180 Geschichten erzählt die Tirolerin Karin Tscholl aus dem Gedächtnis, frei und immer ein bisschen anders. Ein großes Repertoire: „Ich mache aber auch nichts anderes“

© /Michael_Maro_Walter

Gedächtnisschwund
02/16/2015

Damit Erinnerungen nicht verloren gehen

Die mentale Leistungsfähigkeit lässt insgesamt nach. Eine professionelle Erzählerin weiß, wieso.

von Martin Burger

"I håb a Hirn wia a Seicherl (Sieb, Anm.)", ist so eine Art Glaubenssatz der Österreicher. Das meint die professionelle Erzählerin Karin Tscholl, alias "Frau Wolle" aus Tirol, die aus dem Gedächtnis 180 Geschichten frei erzählen kann, die Hälfte dauert immerhin 30 Minuten. Den Sieb-Satz solle man schnell hinter sich lassen. Begründung: "Als Erzählerin weiß ich, dass Geschichten, die immer wieder erzählt werden, Kraft entwickeln. Und wenn ich mir immer wieder vorsage, dass ich mir nichts merken kann, dann hat das enorme Kraft."

Germanistin Sabine Seelbach von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt geht davon aus, dass ihre Studenten maximal zehn Prozent des Gehörten behalten. "Im Mittelalter wurden Bücher wie die Predigten Bertholds von Regensburg aufgrund von zuvor Gehörtem geschrieben. Das Werk umfasst 1000 großformatige Druckseiten. In der Schule haben wir Balladen auswendig gelernt, das hat die mentale Leistungsfähigkeit gefördert. Heute reicht es, wenn man sich die Referatsstoffe aus den Internet-Angeboten zusammenkopiert." Da kaum noch mit der Hand geschrieben werde, falle auch diese gedächtnisstützende Tätigkeit weg. Die Folgen sind laut Seelbach dramatisch: "Der Horizont schmilzt auf den Moment zusammen. Der Erfahrungsschatz der Literatur steht nicht mehr zur Verfügung. Somit fängt man bei jedem Problem bei null an und muss das Rad ständig neu erfinden." Die neue Medienrevolution leiste dem Vergessen noch einmal Vorschub, "die Auswirkungen lassen sich noch gar nicht abschätzen".

Indirekt bestätigt Tscholl den Befund der Forscherin, schließlich ist das Schöpfen aus einem riesigen Repertoire an Geschichten quasi ein Alleinstellungsmerkmal. "In Irland ist das ganz anders, dort hält sich jeder für einen Erzähler". Ihre Theorie, warum wir uns nichts mehr erzählen und daher auch nichts mehr merken müssen, hat mit der jüngeren österreichischen Geschichte zu tun. "Die Generation, die das Dritte Reich erlebt hat, hat später nur sehr wenig erzählt, aus bestimmten Gründen, aber damit ist auch die Tradition des freien Erzählens abgeschnitten worden. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die auf Schriftlichkeit ausgelegt ist, die nur das, was schwarz auf weiß existiert, als gültig und wahr erachtet. " Hänger habe sie nie, "aber ich mache auch nichts anderes".

Genügt es also, auf ein Thema fokussiert zu sein, um es sich gut einzuprägen? Eher nein, am besten merke sie sich Stoffe, die sie berühren, "das ist ein klarer Filter: Was mich kalt lässt, was für mich keine Bedeutung hat, das erzähle ich nicht". Frau Wolle wählt ihre Texte aus, ein Schüler muss sich oft mit Sachverhalten auseinandersetzen, die ihn langweilen. "Es gibt keine Menschen, die sich nichts merken, außer sie haben Demenz. In jedem Leben gibt es etwas Interessantes, man muss es nur suchen."

Info: http://von-mund-zu-ohr.at - Website mündlicher Erzähler in Österreich und Südtirol

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