Weniger Schritte, mehr Sitzen: Die versteckte Gefahr im Homeoffice

Beim Arbeiten zu Hause verbringt man deutlich mehr Zeit im Sitzen als im Büro. In der Freizeit wird das nicht ausgeglichen.
Das Bild zeigt eine Frau im Homeoffice, die sehr konzentriert auf einen Bildschirm schaut.

Es könnte wie bei den zwei Fliegen sein, die man mit einer Klappe schlägt: An einem Homeoffice-Tag spart man nicht nur die Zeit für das Pendeln ein – man nützt sie auch gleich für mehr Bewegung vor oder nach der Arbeit.

„Aber eine solche positive Auswirkung des Homeoffice haben wir nicht gesehen“, sagt die Epidemiologin Janice Hegewald, Leiterin der Fachgruppe „Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen“ in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. Hegewald und ihr Team haben kürzlich zwei Studien zu dem Themenbereich Sitz- und Bewegungsverhalten im Homeoffice und im Büro veröffentlicht.

Für die erste Studie analysierte das Forschungsteam bei einem Unternehmen in Süddeutschland das Sitz- und Bewegungsverhalten von 102 Beschäftigten (27 Frauen, 75 Männer, Durchschnittsalter 40 Jahre):

  • An einem Bürotag legten die Teilnehmenden während der Arbeitszeit rund 3.000 Schritte zurück.
  • An einem Homeoffice-Tag hingegen waren es nur circa 1.300 Schritte.
  • Die Dauer der täglichen Arbeitszeit im Sitzen erhöhte sich im Homeoffice um 30 bis 45 Minuten auf rund sechs Stunden

Dass es in diesem Betrieb an Bürotagen „nur“ rund 5,5 Stunden Arbeitszeit im Sitzen waren (und damit weniger als im Durchschnitt, siehe Infobox unten), hing auch damit zusammen, dass in diesem Betrieb teilweise bereits höhenverstellbare Tische verfügbar waren, die auch ein Arbeiten im Stehen ermöglichten.

Über die gesamte Wachzeit an einem Tag kamen die im Büro Arbeitenden auf rund 9.000 Schritte, die im Homeoffice aber nur auf 7.200 Schritte. „Die geringere Schrittezahl im Homeoffice wurde also nicht durch mehr Bewegung in den arbeitsfreien Wachstunden ausgeglichen – die frei gewordene Zeit des Pendels wurde offenbar für andere Dinge genützt“, sagt Hegewald.

Was internationale Studien zur Bewegung im Homeoffice zeigen

Dass die Gesamtzahl der Schritte in dieser Stichprobe insgesamt relativ hoch war, führt Hegewald auf die sehr aktiven, fitten und relativ jungen Probandinnen und Probanden zurück. Der Durchschnittswert in Deutschland und Österreich liegt bei rund 5.000 Schritten am Tag.

Hegewald und ihr Team führten auch eine umfassende Analyse von 38 früheren Studien durch. Dabei zeigte sich eine noch größere Reduktion der täglichen Schritte im Homeoffice – um etwas mehr als 2.500 Schritte im Vergleich zum Präsenzbüro. Die durchschnittliche Zeit im Sitzen war um 31 Minuten erhöht.

„Die Leute nutzen das Homeoffice für Arbeiten, in denen man sehr konzentriert sein muss. Das aber führt dazu, dass sie die Bedürfnisse ihres Körpers nicht mehr so stark wahrnehmen und darauf vergessen, gelegentlich aufzustehen und herumzugehen, und stattdessen einfach sehr lange sitzen“, erläutert Hegewald. 

Diese Verlängerung der ohnehin schon langen Zeit im Sitzen (Homeoffice und Freizeit insgesamt circa 11 von 16 Stunden Wachzeit) erschwere einen Ausgleich durch körperliche Aktivität. Und während Sitzunterbrechungen im Büro selbstverständlich zur Arbeit dazugehören – etwa für ein Gespräch bei einem Kaffee –, fehlen solche „sozialen Anlässe“ im Homeoffice.

Jeder einzelne Schritt mehr zählt

Laut einer Studie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie aus dem Jahr 2023 reduziert ein Plus von jeweils 1.000 Schritten das Risiko, vorzeitig an irgendeiner Todesursache zu versterben, um 15 Prozent, das Herz-Kreislauf-Risiko sinkt um sieben Prozent.

Es braucht das Verständnis von Führungskräften, dass auch im Homeoffice die eine oder andere Arbeitsunterbrechung notwendig ist, um gesundheitliche Risiken zu reduzieren.

von Janice Hegewald, Epidemiologin

Dieser positive Effekt setzt bereits ab einer Untergrenze von 2.500 bis 4.000 Schritten am Tag ein. Und: Im untersuchten Bereich bis zu maximal 20.000 Schritten am Tag zeigte sich: „,The more the better‘– je mehr Schritte, umso besser“ .

Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz empfiehlt, maximal 50 Prozent der täglichen Arbeitszeit – besser weniger – sitzend zu verbringen. Alle 20 bis 30 Minuten sollte man eine kurze Pause einlegen und aufstehen. Nach spätestens zwei Stunden Sitzen sollte man für mindestens zehn Minuten aufstehen.

Hegewald und ihr Team haben eine Reihe von Maßnahmen ausgearbeitet, die die Schrittezahl im Homeoffice erhöhen könnten. Ein Beispiel: Die digitale Infrastruktur so einzurichten, dass zwischen zwei Online-Meetings fix eine zehnminütige Bewegungspause eingeplant wird. „Und es braucht das Verständnis von Führungskräften, dass auch im Homeoffice die eine oder andere Arbeitsunterbrechung notwendig ist, um gesundheitliche Risiken zu reduzieren.“

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