Raymond C. Bushland (1910-1995) im Labor.

© The LIFE Images Collection/Getty Images/A. Y. Owen/Getty Images

Posthume Ehrung
06/27/2016

Mit Fliegen zum Erfolg

Erst verhöhnt, dann preisgekrönt: Wie zwei Forscher die US-Landwirtschaft retteten. Ihre Technik könnte sogar gegen die Zika-Mücke helfen.

von Sandra Lumetsberger

Sterilisierte Fliegen brachten ihnen den großen Durchbruch: Die Insektenforscher Edward Knipling und Raymond Bushland haben vermutlich selbst kaum daran geglaubt, dass sie damit einen weit verbreiteten Rinder-Parasiten ausrotten werden. Kollegen spotteten und höhnten über ihre Technik. Von der wir heute wissen, dass sie den US-Landwirten Milliarden ersparte und im Kampf gegen den Zika-Überträger eingesetzt werden soll. Die Insektenforscher werden deshalb posthum mit dem "Golden Goose Award" geehrt. Seit 2012 bekommen ihn Wissenschaftler, an die keiner glauben wollte. Vergeben wird er seit 2012 von der American Association for the Advancement of Science (AAAS). Sie will die Bedeutung von Grundlagenforschung hervorheben – und wirbt für Verständnis: Durchbrüche brauchen Zeit.

Wie eben bei Knipling und Bushland. Als sie über das Sexualleben der "Neuwelt-Schraubenwurmfliege" forschten war nicht absehbar, was rauskommen wird. Die beiden trafen Anfang der 1930er Jahre im "US-Department of Agriculture" in Texas aufeinander.

Knipling, aufgewachsen auf einer Rinderfarm, beschäftigte sich mit Parasiten. Vor allem die Larven der Schraubenwurmfliege interessierten ihn. Sie verursachten enorme Schäden in der Viehzucht: Schon als Kind sah er, wie die Rinder seines Vaters verendeten. Die Fliegenart legt Eier in die Wunden von Tier und Mensch, die Maden bohren sich ins Fleisch.

Knipling suchte nach einer Lösung, Bushland half ihm. Nachdem ihnen der Zweite Weltkrieg in die Quere kam, konnten sie ihre Idee erst 1954 testen: Auf der Karibikinsel Curaçao züchteten sie einen Haufen männliche Schraubenwurmfliegen und sterilisierten sie mit radioaktiver Bestrahlung. Dann entließen sie die Männchen in die Natur. Dort paarten sie sich, zeugten aber keinen Nachwuchs. So verringerte sich die Population über Jahre – ab 1982 galt die Schraubenwurmfliege in den USA als ausgerottet.

Da die "Sterile-Insekten-Technik" ohne Chemie auskam , wurde sie im Kampf gegen andere Insektenarten eingesetzt. Zum Beispiel auf Sansibar, in Afrika. Dort litt die Bevölkerung seit den 1970er Jahren unter der Schlafkrankheit. Ausgelöst wurde sie durch die Tsetsefliege, oder besser gesagt einen Parasiten, den sie beim Stich in die Blutbahn des Menschen einschleust. Dank der Sterilisations-Technik ist die Insel seit 1997 von der Fliegenart befreit.

Hilfe gegen Zika-Virus

Die Fortpflanzung unterbrechen und so die Mücke ausrotten – dieses Prinzip soll auch gegen die Verbreitung des Zika-Virus helfen. In den Räumen der "Insect Pest Control" der Internationalen Atomenergiebehörde in Seibersdorf wachsen derzeit Fruchtfliegen, Tsetesefliegen und Mücken. Darunter auch die Gelbfiebermücke, die das Zika-Virus überträgt. Männchen werden mit radioaktiver Strahlung sterilisiert. In freier Natur sollen sie sich mit Weibchen paaren, die Eier legen, die sich nicht mehr weiterentwickeln. Fraglich ist nur, wie viele Mücken dafür in Südamerika benötigt werden.

Was den US-Insektenkundlern einst gelang, bezeichnete der ehemalige Landwirtschaftsminister Orville Freemann als "größte Leistung auf dem Gebiet der Entomologie im 20. Jahrhundert." 1992 erhielten sie den Welternährungspreis (World Food Prize). Immerhin verursachte der Parasit bis in die 1950er jährlich einen Schaden von 200 Mio. US-Dollar. Nichts gegen die 250.000 US-Dollar an Forschungsgeldern, die Knipling und Bushland beantragt haben. Zeigt aber auch, dass sie doch an einen möglichen Erfolg geglaubt haben.

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