Gruppen-Foto der Juden, die in Wien unterwegs waren

© KURIER/Gerhard Deutsch

Erinnerung
11/10/2016

Auf Spurensuche in der Stadt der Eltern

Nachkommen von Holocaust-Überlebenden suchen in Wien ihre Wurzeln.

von Sandra Lumetsberger

Wenn die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden auf Spurensuche in Wien sind, finden sie oft eine andere Stadt vor, als in den Erzählungen ihrer Mütter und Väter. Vieles ist weg. Häuser, Lokale, Plätze. Oft erinnert nur die Hausnummer an den Ort, an dem die Eltern aufgewachsen sind. Und manche sind überrascht, dass Wien anders ist, als sie es erwartet haben.

So erging es auch den Geschwistern Lilian und Ricardo Fischer. Als sie vor Jahren mit ihren Eltern aus Argentinien nach Wien zurückkehrten, war dies sehr emotional, erzählt die 74-Jährige. Ihre Mutter zeigte ihnen jenes Haus in der Berggasse, in dem sie aufwuchs und aus dessen Fenster sie hinüber zu Sigmund Freud spähte.

Heute sind die Fischers wieder hier. Auf Einladung des "Jewish Welcome Service" fahren sie mit 30 anderen Angehörigen der "zweiten Generation" aus den USA, Kanada, England, Israel und Norwegen durch die Stadt. An der Ringstraße entlang, zur UNO-City, aber auch in den zweiten Bezirk. Eine wichtige Etappe in der Lebensgeschichte ihrer Eltern.

Emigration

Hier heirateten die beiden im September 1938 in einer Synagoge. Zwei Monate bevor diese während der Novemberpogrome in Brand gesteckt, Geschäfte und Wohnungen verwüstet wurden. Kurz danach emigrierten das Paar samt Eltern nach Südamerika. Dort fingen sie von vorne an, berichtet Sohn Ricardo. Zuerst in Bolivien, dann in Argentinien. Er kam 1950 zur Welt, seine Schwester 1942. Ihr Vater versuchte, das Geschehen in Österreich zu beeinflussen und gründete die "Association for the freedom of Austria". Zeit seines Lebens verband ihn eine Hassliebe zu seinem Herkunftsland: "Er liebte die Kultur, kam auch zu den Salzburger Festspielen. Aber er hasste, was hier passiert war", erzählt Ricardo.

Ihm und seiner Schwester gefällt das moderne Wien gut. Ihre Kindheit prägten die Großeltern aber mit Schinkenfleckerln und deutschen Liedern. Die deutsche Sprache schreiben oder sprechen haben sie nie gelernt – aber was sie hörten, blieb hängen. Lilian stimmt "Hänschen klein" an, singt es bis zur letzten Strophe.

Dennoch gab es Menschen im Exil, die mit ihrer Herkunft abschließen wollen. Wie etwa der Vater von Traude Haenlein, die jetzt mit ihrem Sohn Anund nach Wien gekommen ist. Die zierliche Frau mit dem blauen Mantel und der Brille erzählt, dass ihr jüdischer Vater "deutscher war als alle Deutschen". Bereits dessen Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg. "Sie waren daher überzeugt, dass ihnen nichts passiert." Es kam anders. 1938 wurde er nach Dachau interniert, konnte sich aber freikaufen. Er floh nach China und lernte in Schanghai seine zukünftige Frau kennen, eine Wienerin. Dort kam Traude 1945 zur Welt.

Erneute Flucht

Mehr als 20.000 Juden fanden in Schanghai, das von den Japanern besetzt war, Zuflucht. Denn in europäische Staaten zu emigrieren, war schwierig. Sie gingen äußerst restriktiv bei der Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen vor. Das zeigte sich auch bei der Flüchtlingskonferenz in Evian im Juli 1938. Dort diskutierten Vertreter von 32 Staaten darüber, wie den bedrängten Juden zu helfen sei. Das Ergebnis: Fast alle Teilnehmerländer signalisierten eine ablehnende Haltung gegenüber den Flüchtlingen - die eigenen Aufnahmekapazitäten seien begrenzt. Was vor 78 Jahren passierte, erinnert stark an die aktuellen Debatten. Letztlich sei die Weigerung der westlichen Staaten eine „Hilfeleistung“ für die Endlösung der Nazis gewesen, urteilte später der Schweizer Historiker Ralph Weingarten.

