Hilfe, mein Kind spricht nur noch mit KI
Künstliche Intelligenz (KI) ist längst Teil des Alltags von Kindern und Jugendlichen. Laut dem Jugend-Internet-Monitor nutzen 94 Prozent der 11- bis 17-jährigen bereits KI-Anwendungen. Viele kommen schon in der Volksschule damit in Kontakt, etwa über Sprachassistenten, Chatbots wie ChatGPT oder KI-Funktionen in Whatsapp, Snapchat oder Instagram. „Die Verbreitung ist enorm, und vielen Eltern ist gar nicht bewusst, wo KI inzwischen überall drinsteckt“, sagt Smartphone-Coach Andrea Buhl-Aigner.
Die Einsatzbereiche sind vielfältig: 73 Prozent der Jugendlichen lassen sich von KI bei den Hausaufgaben helfen, 47 Prozent nutzen sie regelmäßig für Zusammenfassungen und zur Informationssuche. Doch KI ist längst mehr als ein Lernwerkzeug: Sechs von zehn Jugendlichen holen sich bei Liebeskummer, Stress oder Konflikten Rat bei einer KI. Vier von zehn sagen sogar, die KI sei in vielen Fragen hilfreicher als echte Menschen. Das überrascht Expertin Buhl-Aigner nicht: „Eine KI ist immer verfügbar, antwortet sofort, kritisiert nicht und fühlt sich für viele Kinder sehr angenehm an.“ Genau das mache sie aber auch problematisch.
Wie ein Freund
Studien zeigen, wie stark diese Bindung werden kann. In Großbritannien ergab eine Untersuchung, dass rund 30 Prozent der Kinder mit KI chatten wie mit einem besten Freund. „Die KI geht sehr schnell in tiefe Gespräche, wirkt verständnisvoll und bestärkend“, erklärt Buhl-Aigner. „Sie sagt Dinge wie ,Ich bin immer für dich da‘, und das kann für Kinder und Jugendliche extrem verlockend sein.“
Das Problem: KI meint es nicht gut oder schlecht, sie fühlt nichts. Sie berechnet Antworten aus riesigen Datenmengen. Diese können hilfreich sein oder aber völlig falsch. „Ein lustiges, bekanntes Beispiel ist etwa ein KI-Rezept für Pizza, das Klebstoff als Zutat enthielt. Es gibt aber auch dokumentierte Einzelfälle, in denen sich Jugendliche mit schweren Problemen ausschließlich an KI wandten und dabei in ihren negativen Gedanken sogar bestärkt wurden bis hin zum Suizid“, warnt Buhl-Aigner. Gleichzeitig bietet KI für Kinder große Potenziale: Sie kann beim Lernen helfen, Dinge erklären, Neugier wecken und Zeit sparen.
Problematische Nutzung
Problematisch wird die Nutzung vor allem dann, wenn Kinder bei jeder Kleinigkeit eine KI fragen, sie bei emotionalen Problemen gegenüber Menschen bevorzugen oder beginnen, soziale Kontakte zu meiden. „Je mehr man die Dienste nutzt, desto mehr werden Verantwortung und eigenes Denken abgegeben. Die entscheidende Frage ist: Nutze ich KI als Werkzeug oder höre ich auf, selbst zu denken?“, so Buhl-Aigner.
Jüngere Kinder seien besonders vulnerabel. Ihr Gehirn und ihre sozialen Fähigkeiten befinden sich noch in der Entwicklung. Studien zur Gehirnaktivität zeigen erste Hinweise darauf, dass Menschen, die Aufgaben vollständig von KI erledigen lassen, weniger Hirnareale aktivieren und sich Inhalte schlechter merken. Wie dies auf das kindliche Gehirn wirkt, ist noch unklar. „Wir Erwachsenen nutzen KI mit einem fertig entwickelten Gehirn und Sozialverhalten“, sagt Buhl-Aigner. „Für Kinder am Anfang ihrer Bildungs- und Persönlichkeitsentwicklung ist das eine ganz andere Ausgangslage.“
Rasante Entwicklungen
Medien wie Fernsehen oder Computerspiele hätten ähnliche Debatten ausgelöst, doch KI verbreite sich viel schneller. Innerhalb weniger Jahre sei sie in nahezu jeder Hosentasche angekommen, meint die Expertin. Schule, Eltern und Gesellschaft hätten kaum Zeit, Schritt zu halten. Umso wichtiger sei, dass Eltern ihre Kinder bei der Nutzung begleiten und ihnen helfen, Inhalte einzuordnen.
Buhl-Aigner: „Eltern sollten sich KI-Tools mit ihren Kindern ansehen und sie gemeinsam ausprobieren. Wichtig ist, ihnen zu vermitteln, dass es sich um eine Maschine handelt, die nicht weiß, wie sie sich fühlen und dass ihre Antworten stimmen können – oder auch nicht.“
Eltern sollten zudem versuchen, eine vertrauensvolle Gesprächsbasis mit ihren Kindern zu halten. Sie brauchen das Gefühl, dass sie mit echten Sorgen zu echten Menschen kommen können. Wenn Eltern den Eindruck haben, dass die KI-Nutzung dem Kind schadet, es sich zurückzieht, stark verunsichert wirkt oder andere gefährdet, gilt: lieber früher als später professionelle Hilfe suchen. Die größte Herausforderung sei oft nicht die Technik, sondern den Kontakt zum Kind gut aufrechtzuerhalten.
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