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Psychische Belastungen: Jeder sollte „zweimal jährlich zur Psychotherapie“

Die Expertin rät, nicht erst bei psychischer Belastung Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern auch präventiv. Was das kostet und wie es um Kassenplätze steht.
PK GESUNDHEITSMINISTERIUM "GESUND AUS DER KRISE: WIRKSAME UNTERSTÜTZUNG FÜR KINDER UND JUGENDLICHE" - NEUE EVALUIERUNG DER UNI INNSBRUCK: HAID

Popstar Nina Chuba sprach kürzlich offen über eine psychische Krise und warb für mehr Offenheit gegenüber Psychotherapie. „Psychotherapie sollte kein Makel sein. Für mich zeigt das eher Stärke und Selbstreflexion“, sagte die 27-jährige dem deutschen Magazin Stern. Auslöser war ein Zusammenbruch in einem Songwriting-Camp: „Ich konnte morgens plötzlich nicht mehr aufstehen. Da war klar: Das ist nicht einfach nur Erschöpfung. Das kannte ich so von mir nicht“, berichtet die Sängerin. Sie suchte sofort Hilfe und ist seit zweieinhalb Jahren in Psychotherapie. Ihr Fazit: „Ich empfehle es jedem.“

Auch Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), teilt diese Einschätzung. Die psychotherapeutische Behandlung sollte nicht nur anlassbezogen erfolgen, sondern auch vorbeugend. „Viele Menschen verbinden Psychotherapie ausschließlich mit Krankheit. Das greift zu kurz. Psychotherapie hilft nicht erst bei schweren psychischen Erkrankungen. Sie kann entlasten, Orientierung geben und vorbeugen“, betont Haid.

Jeder Vierte belastet

Etwa jeder Vierte in Österreich sei psychisch belastet. Dazu zählen Zeiten großer Anspannung bei Prüfungen, Trennungen oder Krisen. In der Psychotherapie werden nicht nur Symptome behandelt, sondern auch Ursachen gesucht. Zudem kann Psychotherapie begleiten, etwa chronisch kranke Menschen oder ihre Angehörigen, bei denen aufgrund unterschiedlicher Belastungen ein hoher Leidensdruck bestehen kann. Idealerweise, sagt Haid, würde man Psychotherapie ähnlich selbstverständlich nutzen wie die Mundhygiene zur Zahnprophylaxe: „Es wäre gut, wenn man zwei Mal im Jahr die Möglichkeit hätte, eine psychotherapeutische Beratung im Sinne einer Bestandsaufnahme zu machen.“

Psychotherapie sei „eine höchstpersönliche, sehr intime Reise in die eigenen Innenwelten“, meint Haid. Deshalb sei besonders wichtig, einen Psychotherapeuten oder eine Psychotherapeutin dahingehend auszuwählen, ob ein Grundvertrauen besteht. Schon der erste Kontakt per Website, E-Mail oder Telefon hinterlasse ein Gefühl. „Im Erstgespräch sollte die Person einfühlsam, respektvoll und gleichzeitig klar in ihren Grenzen sein. Ich muss mich angenommen fühlen, wie ich bin. Ich muss nicht leisten oder funktionieren“, so Haid.

Woran man gute Psychotherapeuten erkennt

Gute Psychotherapeuten verfügen über eine langjährige, fundierte Ausbildung und sind in der offiziellen Berufsliste des Gesundheitsministeriums eingetragen. Dieser gesetzliche Schutz sei zentral für Qualitätssicherung, so Haid. Welche Psychotherapieschule angewandt wird, ob Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch, systemisch oder humanistisch, sei für Klientinnen und Klienten oft weniger entscheidend als für die Behandelnden selbst. 

Wichtig sei, dass Psychotherapeuten erklären, wie sie arbeiten und welches Angebot sie machen. Professionalität zeigt sich auch darin, Grenzen einzuhalten. Dazu zählen klare Zeitstrukturen, keine dauernde Erreichbarkeit, keine privaten Treffen. „Die Balance von Nähe und Distanz ist unsere Verantwortung“, sagt Haid.

Nach den Sitzungen sollte zumindest langfristig ein Gefühl von Entlastung oder Erkenntnisgewinn entstehen. Nicht jede Stunde sei angenehm, betont Haid. „Heilung tut manchmal weh, ähnlich wie ein aufgeschlagenes Knie, das zu heilen beginnt. Entscheidend ist jedoch: Ich gehe grundsätzlich gerne hin. Ich habe das Gefühl, es bringt mich weiter.“ 

Ob eine psychotherapeutische Beziehung trägt, bleibt eine subjektive Entscheidung. „Die Wahl liegt immer bei den Klientinnen und Klienten“, sagt Haid. Eine gute Psychotherapeutin oder ein guter Psychotherapeut ermutige sogar dazu, sich auch anderswo umzusehen, wenn Unsicherheit besteht, ohne schlechtes Gewissen.

Zu wenig Kassenplätze

Für eine Einheit Psychotherapie müssten mit Kosten zwischen 95 und 150 Euro gerechnet werden. „Die Empfehlung der Berufsvertretung liegt bei 126 Euro und ist der Stundensatz, den es braucht, um eine psychotherapeutische Praxis wirtschaftlich rentabel führen zu können“, erklärt Haid. 

Bei Wahlpsychotherapie ist ein Zuschuss von 33,70 Euro pro Einheit durch die ÖGK möglich (50 Euro bei SVS und BVAEB). Hier finde man innerhalb von wenigen Wochen einen Termin für ein Erstgespräch, wobei eine psychotherapeutische Diagnose notwendig ist. „Das kann eine leichte depressive Episode sein oder eine beginnende Angststörung, also durchaus leichtere Diagnosen mit dem Ziel, dass es nicht mehr wird. Zudem braucht es eine Abklärung beim Hausarzt, um körperliche Ursachen auszuschließen“, sagt Haid.

Vollfinanzierte Kassenplätze gibt es wenige. Sie sind vor allem für Menschen mit mittel- oder schwergradigen Diagnosen gedacht. „Je nach Bundesland gibt es Wartezeiten von 6 bis 18 Monaten. Das liegt nicht an der mangelnden Verfügbarkeit von Psychotherapeuten, sondern an der Finanzierung“, betont Haid.

Selbstbestimmung als Ziel der Psychotherapie

Derzeit erhalten 1,1 Prozent der österreichischen Bevölkerung eine vollfinanzierte Kassentherapie, das entspricht rund 100.000 Menschen. Der Behandlungsbedarf liege jedoch bei 9 Prozent, sagt Haid. Demgegenüber stehen mehr als 13.000 eingetragene Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie 3.000, die in Ausbildung unter Supervision bereits Psychotherapie anbieten. Weitere 11.000 befinden sich derzeit in Ausbildung. 

Bei einer psychischen Erkrankung sind regelmäßige Sitzungen alle ein bis zwei Wochen üblich. Gegen Ende der Psychotherapie können die Abstände größer werden. „Es geht nicht darum, Menschen an sich zu binden“, sagt Haid. „Sondern sie zu ermächtigen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.“

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