Wissen und Gesundheit
11.03.2014

Junge Frauen müssen nicht zum Mammografie-Screening

Alle Fragen und Antworten rund um das neue Früherkennungsprogramm.

Für große Verunsicherung sorgen derzeit Berichte, wonach nur fünf Prozent der Frauen, die im Jänner erstmals eine Einladung zum Mammografie-Screening erhalten haben, diese auch wahrnehmen. Diese Zahl hat Franz Frühwald, Bundesfachgruppenobmann der österreichischen Radiologen, veröffentlicht. „Das können wir sonicht nachvollziehen“, heißt es hingegen beim Mammografie-Programm. Für qualifizierte Aussagen sei es noch zu früh. Der KURIER hat die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Röntgenuntersuchung der Brust zur Brustkrebsfrüherkennung zusammengestellt.

Wer erhält Einladungen?

Das Programm richtet sich an Frauen ohne Anzeichen von Brustkrebs. Alle Frauen im Alter zwischen 45 und 69 Jahren (1,5 Millionen) werden alle zwei Jahre persönlich per Brief zur Mammografie eingeladen. Frauen zwischen 40 und 44 sowie 70 und 74 Jahren können ebenfalls an dem Programm teilnehmen, müssen aber selbst eine Einladung anfordern (kostenlose Serviceline 0800 500 181, Montag bis Freitag 8 bis 18 Uhr; eMail: serviceline@frueh-erkennen.at). Mit der Einladung geht man dann direkt zu einem der 191 teilnehmenden radiologischen Zentren (eine Liste der Institute gibt es unter www.frueh-erkennen.at). Mit dem Einladungssystem will man auch Frauen erreichen, die bisher noch nie bei einer Mammografie waren. Eine ärztliche Zuweisung ist nicht mehr notwendig, die Einladung ist sozusagen die Zuweisung.

Wann werden alle Frauen der Zielgruppe die Einladung erstmals erhalten haben?

Pro Monat werden 63.000 Einladungen verschickt. Im März an den Jahrgang 1947 und einen Teil des Jahrgangs 1948. Mit absteigendem Alter erhalten bis Dezember 2015 (Jahrgang 1968) alle Frauen zwischen 45 und 69 erstmals die Einladung.

Was ist, wenn bereits zwei Jahre seit der letzten Mammografie vergangen sind und noch keine Einladung im Postkasten war?

Das wird in der Übergangsphase bis Ende 2015 häufig der Fall sein. "Das Intervall zwischen zwei Mammografien soll aber auf keinen Fall länger als zwei Jahre sein", betont Doris Kiefhaber, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe. "Um das zu verhindern, muss man - wenn die letzte Mammografie bereits zwei Jahre zurückliegt - beim ersten Mal die Einladung telefonisch bei der Serviceline (siehe oben) anfordern. Danach wird sie dann automatisch im richtigen Zwei-Jahres-Rhythmus zugeschickt."

Warum können Frauen, die jünger als 40 jahre sind, nicht an dem Screening-Programm teilnehmen?

"Bei Unter-40-Jährigen ist Brustkrebs relativ selten, gleichzeitig ist aber das Drüsengewebe der Frauen sehr dicht - das führt zu vielen sogenannten falsch positiven Befunden, die die Frauen unnötigerweise beunruhigen und weiter abgeklärt werden müssen", sagt Univ.-Prof. Paul Sevelda, Präsident der Österreichischen Krebshilfe. Ähnlich die Österreichische Gesellschaft für Senologie (Brustgesundheit): "Die systematische Früherkennung bei unter 40-jährigen Frauen kann wegen der geringen Erfolgsquote des Bruströntgens und der Seltenheit der Erkrankung in diesen Altersstufen bei gleichzeitig deutlich erhöhter Strahlensensibilität des Brustdrüsengewebes mit der Gefahr induzierter (erst dadurch herbeigeführter, Anm.) Brustkrebse sogar schädlich sein und ist weltweit in keiner Empfehlung der verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften festgeschrieben." Das gilt aber nicht für Frauen mit einem erblich erhöhten Brustkrebsrisiko (wie dies z.B. bei Angelina Jolie der Fall ist - die müssen schon wesentlich früher engmaschig untersucht werden).

Und warum endet das Screening-Programm im Alter von 74 Jahren?

