Wissen | Gesundheit
18.06.2018

Was Sie über die Gartentherapie wissen sollten

Nicht nur medizinische, sondern auch gesellschaftliche und soziale Gründe sprechen für den engen Kontakt mit der Natur.

Die Paradeiser müssen hochgebunden werden – während die meisten Garten- oder Balkonbesitzer das ohne viel zu überlegen absolvieren, kann diese Tätigkeit bei bestimmten Menschen nachhallen. Nämlich dann, wenn die Arbeit in der Natur mit dem Setzen neuer Ziele verbunden ist und daraus Motivation erwächst. Dann kann die Erledigung einer solchen Aufgabe sogar einem kleinen (Zwischen-) Sieg gleichkommen. Was so harmlos nach Garteln und lauschigen Tagen im Freien klingt, wurzelt in einem starken wissenschaftlichen Boden: Die positiven Effekte der Gartentherapie werden seit langer Zeit genutzt. In ihrer modernen Form unterstützt sie alte, demenzkranke Menschen und Suchtkranke ebenso wie Patienten in der Rehabilitation oder Kinder und Erwachsene mit Entwicklungsdefiziten. Sie fängt beim Setzen eines Saatkorns an und reicht bis zur Umsetzung umfangreicher Projekte. Damit gibt es viele Zielgruppen, unzählige Settings und einen riesigen Experten-Pool von Pädagogen und Psychologen über Mediziner und Physiotherapeuten bis hin zu Kranken- und Altenpfleger. Vielleicht ist es diese Fluide, dieses Grenzenlose, weshalb ihre Leistungen in der Öffentlichkeit bisher weniger wahrgenommen werden. Zu Unrecht. „Im europäischen Vergleich steht Österreich sehr gut da“, so Birgit Steininger, Professorin an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien und Leiterin des Lehrgangs „Gartentherapie“, der gemeinsam mit der Donau-Universität Krems seit 2006 durchgeführt wird. „Wir sind damit im deutschsprachigen Raum die am längsten durchgehend bestehende Ausbildung auf universitärem Niveau.“

 

Dass ein Aufenthalt im Grünen nicht nur zur Erholung und Genesung von Krankheiten taugt, weiß man seit dem 19. Jahrhundert, als fortschrittliche Psychiater entdeckten, dass er in der Behandlung psychisch kranker Menschen einen Beitrag leisten kann. Heute liegen die Vorbilder v. a. in den USA und Japan, die nach den Kriegen in Korea und Vietnam eine Form der Gartentherapie entwickelten, um traumatisierte Soldaten zu behandeln. Als sich die Erfolge immer deutlicher abzeichneten, wurde sie nach und nach auf andere Fachgebiete ausgeweitet. „Wichtig anzumerken ist, dass sie keinen Ersatz für andere Therapieformen für Seele und Körper darstellt“, stellt Steininger klar. „Sie ist als Ergänzung gedacht.“

Fruchtbarer Boden

Hobbygärtner können das Glück nachempfinden, das sich nach der erfolgreich erledigten Arbeit einstellt. Auch ein Förster wird Momente haben, in denen er seinen Job an der frischen Luft besonders genießt. Beide profitieren vom Kontakt mit der Natur, aber beide Male ist das eine willkommene, aber zufällige Begleiterscheinung. Sowohl Hobbygärtner als auch Förster möchten primär ihre Arbeit erledigen, beim Förster kommt die Aussicht auf ein Gehalt hinzu. Bei der Gartentherapie aber geht es darum, mithilfe und Unterstützung der Natur, den aktuellen körperlichen, mentalen oder sozialen Zustand einer Person zu verbessern oder zu erhalten. Die Arbeit im Garten – egal in welcher Ausprägung – ist lediglich der Weg, der zu diesem Ziel führt. Während etwa Schlaganfall-Patienten durch das Blumenzwiebel-Setzen oder Pflanzen-Umtopfen quasi abgelenkt sind, trainieren sie ihre motorischen und sensorischen Fertigkeiten. Mit kleinen gärtnerischen Aktivitäten können so gewisse, im Alltag relevante Bewegungsabläufe sehr gut eingeübt werden. „Zudem lehrt die Natur, geduldig zu sein“, so Steininger. „Man muss warten können, bis aus einem Saatkorn etwas gedeiht.“ Eine Lektion, die für Menschen, die gegen soziale oder mentale Beeinträchtigungen kämpfen, durchaus relevant ist.

Gesunde Luft

2015 veröffentlichte Hiroharu Kamioka von der Agrar-Universität in Tokio mit Kollegen eine Überblicksarbeit über nachweisbare Effekte der Gartentherapie. Die Wissenschafter durchforsteten Studien zwischen 1990 und 2013 und fassten die Ergebnisse zusammen. Demente Personen scheinen demnach besonders gut anzusprechen. Bei der Arbeit mit Pflanzen helfen gerade Sinneswahrnehmungen wie Riechen und Schmecken den Erkrankten, Erinnerungen wachzurufen. Ähnliches gilt für Bewohner von Pflegeheimen, die durch den Einfluss eines Gartenprogrammes nicht nur körperlich aktiv bleiben, sondern mindert auch Einsamkeitsgefühle. Die Gartentherapie trainiert damit die Feinmotorik und Mobilität, fördert den allgemeinen Antrieb und soziale Kontakte, die Gedächtnisleistung sowie die Wahrnehmungs- und Orientierungsfähigkeit. Zudem befriedigt sie das Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstverwirklichung. An Grenzen scheint die Gartentherapie aber bei psychiatrischen Patienten – etwa mit Schizophrenie, bipolarer Störung und schwerer Depression – zu stoßen. Das Team rund um Hiroharu Kamioka verzeichnet etwa, dass bei den Teilnehmern zwar der Stresspegel sinkt, ansonsten aber keine großen Auswirkungen auf das Arbeitsverhalten oder die Lebensqualität wahrnehmbar sind.

