anschluss, Jugendliche erhalten nur mehr schwer Lehrstellen, Gewalt in Familien und psychische Probleme sind deutlich angestiegen und fast alle medizinischen und therapeutischen Angebote, vor allem für Kinder mit Beeinträchtigungen, sind seit Monaten nur schwer zugänglich. Wichtige Therapiefenster bleiben ungenützt.

Niederschwellige Therapieangebote

Für Caroline Culen, Psychologin und Geschäftsführerin der Kinderliga, ist es jetzt höchste Zeit, die längst überfälligen Angebote für psychologische und psychotherapeutische Versorgung zu verstärken und diese niederschwellig, leistbar und wohnortnah für alle Kinder und Jugendlichen verfügbar zu machen. „Die Weichen für die Zeit nach der Pandemie müssen gestellt werden, gleiche Chancen sind das unangefochtene Ziel der Kinderliga“, sagte Culen. Es müsse vermieden werden, dass Probleme zu chronischen Problemen werden. 20 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen waren bereits vor Corona psychisch belastet, „wir erwarten einen Anstieg um rund zehn Prozent“, sagte Culen. „Gesundheit ist keine individuelle Entscheidung. Gesundheit darf nicht als Leistung des einzelnen Menschen gesehen werden, sondern als das Ergebnis sozialer Verhältnisse. Gesundheit hängt auch von den grundlegenden Werten einer Gesellschaft ab.“

Aktiver Kinderschutz

Kinderschutz muss gerade jetzt aktiv und nachgehend verfolgt werden, forderte die Geschäftsführerin der Kinderschutzorganisation „Die Möwe“, Hedwig Wölfl. Dem Präventionsnetzwerk „Frühe Hilfen“, den Kinderschutzzentren und der behördlichen Kinder- und Jugendhilfe kommt im Lockdown eine besondere Bedeutung zu.
Wölfl wies auch auf die besonders schwierige Lage der Jugendlichen hin. Diese entwickeln in diesem Alter ihre sexuelle Identität und für sie wäre es wichtig, sich auszuprobieren. Derzeit würden sie aber nur „haltet Abstand und kommt euch nicht zu nahe“ zu hören bekommen. „Was das entwicklungsbiologisch bedeutet, werden wir erst im Nachhinein sehen“, konstatierte Wölfl. Hier müsse jedenfalls genau hingeschaut werden, „dass das nicht in eines seltsame Bahn läuft“.
 

 

 

 

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