Doch auch im Exil war man nicht sicher. Auch im fernen China. Nach der Machtübernahme Mao Zedongs 1949 war nicht klar, wie sich die Situation für Juden weiterentwickeln wird. Traude Haenleins Eltern flohen 1951 erneut. Ihr Ziel: Israel. Da ihr Vater schwer an Tuberkulose erkrankte, war die Einreise unmöglich. Es gab keine ausreichenden Behandlungsmöglichkeiten. Nur Norwegen bot damals an, sie aufzunehmen. Die Familie war zerrissen, ein Teil ging nach Israel, ein anderer in die USA. Die Haenleins eben nach Norwegen. Traude Haenleins Vater kam wieder auf die Beine, doch mit seiner alten Heimat wollte er nichts mehr zu tun haben. Sein Enkel Anund, Traudes Sohn, erinnert sich, dass er nur mehr norwegische Literatur besaß, kein deutsches Buch in den Regalen. Traudes Mutter tat sich hingegen schwer, auch die Sprache war für sie ein Hindernis. Zudem vermisste sie vieles in Norwegen. Die Familie lebte am Land, es gab kaum kulturelle Möglichkeiten. Nur ab und zu fuhren sie nach Oslo in die Oper. Doch es war nicht das Gleiche.

Traude Haenleins Sohn Anund hat sich intensiv mit der Familiengeschichte beschäftigt. 1994 ging er sogar nach Wien, um Deutsch zu lernen. Er lud seine Großmutter ein, ihn zu besuchen. Mit 81 Jahren stand sie wieder vor dem Haus ihrer Kindheit in der Zieglergasse, im sechsten Bezirk - er zeigt ein abfotografiertes Bild auf seinem Smartphone her: Eine ältere Frau mit Rock und lächelndem Gesicht unter ihrer ehemaligen Haustür. "Sie meinte: ‚Warum habe ich das nicht früher getan‘", erzählt Anund.

Bis ihre Tochter, Traude Haenlein, nach Wien kam, sollte es dauern. Sie musste sich überwinden. "Ich reise viel, wollte aber nie her, weil ich so viel Negatives gehört habe. Jetzt bin ich aber sehr froh, dass ich gekommen bin." Ihr Sohn hat für die nächsten Tagen Konzertkarten, sie wollen die Zeit nutzen, um auch das andere Wien kennenlernen.

Psychiater kennt die Traumata

In manchen Familien gilt der „Pakt des Schweigens“. Um ihre Kinder zu schützen, wollen die Eltern nicht über die Geschehnisse der Flucht oder das Grauen in den Konzentrationslagern sprechen. Es gibt aber auch das gegenteilige Phänomen, berichtet Psychiater Klaus Mihacek. Wenn etwa der Holocaust ständig präsent ist, immer beredet wird – „und wie eine dunkle Wolke über der Familie hängt“.

Mihacek ist ärztlicher Leiter beim psychosozialen Zentrum ESRA. In den vergangenen zwanzig Jahren betreute dieses mehr als 3000 Holocaust-Überlebende sowie deren Angehörige. Welche Phänomene Mihacek dabei beobachten konnte: Manche Kinder spüren den unbewussten Auftrag in sich, dass sie wieder gut machen müssen, was die Eltern erlebt haben. „Sie reagieren zum Teil extrem leistungsbezogen, wollen, dass ihre Eltern stolz sind. Oder haben die Verpflichtung übernommen, für ihre Eltern zu sorgen – verzichten sogar darauf, eine eigene Familie zu gründen. Das ist quasi eine Bürde, die diese Kinder von Anfang an mitbekommen.“ Und diese fing in manchen Fällen schon früh an, etwa wenn Eltern, die das Konzentrationslager überlebten, als Folge unter Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen litten. „Es kam zu einer Rollenumkehr, bei der die Kinder schon früh den Part ihrer Eltern übernahmen und keine unbeschwerte Kindheit hatten.“ Ein Phänomen, das auch bei Kindern von psychisch kranken oder suchtkranken Eltern auftaucht.

Einfacher hat es laut Mihacek die dritte Generation. „Sie trauen sich Fragen zu stellen, auch in Familien, wo geschwiegen wurde. Den Großeltern fällt es wiederum leichter, ihnen etwas zu erzählen. Weil der zeitliche Abstand größer ist und sie es als eine Art Vermächtnis sehen, dies weiterzugeben, und das Erlebte so einen Sinn bekommt.“

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