Wissen und Gesundheit
18.11.2017

Wie kann ein Kopf transplantiert werden?

Der Chirurg Sergio Canavero erklärt, wie 2018 das umstrittene Projekt in China umgesetzt werden soll, warum er die Erfolgschancen als hoch betrachtet und warum Kopftransplantationen eine Voraussetzung für lange Raumflüge sind.

Seit 30 Jahren beschäftigt sich der Turiner Neurochirurg Sergio Canavero, 52, mit dem Plan: Der Kopf eines gelähmten Menschen soll auf einen "Spenderkörper" – etwa ein hirntotes Unfallopfer – transplantiert werden. Ein Versuch an Leichen in China sei erfolgreich gewesen, sagte er in Wien anlässlich der Präsentation seines Buches "Medicus Magnus". Auf nähere Details ging er aber nicht ein. Canavero hat das Buch gemeinsam mit dem Autor und Journalisten Georg Kindel geschrieben.

Canavero musste allerdings den Zeitplan für den Eingriff schon mehrmals verschieben. So sagte er in einemInterview mit der Futurezoneim Jahr 2016, die Operation werde im Jahr 2017 stattfinden.

Wann und wo soll der Eingriff jetzt tatsächlich stattfinden?

2018 an der Harbin Medical University in China – Details dazu wird in China in den nächsten Tagen bekannt geben. Es weden auch noch vier wissenschaftliche Arbeiten präsentiert. Zwölf Chirurgen werden die Transplantation durchführen, geleitet wird der Eingriff von Prof. Xiaoping Ren. Ich werde Teil des Teams sein. Spender und Empfänger werden Chinesen sein.

Wie läuft der Eingriff ab?

Spender und Empfänger werden nebeneinander in sitzender Position fixiert. Der zu transplantierende Kopf wird gekühlt und über einen Bypass immer mit Blut versorgt sein – zuerst vom alten, dann vom neuen Körper. Für das Versetzen des Kopfes brauchen wir sechs Sekunden, danach beginnt sofort das Verbinden sämtlicher Gefäße. Insgesamt wird der Eingriff 24 Stunden dauern. Ich schätze die Chance auf 90 Prozent, dass der Empfänger des neuen Körpers überleben und auch gehen können wird. Allerdings kann ich Ihnen nicht sagen, wie lange das dauern wird. Warum ich so sicher bin: Es hat ausreichend Tierversuche gegeben – wir haben aber nicht alle Daten veröffentlicht. Wir werden den Empfänger auch psychologisch und per Training mit einer Virtual-Reality-Brille auf das Leben mit einem neuen Körper vorbereiten.

Warum forschen Sie nicht einfach daran, wie man durchtrennte Nerven verbinden kann?

Das Rückenmark ist nach einem Unfall wie eine zerquetschte Banane – das ist schwer wiederherzustellen. Wir durchtrennen das Rückenmark hingegen mit einer extrem scharfen Klinge. Das ist etwas ganz anderes. Gleichzeitig konnten wir bei Ratten zeigen, dass die Substanz Polyethylenglykol das Zusammenwachsen der Nerven unterstützt und alle Funktionen wiederhergestellt werden. Wir glauben aber, dass wir als Zusatzeffekt unserer Forschung auch einen Weg zur Heilung von Querschnittlähmungen gefunden haben. Auch dazu werden wir noch mehr Daten veröffentlichen.

Ihr Plan hat viele Kritiker.

Das ist bei jeder Revolution in der Medizin so. Auch Christiaan Barnard wurde vor 50 Jahren vor der ersten Herztransplantation angefeindet. Und sein erster Patient lebte nur 18 Tage - man könnte also sagen, es war ein Fehlschlag. War es aber nicht. Diese erste Herztransplantation war der Start in eine neue Ära der Organtransplantation, eine neue Ära der Medizin. Oder Ignaz Semmelweis, mein Held. Seine Kollegen vernichteten ihn und wiesen seine Entdeckung, dass mangelnde Hygiene Ursache von Kindbettfieber ist, zurück. Meine Geschichte ist eine andere Ignaz-Semmelweis-Geschichte. Und auch Louis Pasteur wurde als verrückt bezeichnet. Das ist nichts Neues unter der Sonne.

Was ist ihr Ziel?

Das Ziel der Chinesen ist ein medizinisches – Kopftransplantation als Chance etwa für gelähmte, kranke Menschen. Mein Ziel ist die Lebensverlängerung. Wenn Sie altes Gewebe mit dem Blut eines jüngeren Menschen in Kontakt bringen, dreht das den Alterungsprozess zurück. So könnte auch ein alter Kopf durch einen jungen Körper regeneriert werden. Es ist ein Verjüngungseffekt. Mit Blut wird man das aber nicht machen können - einfach deshalb, weil wir nicht genug Blut zur Verfügung haben.

Eine Zukunftsversion ist auch ein Cyborg, ein menschlicher Kopf auf einem maschinellen Körper. Wir werden solche Technologien brauchen: Die Menschheit wird wegen der Überpopulation andere Planeten kolonisieren müssen – der Mars wird nur der Anfang sein. Auf so einer langen Reise müssen Sie die Menschen lange am Leben erhalten – Kopftransplantationen sind eine Möglichkeit der Lebensverlängerung. Das Problem ist: Wir werden aber auch nicht für jeden einen neuen Körper haben, das ist ein ethisches Problem. Deshalb werden wir zwischen einem künstlichen und einem biologischen Körper wählen müssen. Wir haben dieses Buch auch geschrieben, damit endlich begonnen wird, über diese Dinge ernsthaft nachzudenken.

Die Kopftransplantation ist aber nur ein Teil der medizinischen Zukunft. Wir beschreiben im Buch auch viele andere Themen - von der Züchtung von Organen bis hin zu Forschungen im Bereich der Gentherapie und der Lebensverlängerung.

Sie wurden schon mehrfach als "Dr. Frankenstein" bezeichnet. Wie gehen Sie damit um?

Das war früher öfter der Fall, aber das hat sich geändert. Niemand von denen, die das sagen, hat den Roman von Mary Shelley über den Arzt Viktor Frankenstein gelesen. Frankenstein wollte etwas Gutes tun und Leben bringen - als er aber sah, dass die Kreatur nicht dem entsprach, was er wollte, versuchte er sie zu töten. Das Buch zeigt letztlich: Wann immer wir in der Wissenschaft etwas weiter bringen, kommen wir in ein unerforschtes Gebiet.

Sie sind auch ein Comic-Fan.

Ja besonders von Spider–Man und seinem schüchternen Alter Ego Peter Parker. Dieser ist genauso schüchtern wie ich, besonders wie ich es als Jugendlicher war. Und Spider-Man hat Fähigkeiten, die heute unmöglich klingen, etwa das Klettern auf hohe Wände. Das ist aber wie bei unserem Projekt: Viele sagen, es ist unmöglich. Ich sage: Warum? Lasst es uns doch probieren.

Betrachten Sie sich selbst als Medicus Magnus?

Es wird an anderen liegen, das zu beurteilen. Ich schlage nur ein Konzept vor. Ob ich es bin oder nicht - nur die Geschichte wird es zeigen.

Buchtipp:

Sergio Canavero, Georg Kindel: "Medicus Magnus - Die Revolution der Medizin und wie wir sie nützen", edition a, 256 Seiten, 21,90 Euro