Herzensangelegenheit

„Generell ist die Gartentherapie in Österreich immer noch ein Nischenangebot und hängt sehr stark von den Einrichtungen ab, die bereit sind, dafür personelle Mittel locker zu machen“, so Birgit Steininger. Hier wird ihr großer Vorteil – die Interdisziplinarität – vielleicht zum Hindernis: „In welche Finanzierungsschiene fällt sie? Es gibt Institutionen, die das fördern. Sehr oft sind die Akteure aber auch Einzelkämpfer, die ihre Visionen umsetzen“, so die Expertin. „Das Interesse an Gartentherapie ist aber meines Erachtens nach da.“ So wird etwa im Therapiezentrum Ybbs Suchtkranken der Kontakt mit der Natur ermöglicht. Die Gartenarbeit, die ein Zusammenspiel von Muskeln und Sinnesempfindungen ist, unterstützt die Teilnehmer, ein neues Genussempfinden zu entwickeln. Als 2015 das Geriatriezentrum Wienerwald in Wien-Hietzing aufgelassen wurde und seine Bewohner in neue Pflegewohnhäuser übersiedelten, wurden vier Pavillons Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Gemeinsam mit dem Integrationsprojekt IGOR wurde der Therapiegarten mit ihnen fortgeführt. Bei den Ankömmlingen stand im Vordergrund, Menschen zu verbinden und Perspektive zu schaffen. Ein Ziel, das schon auf die Bewohner des Geriatriezentrums zutraf, die von 2006 bis 2015 den Garten zwei Mal wöchentlich nutzten, um ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu verbessern.

Der Aufenthalt in der Natur spricht Urinstinkte an, die im modernen Alltag oft zu kurz kommen. Das gilt längst nicht nur für den therapeutischen Garten. Darum: Vielleicht ist es Zeit, sich endlich wieder die Hände schmutzig zu machen.

Natur als Freund und Lehrmeister

Betriebe wie das Therapie- und Betreuungszentrum Himmelschlüsselhof im niederösterreichischen Texing arbeiten mit der Natur, um  Menschen physisch, pädagogisch und sozial zu fördern.

Vor  26 Jahren suchte Marina Fischer gemeinsam mit ihrem  Mann nach einer Möglichkeit, ihren behinderten Sohn in einer gesunden Umgebung zu betreuen. Was die gebürtige Wienerin fand, war ein  heruntergekommener Vierkanter mit Potenzial. Heute ist der  Himmelschlüsselhof als   sozialtherapeutische Arbeits- und Lebensgemeinschaft für Behinderte   eines der großen Leuchtturmprojekte der Green-Care-Bewegung in Österreich.

Der Sammelbegriff Green Care beinhaltet Aktivitäten und Interaktionen zwischen Mensch, Tier und Natur, die je nach Kontext gezielt gesundheitsfördernde, pädagogische oder soziale Ziele verfolgen. Die Gartentherapie ist  ein Teilaspekt, das Öffnen von Landwirtschaften im Bereich der  Alten- oder eben auch der  Behindertenpflege ein weiterer. Am  Himmelschlüsselhof kümmert sich ein Betreuer- und Therapeuten-Team um elf geistig- und mehrfachbehinderte Erwachsene. Marina Fischer hat dabei die Beobachtung gemacht, dass gerade die kleinen, selbstständig durchgeführten Aufgaben   das Selbstwertgefühl der einzelnen Schützlinge und den Zusammenhalt in der Gruppe stärken.  Jeder macht dabei, was er kann: „Ob im Gemüsegarten, bei der Stallarbeit oder beim  Kehren  vor der Haustür. Wenn sie wissen, wofür sie etwas machen, können sie stolz auf ihre Leistung sein“, so Fischer. Das Arbeiten in und mit der Natur ist dafür ideal: „Man sieht, was die eigene Arbeit bewirkt. Die Milch etwa, die zuvor gemolken wurde,   wird später zu Käse, Butter und Joghurt verarbeitet.“ Neben Rindern bevölkern auch    Pferde, Hängebauchschweinchen, Esel, Lamas und allerlei  Federvieh  das 16,5 Hektar große Areal. Das Hofleben  lehrt‚ nicht nur den Respekt vor dem (Nutz-)Tier, sondern auch vor anderen Menschen: „Es ist faszinierend zu sehen, wenn ein   neuer Schützling, der   ja  sein eigenes Vorleben mitbringt, mit der   Zeit die für ihn ideale Tätigkeit findet und sich harmonisch einfügt.“  

Was der Hof  in puncto  Behindertenpflege leistet, wird inzwischen  auch    offiziell anerkannt. Das bezeugt die „Goldene Medaille des Ehrenzeichens für Verdienste um das Land NÖ“ aus dem Jahr 2013 oder der  im  Dezember  2017  überreichte Liese-Prokop-Frauenpreis. „Für mich ist  Green Care die Zukunft“, so Fischer. „Wir brauchen diese sozialen  Einrichtungen auf Bauernhöfen.“ Dank des Zusatzeinkommens profitieren nicht zuletzt  auch   Landwirte, die sonst vielleicht aufgeben müssten. Zudem werden  Arbeitsplätze in der Region geschaffen. Ihren Erfahrungsschatz gibt Fischer jedenfalls gerne weiter: „Es ist für alle Platz“, ist sie überzeugt. „Konkurrenzdenken ist hier fehl am Platz.“