"Bei Frauen über 75 führt die regelmäßige Selbstuntersuchung der Brust sowie die Untersuchung durch den Arzt zu einem gleich guten Resultat wie ein Screening", sagen führende Brustgesundheitsexperten. Doch hier gehen die Ansichten auseinander. Sevelda: „Wie soll ich einer 76-Jährigen Patientin, die seit 30 Jahren alle zwei Jahre zur Mammografie geht, erklären, dass sie das ohne Krankheitsverdacht nicht mehr darf?“ Österreich habe zwar eine höhere Altersgrenze als andere Staaten. "In Großbritannien etwa liegt sie bei 70 Jahren. Ältere Frauen werden dort nicht mehr per Brief eingeladen – aber wenn sie auf eigene Initiative zur Mammografie gehen wollen, dann ist das möglich.“ Das wäre auch für Österreich wünschenswert.

Was macht eine Frau, wenn sie bereits Beschwerden hat oder ihr Veränderungen der Brust auffallen?

Das Programm zur Früherkennung richtet sich nur an Frauen ohne Anzeichen von Brustkrebs. Sollten jedoch bereits bestimmte Beschwerden auftreten, sollte möglichst schnell der Vertrauensarzt aufgesucht werden. Dieser kann dann - so wie bisher - die Patientin sofort zur Mammografie überweisen.

Müssen die teilnehmenden radiologischen Institute gewisse Kriterien erfüllen?

Alle 570 Radiologen an den 191 Standorten haben ein Zertifikat für Mammadiagnostik der Österreichischen Ärztekammer.Die Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter in den Röntgeneinrichtungen sind speziell geschult, die Geräte auf dem letzten Stand der Technik. Jedes Röntgenbild wird unabhängig voneinander von zwei Radiologinnen bzw. Radiologen ("Vier-Augen-Prinzip") begutachtet. Die Daten werden dann so verschlüsselt, dass sie nicht mehr mit einzelnen Personen in Verbindung gebracht werden können.

Was ist genau das Ziel des Programms?

„Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, das Frauen, die im Alter von 40 bis 69 Jahren an einem Brustkrebs-Früherkennungsprogramm teilnehmen, weniger häufig an Brustkrebs sterben“, heißt es in einer Analyse der MedUni Graz. „Für Frauen im Alter über 70 Jahre ist dies unsicher.“ Ohne organisiertes Screening sterben im Alter von 50 bis 59 Jahren sieben von 1000 Frauen an Brustkrebs. Bei Frauen, die alle zwei Jahre zum Screening gehen, sind es sechs von 1000. In der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen sind es ohne Screening zwölf Todesfälle pro 1000 Frauen, mit Screening hingegen "nur" acht. Das Programm soll nach der Anlaufphase bis zu 70 Prozent der Frauen für eine Vorsorgemammografie motivieren (derzeit sind es maximal 40 Prozent) – die Zahl der Brustkrebstodesfälle (derzeit 1500 pro Jahr) soll damit um ein Drittel reduziert werden.

Gibt es auch Risiken?

Ein Schaden kann theoretisch bei Frauen entstehen, die nicht an Brustkrebs erkrankt sind, bei denen aber der Mammografiebefund auffällig war („falsch positiver Befund“). Sie müssen sich weiteren Untersuchungen unterziehen – und sind bis zur endgültigen Entwarnung erhöhter psychologischer Belastung ausgesetzt. „Wir gehen aber davon aus, dass mit zunehmender Erfahrung die falsch-positiven Befunde weniger werden – es gibt eine Lernkurve“, sagt die programmverantwortliche Medizinerin Marianne Bernhart. „Schaden entsteht Frauen auch durch Überdiagnosen“, so die MedUni-Graz-Analyse: „Darunter versteht man Brustkrebs, der ohne gezielte Suche niemals auffällig geworden wäre.“

Welche Erfahrungen gibt es aus dem Ausland?

Seit 2009 gibt es in Deutschland ein flächendeckendes Mammografie-Screening, wie es mit Jahresbeginn auch in Österreich eingeführt wurde. Jetzt liegt erstmals eine Auswertung der Ergebnisse für ganz Deutschland vor: Demnach sind durch das Screening innerhalb eines Jahres rund 17.500 Karzinome entdeckt worden – 80 Prozent davon waren kleiner als zwei Zentimeter und 78 Prozent hatten die Lymphknoten noch nicht befallen. Der Anteil solcher in einem kleinen, gut behandelbaren Stadium entdeckter Tumore sei höher als vor dem Screening – und damit auch die Heilungschance für die Patientinnen. Allerdings: Noch konnte nicht gezeigt werden, dass tatsächlich auch die Zahl der Sterbefälle durch das Brustkrebsscreening sinkt. Eine Aussage über Veränderungen bei der Zahl der Todesfälle wird in Deutschland frühestens 2018 möglich sein - und in Österreich noch wesentlich später.