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Familien am Limit: Im Juni liegen die Nerven blank

Kurz vor Beginn der Sommerferien sind viele Kinder und Eltern erschöpft. Wie die Hitze die Lage verschärft und wie man die Tage vor den Ferien übersteht.
Erschöpfte Kinder sitzten in einem Klassenzimmer.

Die großen Ferien rücken näher, doch statt Vorfreude herrscht in vielen Familien Erschöpfung. Kinder und Eltern sind gereizt, genervt und fiebern dem Schulschluss entgegen. „Das Schuljahr ist wie ein Langstreckenlauf – die Kinder müssen über viele Monate hinweg eine unglaubliche Anpassungsleistung vollbringen. Kurz vor dem Jahreszeugnis besteht zudem ein besonderer Leistungs- und Notendruck“, sagt die Wiener Psychotherapeutin Vivien Kain

Schon Volksschulkinder hätten hohe Erwartungen an ihre Noten. Viele Kinder und Jugendliche seien auch mit eigentlich guten Ergebnissen unzufrieden. „Es geht nicht mehr nur ums Durchfallen, sondern um einen Erwartungsdruck, der meist umso höher ist, je weiter die Kinder im Schulsystem fortgeschritten sind“, so Kain. Kurz vor Notenschluss steigen Dichte und Bedeutung von Schularbeiten, Tests und Hausaufgaben. 

Juni ist überladen

Dazu kämen soziale Anpassungsleistungen, die das ganze Schuljahr über erfolgen. In jeder Klasse gibt es Gruppendynamiken, in denen sich Kinder und Jugendliche zurechtfinden müssen. Konflikte mit Gleichaltrigen, aber auch mit Lehrkräften, müssen bewältigt werden. Der Juni ist obendrauf oft überladen mit Freizeitaktivitäten, Abschlussfesten und teils vorgezogenen Kindergeburtstagsfeiern. 

Neben den Kindern sind auch die Eltern sehr gefordert: Sie müssen nicht nur die bevorstehenden neun Wochen Ferien organisieren, sondern auch die durchgeplanten Tage der Kinder meistern und vielleicht beruflich Vorkehrungen für die Urlaubszeit treffen. „Das alles zusammen macht Juni zum mitunter stressigsten Monat für viele Familien. Man weiß aus der Stressforschung, dass, wenn das Ziel vor Augen ist, man die Erschöpfung und Überlastung stärker spürt, als wenn man sich noch mitten drinnen befindet“, erklärt Kain. 

Kinder sind gereizter und weinerlicher

Solange die Ferien weit weg wirken, sei man nur fokussiert auf das Erreichen und Funktionieren. Jetzt, kurz vor Ferienstart, mache sich jedoch bemerkbar, dass die Luft draußen ist. Kinder, vor allem jüngere, könnten dies aber häufig noch nicht gut erkennen. „Sie merken oft nicht, dass sie erschöpft sind. Stattdessen zeigt sich die Erschöpfung in verändertem Verhalten. Sie weinen vielleicht häufiger, sind öfter aggressiv oder grantig und schneller reizbar. Die Frustrationstoleranz sinkt und es muss nicht viel sein, dass das System kippt“, sagt die Psychotherapeutin. 

Manche Kinder ziehen sich zurück oder sind ungewöhnlich müde. Auch Kopf- und Bauchschmerzen, Einschlafprobleme oder verändertes Essen, etwa weniger Appetit, können Warnsignale sein. Die aktuelle Hitzewelle verschärft die Situation weiter, da Erholung, vor allem nachts, nicht so gewährleistet ist, wie im Normalfall. Häufig befinden sich Familien in einer Erschöpfungsspirale und die Nerven liegen blank. „Wichtig ist zu erkennen und auch anzusprechen, dass sowohl Eltern als auch Kinder am Limit sind, dass es für beide anstrengend ist. Gegensteuern gelingt durch ein ,weniger ist mehr’“, rät Kain. 

Entspannt und ohne Termine in die Ferien

Konkret heißt das: Termine reduzieren, Nachmittage ohne Programm und auf guten Schlaf achten. „Auch wenn die geplanten Aktivitäten für sich fein sind, sie fordern Anpassungsleistung. Entlastung gelingt oft nur durch Weglassen“, so Kain. In den ersten Ferientagen sollte daher möglichst wenig geplant sein. Gleich nach Schulschluss auf Urlaub zu fahren, sei für manche zwar schön, aber häufig doch auch wieder Stress. „Optimal wäre, wenn die ersten Ferientage als Puffer gesehen werden können, wo gar nicht viel gemacht wird, wo man Langeweile zulassen und ausschlafen darf.“

Durch unverplante Zeit in den Ferien könnten Kinder wieder Selbstbestimmtheit zurückgewinnen und kreativ sein. Auch soziale Erfahrungen außerhalb des Klassenzimmers seien wichtig. „Wenn ich die schönsten Ferien habe, aber dabei komplett durchgetaktet bin, habe ich wenig Zeit für Regeneration“, sagt Kain.

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