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Sportarzt erklärt: So gesund ist Fußball

Hobbykicker sind häufiger verletzt als Profis. Sportarzt Piero Lercher über Kopfball-Risiken, zu viel Training und seinen Rat an ältere Fußballer.
Ein Junge im roten Trikot hält einen Fußball über dem Kopf im Freien.

„Wenn ältere Sportler und Sportlerinnen nach wie vor auf Weltklasseniveau ihre Leistung bringen können, beweisen sie, dass sie alles richtig gemacht haben. Solche sportlichen Leistungen sind meistens das Ergebnis einer professionellen Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Betreuungsteam", sagt Piero Lercher, Sportarzt, Präventiv- und Umweltmediziner, sowie Lehrbeauftragter und Lehrgangsleiter für Public Health an der Medizinischen Universität Wien, auf Nachfrage des KURIER – mit Blick auf den vergleichsweise hohen Altersdurchschnitt (28,1 Jahre) des österreichischen WM-Kaders.

Ob Fußball überhaupt ein gesunder Sport ist, welche Körpersysteme trainiert werden und ob Kopfbälle besser sind als ihr Ruf, beantwortet er im Interview.

KURIER: Ist Fußball aus medizinischer Sicht ein gesunder Sport?

Piero Lercher: Hier muss prinzipiell unterschieden werden, ob das Fußballspiel spielerisch erfolgt oder als wettkampforientierte Sportart betrieben wird. Wenn beispielsweise Kinder untereinander kicken oder Eltern und Kinder im Garten Fußball spielen, so hat das durchaus einen Gesundheitswert im Sinne von körperlicher Aktivität und einem Freizeiterlebnis mit Teambuilding-Komponente. Auch das Training für das professionelle Fußballspiel hat durchaus gesundheitliche Aspekte – vor allem, wenn man die Verbesserung der Ausdauer betrachtet oder der Koordination und Schnelligkeit, auch im Sinne eines besseren Ballgefühls.

Welche Körpersysteme werden konkret trainiert?

Die Trainingseffekte umfassen mehrere Bereiche. Neben der Athletik, also vor allem Ausdauer, Kraft, Flexibilität, Koordination und Schnelligkeit, werden im Sinne eines kognitiv-mentalen Trainings auch die Wahrnehmungsfähigkeit und Entscheidungsschnelligkeit verbessert. Spielsystem und Taktik wiederum sind strategische Trainingskomponenten.

Welche Verletzungen sehen Sie in Ihrer Praxis bei Fußballern am häufigsten?

Das Spektrum der Verletzungen ist vielfältig. Meistens sind die Beine, also Oberschenkel, Knie und Fußgelenke betroffen, aber man wird auch mit Hautabschürfungen, Prellungen am ganzen Körper oder Gehirnerschütterungen konfrontiert. Es soll auch erwähnt werden, dass Allergien, Ernährungs- und Stoffwechselstörungen, Akne oder verschiedene Infektionskrankheiten zum Behandlungsspektrum zählen.

Wie hoch ist das Verletzungsrisiko im Vergleich zu anderen Sportarten?

Laut Erhebungen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit weist Fußballsport im Vergleich zu fast allen anderen Sportarten das höchste Risiko für Sportunfälle auf. Aus der Sicht der Public Health zeigen sich folgende Fakten: Rund ein Drittel aller registrierten Sportverletzungen im Hobby- und Breitensport entfällt auf das Kicken. Freizeitspieler sind häufiger verletzt als regelmäßig trainierende Spieler. Mehr als ein Drittel aller Verletzungen beruht auf Über- und Fehlbelastungen. Ein Großteil der Verletzungen passiert ohne Kontakt mit dem Gegenspieler, insbesondere beim Laufen oder bei schnellen Richtungswechseln. Rund 20 bis 25 Prozent aller Verletzungen sind sogenannte „Wiederverletzungen" an gleicher Stelle und vom selben Muster – daher ist eine vollständige Ausheilung und gezielte Rehabilitation immens wichtig. Verletzungen treten während des Matchs drei- bis zehnmal häufiger auf als beim Training. Etwa 20 Prozent der verletzten Spieler haben sich schlecht oder mangelhaft aufgewärmt.

Welche typischen Langzeitfolgen verursacht Fußball?

Die typischen Langzeitschäden resultieren meist aus unzureichend ausgeheilten Akutverletzungen, einer chronischen Überlastung der betroffenen Körperpartien und einer viel zu kurzen Regenerations- oder Rehabilitationsphase. Hier werden also sogenannte Sportschäden als Folge von chronischer Überlastung und/oder wiederholter Mikrotraumatisierung manifest. Neben Muskel- oder Bänderrissen kann es zu Arthrosen, chronischen Instabilitäten, aber auch zu chronisch-traumatischen Enzephalopathien (CTE) und Demenz kommen. Letztere insbesondere bei kopfballstarken Spielern.

