Raúl Jiménez: Die bewegende Geschichte hinter seinem Tor-Jubel
Zusammenfassung
- Raúl Jiménez erzielt nach schwerer Schädelverletzung ein bedeutendes Kopfballtor bei der WM und trägt weiterhin Kopfschutz.
- Sportpsychologe Chris Willis betont die enormen mentalen Herausforderungen und die Bedeutung eines stufenweisen, realistischen Comebacks nach Kopfverletzungen.
- Der Kopfschutz dient als medizinische und mentale Unterstützung, wobei ein zu früher Wiedereinstieg das Risiko für Wiederverletzungen erhöht.
Es war kein gewöhnliches Tor. Nicht für Mexiko, nicht für das Aztekenstadion, nicht für Raúl Jiménez. In der 67. Minute des WM-Eröffnungsspiels gegen Südafrika köpfelte der 35-Jährige zum 2:0 für Mexiko ein.
Ein emotionaler Moment, der nicht nur sportlich wichtig war, sondern auch eine andere Ebene birgt: Jiménez traf mit jenem Körperteil, der ihn vor fast sechs Jahren beinahe die Karriere, womöglich auch das Leben gekostet hätte.
Lebensgefährlicher Zusammenstoß
Seit seiner Rückkehr trägt Jiménez auf dem Platz einen Kopfschutz, als sichtbare Erinnerung an einen schweren Unfall. Am 29. November 2020, damals spielte er für die Wolverhampton Wanderers, prallte er in einem Premier-League-Spiel gegen Arsenal bei einem Eckball mit David Luiz zusammen. Beide gingen zum Kopfball hoch, beide trafen einander mit voller Wucht am Kopf.
Jiménez blieb regungslos liegen, wurde auf dem Spielfeld erstversorgt, bekam Sauerstoff und wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Diagnose: Schädelbruch. In London wurde er operiert. Später sagte er in Interviews, die Ärzte hätten ihm erklärt, dass sein Überleben ein großes Glück gewesen sei. Der Bruch war mit einer Blutung im Schädelinneren verbunden; der Druck auf das Gehirn machte die OP notwendig.
Sportlich fehlte Jiménez monatelang. Er durfte zunächst nicht normal mit der Mannschaft trainieren und spielte erst im August 2021 wieder ein Pflichtspiel. Seit seiner Rückkehr trägt er ein gepolstertes Schutzband am Kopf. Es soll die verletzte Stelle bei Kontakten zusätzlich schützen und begleitet ihn seither auf dem Platz.
Doch gerade bei solchen Comebacks greift es zu kurz, nur über Operation, Reha und medizinische Freigabe zu sprechen. Es geht auch um den mentalen Aspekt.
Rückkehr oft schwierig
„Mental ist das schon ein enormer Aufwand“, sagt Chris Willis, Sportpsychologe und Klinischer Psychologe. Er leitet die Ausbildung von Sportpsychologinnen und Sportpsychologen im deutschsprachigen Raum. Wie schwierig die Rückkehr nach einer Kopfverletzung ist, hänge zunächst vom Schweregrad ab: von leichten Schädel-Hirn-Traumata bis zu massiven Verletzungen wie bei Jiménez.
Gerade im Fußball seien Kopfverletzungen ein besonderes Thema. Willis verweist darauf, dass leichte Schädel-Hirn-Traumata früher oft unterschätzt wurden. „Man ist im Fußball schon froh, wenn das überhaupt richtig diagnostiziert wird“, sagt er. Bei leichteren Verletzungen bestehe die Schwierigkeit oft darin, sie nicht zu ignorieren, sondern ernst zu nehmen.
Das klingt banal, ist im Spitzensport aber ein Problem. Fußballer stehen unter hohem Konkurrenzdruck, wer pausiert, riskiert seinen Platz. „Zuerst versucht man, den Platz in der Mannschaft zu ergattern. Dann versucht man, diese Position zu erhalten“, sagt Willis. Eine Kopfverletzung bedeute Pause – und damit die reale Möglichkeit, dass ein Konkurrent den eigenen Platz einnimmt.
Die erste mentale Hürde sei deshalb oft nicht Mut, sondern die Einsicht: sich die Verletzung einzugestehen, nicht zu früh weiterzumachen, eine Pause zu akzeptieren.
