Wissen und Gesundheit
04.05.2017

Innenohr-Implantat: "Unsagbar schön, wieder Baulärm zu hören"

Vor 40 Jahren wurde erstmals ein modernes Implantat in die Gehörschnecke eingesetzt. Heute ist die Technik der Cochlea-Implantate bei schwerem Gehörverlust etabliert.

Petra Trieb war 1998 eine aufgeweckte 13-Jährige. Dann kam eine Pneumokokken-Infektion mit Hirnhautentzündung und Koma. "Als ich aufwachte, hatte ich einen absoluten Hörverlust auf beiden Ohren." Die Ärzte am Wiener AKH informierten sie über die Möglichkeit eines Cochlea-Implantats: "Ich zögerte keinen Moment. Und es war so unsagbar schön, nach der Operation und der Einstellung des Geräts wieder Baulärm zu hören – das war das erste Geräusch."

Vor 40 Jahren wurde von Ingeborg und Erwin Hochmair das erste moderne Cochleaimplantat entwickelt – und am Wiener AKH einem Patienten eingesetzt. Diese Implantate für Menschen mit schwerer Hörbeeinträchtigung sind bis heute der einzige tatsächliche Ersatz eines Sinnesorgans. Ingeborg und Erwin Hochmair gründeten die Firma MED-EL in Innsbruck – mit heute 1800 Mitarbeitern weltweit (1200 in Österreich) international führend auf dem Gebiet der Hörimplantate.
"Wir beginnen dort, wo herkömmliche Hörgeräte nicht mehr funktionieren", sagt Ewald Thurner, Area Manager bei MED-EL. Die Firma hat bereits seit den 70er-Jahren eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem AKH Wien / MedUni Wien.

"Bei Kindern mit angeborenem Hörverlust bringt ein Hörgerät nichts", sagt Wolfgang Gstöttner, Vorstand der HNO-Universitätsklinik am AKH Wien (MedUni Wien). Bei Erwachsenen ist ein Implantat dann eine Option, wenn sie im Hörtest mit Hörgerät weniger als 30 bis 40 Prozent der vorgespielten einsilbigen Wörter verstehen.

Ein Hörgerät verstärkt das akustische Signal, das Implantat hingegen stimuliert den Hörnerv elektronisch:

Neues Reha-Zentrum

In Österreich bestehe ein Bedarf von 600 Cochlea-Implantaten jährlich, durchgeführt werden 500, so Gstöttner: "Wir könnten am AKH 120 Implantate pro Jahr setzen, dürfen aber aus Kostengründen nur 100 machen."

Die Operation ist aber nur ein Teil einer erfolgreichen Behandlung. "Eine logopädische Therapie, bei der man hören bzw. verstehen lernt, oder wieder erlernt, ist für Kinder wie Erwachsene unumgänglich", so die Logopädin Brigitte Egelierler. MED-EL hat in Wien-Alsergrund jetzt ein Zentrum für ambulante Reha mit Kassenvertrag gegründet – zwei Logopädinnen sind dort tätig.
"Dass gehörlose Eltern eine Operation ihres Kindes ablehnen ist heute viel seltener als früher", sagt Gstöttner. "Früher gab es mehr Bedenken, auch wegen befürchteter OP-Risiken, aber wir haben noch nie eine schwere Komplikation oder bleibende Schäden gesehen. Im Gegenteil: Erhalten Kinder noch möglichst im ersten Lebensjahr ein Implantat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eine altersadäquate sprachliche und schulische Entwicklung möglich ist."