Wie gefährlich sind Kopfbälle wirklich?

Tatsache ist, dass gelegentliche Kopfbälle für gesunde Erwachsene in der Regel unbedenklich sind. Untersuchungen bei kopfballstarken Spielern haben gezeigt, dass wiederholte und über Jahre hinweg häufige Kopfbälle ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative und dementielle Erkrankungen, ähnlich wie bei Boxern, darstellen. Der Ball schlägt mit bis zu 100 km/h auf den Schädelknochen, wodurch das Gehirn im Schädelinneren stark erschüttert wird und permanent chronische Mikroverletzungen entstehen. Zur besseren Vorstellung: Ein Ball mit 90 km/h entspricht beim Aufprall auf den Kopf einem Gewicht von bis zu 400 kg.

Großbritannien ist zum Beispiel eines der Länder, das sofort reagiert hat, weshalb im Kinder- und Jugendfußballsport das Kopfballtraining stark eingeschränkt beziehungsweise verboten ist oder nur mit einem Softball durchgeführt werden darf.

Ab wann wird Fußball ungesund – wie viel Training ist zu viel?

Fußball wird in dem Moment ungesund, ab dem es zu einem Missverhältnis zwischen Belastungs- und Regenerationsphase kommt. Mangelnde Regenerationsfähigkeit führt zu Verletzungen und Sportschäden. Ab wann das Training zu viel ist, hängt auch stark vom Alter und dem individuellen Leistungsniveau ab. Hier zeigt sich die Wichtigkeit einer sportärztlichen Abklärung und Freigabe beziehungsweise einer regelmäßigen sportmedizinischen Kontrolle. Als Faustregel kann man sagen, dass beispielsweise Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren nicht mehr als drei Trainingseinheiten plus ein Spiel pro Woche bewältigen sollen. Die wöchentlichen Trainingsstunden sollten das Lebensalter des Kindes nicht überschreiten.

Wann ist der ideale Zeitpunkt, um mit Fußballtraining anzufangen?

Im Grunde genommen gibt es aus sportwissenschaftlicher Sicht keinen idealen Zeitpunkt, um mit dem Fußballtraining anzufangen, da dieser hauptsächlich vom persönlichen Ziel abhängt. Für den Breitensport oder den Hobbybereich ist es nie zu spät zu beginnen.

Im Profifußball jedoch orientieren sich Scouts oftmals am sogenannten „goldenen Lernalter" und beurteilen Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren hinsichtlich ihrer fußballerischen Talente. In dieser Phase sind das muskuloskelettale System und das Nervensystem extrem aufnahmefähig für das Training von Koordination, Beweglichkeit und das Erlernen von grundlegenden Techniken, wie beispielsweise Dribbeln oder Passen.

Das heißt, unsere Kicker haben bereits 20 bis 30 Jahre Training in den Beinen. Was bedeutet das für deren Körper?

Profifußball zählt zu den sogenannten High-Impact-Sportarten, die den Körper extremen und unphysiologischen Belastungen aussetzen und ein hohes Verletzungsrisiko in sich bergen. Ein wichtiger Faktor, der deshalb im zunehmenden Alter zu beachten ist, ist die Regenerationszeit. Diese verlängert sich sukzessive. Auch gilt es, mit einem adäquaten Training der physiologischen Leistungsfähigkeitsabnahme im Altersgang entgegenzuwirken.

Verschiedene Gewebestrukturen, wie beispielsweise Bänder und Sehnen, verlieren an Elastizität und Stabilität. Deshalb werden ein regelmäßiges Warm-up, Beweglichkeitstraining und ein gezieltes Training der Oberkörper- und Rumpfmuskulatur zur Stabilisierung der Wirbelsäule empfohlen, um Verletzungen und Verschleiß vorzubeugen. Hinsichtlich der Ernährung muss das Essen der individuellen Stoffwechsellage angepasst werden, auch kann es sein, dass man zunehmend mit Unverträglichkeiten und Allergien konfrontiert wird.

Ihr Rat an ältere Hobbykicker?

Betreiben Sie den Sport als Spaß und Freizeitvergnügen. Sie können davon ausgehen, dass die Talentscouts der Topvereine nicht den Fokus auf Sie richten werden – also meiden Sie falschen Ehrgeiz und fanatischen Einsatz. Genießen Sie die Tatsache, dass Sie schmerzfrei mit dem Ball umgehen können. Seien Sie nicht eigensinnig und betreiben Sie ein Doppelpass-Spiel und zeigen Sie, dass Sie nach wie vor ein Ballgefühl haben. Lassen Sie sich im Match rechtzeitig austauschen, bevor die Verletzungsanfälligkeit durch Erschöpfung steigt. Last but not least: Lassen Sie sich regelmäßig sportärztlich untersuchen.

Und Ihre Fußball-Botschaft?

Fußball verbindet, ist friedensstiftend und ein Katalysator für Lebensfreude!

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