Wissen und Gesundheit
07.10.2017

Herzstillstand: Die Überlebenschance hat sich verdoppelt

Raschere Ersthilfe, Kurse in den Volksschulen engere Zusammenarbeit von Rettung und Kliniken: Eine Vielzahl an Maßnahmen verbessert die Notversorgung.

27 Kilometer lang ist ein Netzwerk von unterirdischen Fußgängertunneln unterhalb der Innenstadt von Toronto in Kanada. "Seit dieses System mit Defibrillatoren ausgestattet wurde, ist die Überlebensrate nach einem Herzstillstand auf einem dieser Untergrundwege auf 33,3 Prozent angestiegen", sagt Univ.-Prof. Anton Laggner, Vorstand der Uni-Klinik für Notfallmedizin der MedUni Wien/AKH Wien. Im übrigen Toronto beträgt sie 18,5 %.

Das Beispiel von Toronto zeigt, was theoretisch möglich ist. Aber auch in Wien konnte die Überlebensrate nach einem plötzlichen Herzstillstand in den vergangenen Jahren deutlich gesteigert werden – von zehn auf 20 Prozent: Das sagten Vertreter der MedUni Wien / AKH Wien und Landtagspräsident Harry Kopietz anlässlich der 1. Wiener Notarzttage, die an diesem Wochenende stattfinden.

Möglich gemacht haben diese positive Entwicklung mehrere Faktoren: Gezielte Schulungen von Feuerwehr und Polizei sowie die Ausstattung ihrer Einsatzfahrzeuge mit Defibrillatoren. Seit 2013 konnten Wiener Polizisten in mehr als 350 Fällen eine erfolgreiche Reanimation durchführen.

Kinder als "Trainer"

Auch im öffentlichen Raum wurde die Zahl der Defis erhöht. Durch Training bereits in den Volksschulen soll das Bewusstsein für die Reanimation erhöht werden. "In Wien gibt es zweistündige Schulungen in jeder dritten Volksschulklasse", sagt Kopietz, der auch Präsident von "PULS – Verein zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes" ist. Dieses Angebot wird jetzt auf die vierten Klassen ausgeweitet: Eine Wiederholungsübung soll das Wissen vertiefen. Diese Trainings durch Sanitäter und Medizinstudenten sollen eine "Kultur des Hingreifens" fördern.

Volksschulkinder haben zwar noch nicht die Kraft, um bei einer Reanimation den Brustkorb fünf bis sechs Zentimeter einzudrücken. "Aber sie vergessen das Geübte nicht mehr", betont Kopietz: "Und es gab auch schon zwei Fälle, wo Kinder Erwachsene angehalten haben, das Richtige zu tun."

Im Rettungswagen und auf der Klinik

Neu ist, dass Ärzte der Uni-Klinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie sowie der Uni-Klinik für Notfallmedizin jetzt in das Dienstrad der Berufsrettung Wien eingebunden sind: "Die gleichen Ärzte, die in der Akutversorgung tätig sind, sind auch im Notarztwagen", sagt Klaus Markstaller, Leiter der Uni-Klinik für Anästhesie. "Das verbessert die Kommunikation", betont Laggner.

Die Notfallmedizin am Wiener AKH / MedUni Wien ist international führend, so der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller: In einer Studie des "Center for World University Rankings" kommt sie auf Rang 8.

Spezialisierte Zentren

Werden Patienten am Unglücksort (außerhalb eines Krankenhauses) erfolgreich wiederbelebt und anschließend in einem spezialisierten Zentrum behandelt, dann sind ihre Überlebenschancen deutlich höher, betont Laggner – und verweist auf eine Studie aus Wien: Zwischen 1992 und 1998 lag bei dieser Patientengruppe die Überlebensrate bei rund 28 Prozent, von 1999 bis 2005 waren es bereits knapp 40 Prozent, und im Zeitraum 2006 bis 2012 stieg der Prozentsatz auf fast 43 Prozent.

Wer bei einem Notfall zögert, ob er zugreifen und reanimieren soll, den könnte vielleicht eine andere Zahl motivieren: Bei einem lebenlosen Menschen mit Herzstillstand nimmt die Überlebenswahrscheinlichkeit pro Minute ohne Reanimation um etwa zehn Prozent ab.

Und funktioniert alles optimal, kann nach einem Herzstillstand "die Überlebenswahrscheinlichkeit von derzeit rund 20 auf mehr als 70 Prozent erhöht werden", heißt es beim Verein Puls.