Wissen und Gesundheit
29.03.2017

Was Ungleichheit reduziert

Kriege, Seuchen und Chaos führen zu mehr Gleichheit– so die provokante These eines Wiener Historikers.

Walter Scheidel hat bei seinem Wien-Besuch zunächst keine guten Nachrichten dabei – stattdessen eine provokante These, die ihm in seiner Wahlheimat USA bereits viel Aufmerksamkeit brachte: Gesellschaftliche Ungleichheit lässt sich nur durch Chaos, Seuche, Revolution oder Krieg reduzieren. Das zeigen seine Forschungen zur Geschichte der Menschheit, erklärt der Historiker im KURIER-Interview.

In dem Augenblick, wo ein Staat oder Großreich zerfällt, verlieren auch die oberen Schichten ihre Privilegien. Wie etwa beim Zusammenbruch des West-Römischen Reiches im 5. Jahrhundert. "Es ging allen schlechter. Aber die Reichen haben mehr zu verlieren, das sorgte für einen ausgleichenden Effekt", sagt der 50-Jährige. Und setzt mit weiteren Beispielen fort, die er in seinem 500-Seiten-Werk "The Great Leveler" (erschien im Jänner, Princeton University Press) beschreibt. Wie etwa die Schwarze Pest, die im 14. Jahrhundert Millionen Menschen dahinraffte. Und so die ungleichen Strukturen kurzzeitig veränderte: "Durch die hohe Zahl an Toten starben viele Arbeiter, die Löhne stiegen an. Die Grund- und Bodenbesitzer verloren Kapital. Die Schere hat sich nicht ganz, aber ein wenig geschlossen – und nur bis zum Ende der Seuche." Was all die Veränderungen vereint: Sie sind intensiv, doch nicht von langer Dauer.
Dies passierte auch nach der Russischen Revolution 1917. In jenem Augenblick, in dem die gewaltsamen Zustände abflauten, kehrte die "alte Ordnung" wieder zurück, sagt der Experte. "Russland ist heute eines der ungleichsten Länder der Welt, durch die Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus hat sich die Ungleichheit verdoppelt. Es ist nicht mehr so viel anders als einst unter der Zaren-Herrschaft", sagt Scheidel.

In China beobachtete er eine etwas graduellere Entwicklung. Durch Wirtschaftswachstum, Urbanisierung und Entwicklung seien manche Leute weniger arm, als es noch vor zwei Generationen der Fall war. Während sie, laut Scheidel, von der Globalisierung profitierten, fühlen sich in Europa viele davon abgehängt. Die Ursachen ortet der Historiker in der Nachkriegszeit. Sie wird gerne als Referenzepoche gesehen: "Die Bedingungen waren nicht einfach, aber vom Wachstum haben alle profitiert, nicht in ungewöhnlichem Maße, aber immerhin." Dieser Eindruck blieb hängen – "sie wollen diese Zeit wieder haben". Denn durch die Globalisierung gewinnen insgesamt alle, aber nicht gleichmäßig verteilt. Gerade in weiter entwickelten Ländern profitiert eine Elite mehr als Menschen aus der Mittelschicht: "Sie werden nicht ärmer, hinken aber im Wachstum hinten nach, das ist längerfristig ein Problem, da öffnet sich wieder die Schere." Eine Strategie à la Trump, mit nationalen Protektionismus und Strafzöllen entgegenzuwirken, habe negative Effekte auf die Gesamtwirtschaft.

Gespalten

Der gebürtige Wiener, der seit 18 Jahren in Kalifornien lebt, sieht aktuell ein großes Problem in der polarisierten US-Gesellschaft, die kulturell und geografisch gespalten ist. Bestimmte Bevölkerungsgruppen haben kaum Kontakt zueinander: "Wenn man an der Westküste lebt, ist der Trump-Wähler ein Phänomen, mit dem man nicht viel zu tun hat."

Ein derartiges Auseinanderdriften der Gesellschaften bemerke er in Europa noch nicht. Obwohl Rechtspopulisten mehr Zustimmung erfahren als zuvor, sieht er deren Wahl nicht als Vorbote einer Revolution: "Die Geschichte kann die Zukunft nicht voraussagen". Er lässt sich aber dann doch dazu hinreißen: "Das Establishment ist in den meisten Ländern noch immer am Zuge. Das zeigte sich bei den Wahlen in den Niederlanden und wird vielleicht auch in Frankreich und Deutschland sein. Man kann nichts Weltbewegendes erwarten. Egal, wer gewählt wird, die gleichen globalen Zwänge würden noch weiter bestehen."

Mit Bildungs- und Sozialreformen halte man die Schere zwischen Arm und Reich in Europa zwar im Zaum, wirkliche Veränderungen treten aber nur ein, wenn "etwas" passiert: "Die ganze Ordnung müsste erschüttert werden." Selbst durch die Finanzkrise 2008 hätte sich nur kurzfristig etwas verschoben. "Die Reichen wurden für drei bis vier Jahre etwas weniger reich, ihre Aktien sind gefallen, haben sich aber wieder erholt. Die Ärmeren sitzen noch immer auf ihren Wohnungen mit den Hypotheken." Das einzige Positive: "Die wachsende Ungleichheit ist im Bewusstsein angekommen." Apropos. Walter Scheidel hat noch eine gute Nachricht parat: So habe sich die Ungleichheit zwischen den Ländern nachweislich in den vergangenen Jahrzehnten erholt, "weil die Entwicklungsländer nicht mehr so rasch wachsen und andere aufholen – manche viel mehr als andere". Auch in Afrika und den Ländern im Nahen Osten seien die wirtschaftlichen Verhältnisse besser als vor zehn Jahren.

Optimiert

Einen weiteren Ausblick in die Zukunft lässt sich der Historiker noch abringen: Er sieht die Robotik im Vormarsch. "Sie werden künftig noch mehr Programme und Berufe beherrschen, was den Druck auf die Mittelschicht erhöht." Aber vielleicht überwindet der Mensch bis dahin seine letzten Grenzen: "Wir sind noch ungleich, durch unsere Ressourcen und Beschaffenheit. Das kann sich ändern, wenn wir lernen, unsere Körper entsprechend zu modifizieren." Damit schlägt er in eine ähnliche Kerbe wie der Historiker Yuval Noah Harari, der in seinem Bestseller "Homo Deus" eine Revolution der menschlichen Existenz durch Biotechnik und Robotik prophezeit. Scheidel: "Das ist längst nicht mehr Science Fiction, daran wird gearbeitet." Dies beobachte er im Silicon Valley, wo die Leute seit Jahren aktiv daran arbeiten. "Sie wollen 1000 Jahre alt werden – und werden auch die ersten Nutznießer davon sein, andere vielleicht erst später." Eine Ungleichheit der anderen Art, die sich vermutlich nicht verbieten lässt. Sorgen bereiten ihm diese Entwicklungen nicht, er sehe ihnen mit Spannung entgegen.

Zur Person:
Der 50-Jährige studierte in Wien Geschichte und Numismatik, forschte in Cambridge, lehrte in Paris und Innsbruck. Seit 2004 ist er Professor für Geschichte an der Stanford University. Auf Einladung des ÖAW-Instituts für Kulturgeschichte der Antike sprach Scheidel am Montag zum Thema "Was reduziert Ungleichheit?" Ein weiterer Vortrag findet am Mittwoch, 29.03., um 17 Uhr am "Institute of Science and Technology Austria" in Klosterneuburg statt (öffentlich und in englischer Sprache).