Psychologisches Verletzungsmanagement
Bei schweren Verletzungen wie im Fall Jiménez reicht das nicht. „Da braucht es in der Regel unbedingt ein sportpsychologisches Verletzungsmanagement“, sagt Willis. Eine solche Verletzung sei psychisch herausfordernd – auch deshalb, weil die Rückkehr nicht nur vom Willen des Spielers abhängt, sondern von medizinischer Sicherheit, Reha-Verlauf, Rückschlägen und der Frage, ob eine Rückkehr überhaupt sinnvoll ist.
Warum Rückschritte eingeplant werden müssen
Sportliche Comebacks werden gerne als gerade Linie erzählt: Unfall, Operation, Reha, Rückkehr. In der Praxis verlaufen sie selten so. Nach schweren Verletzungen brauche es daher ein realistisches Zielsetzungsmanagement, sagt Willis. Entscheidend sei nicht nur, welche Ziele man sich in der Reha setzt, sondern auch, was passiert, wenn es schwieriger wird als geplant.
„Es geht also auch darum, was man macht, wenn es Rückschritte gibt“, sagt Willis. Nach seiner Erfahrung kommen Athletinnen und Athleten mit Krisen in der Reha besser zurecht, wenn sie ein solches Management in Anspruch nehmen. Sie seien stabiler im Umgang mit Rückschlägen, hätten oft einen besseren Reha-Verlauf und eine günstigere Prognose beim Wiedereinstieg.
Bei Jiménez war dieser Wiedereinstieg besonders sensibel. Denn seine Verletzung war ausgerechnet bei einem Kopfballduell passiert – also in einer Situation, die für einen Stürmer Teil des Berufs ist.
Jiménez erzählte später in Interviews, dass er keine klare Erinnerung an den Zusammenstoß hatte. Er ließ sich Videos aus verschiedenen Perspektiven zeigen, um zu verstehen, was passiert war. Auch seinen ersten Kopfball nach der Verletzung beschrieb er als vorsichtig: Er sei nervös gewesen, aber nicht panisch. Nach dem ersten Versuch habe er gemerkt, dass nichts passierte; der nächste Kopfball sei schon natürlicher gewesen.
Nicht sofort wieder mutig sein
Willis betont, dass es nach einer solchen Verletzung nicht darum geht, sich sofort wieder maximale Entschlossenheit zu verordnen. Im Gegenteil. „Der größte Fehler ist, wenn man sich selbst einredet oder das Umfeld einem einredet, man müsse jetzt wieder mutig sein und mit 100 Prozent in die Spielsituationen hineingehen. Das wäre falsch.
Stattdessen brauche es einen stufenweisen Aufbau. Willis unterscheidet mehrere kritische Phasen: erst die Reha, dann den Eintritt ins sportartspezifische Training, schließlich den Wiedereinstieg in den Wettkampfzyklus. Gerade diese letzten beiden Phasen seien besonders wichtig. Dort müsse der Spieler lernen, wieder mit jenen Situationen umzugehen, in denen die Verletzung passieren könnte.
Im Fall eines Fußballers bedeutet das: nicht sofort wieder jede Kopfballsituation suchen, sondern sich über Trainings- und Spielsituationen langsam annähern. “Man muss sich sukzessive wieder herantasten", sagt Willis.
Das kann auch heißen, bestimmte Situationen zunächst zu vermeiden oder das eigene Spiel anzupassen. Für Außenstehende mag das nach Unsicherheit klingen, sportpsychologisch ist es eher das Gegenteil: ein realistischer Umgang mit dem Risiko.
“Dafür braucht es Mut, ehrlich zu sich selbst zu sein und das eigene Spiel den entsprechenden Risiken anzupassen", sagt Willis.
Der Kopfschutz als medizinische und mentale Hilfe
Jiménez’ Kopfschutz ist übrigens in erster Linie medizinisch begründet. Er soll die verletzte Region zusätzlich schützen und das Risiko bei erneuten Kontakten mindern.
Willis verweist hier auf ein häufiges Problem nach Verletzungen: Viele Athleten steigen zu früh und zu intensiv wieder ein. “Bis zu 50 Prozent der Wiederverletzungen entstehen, weil Athleten zu früh wieder trainieren, zu intensiv wieder spielen und sich nicht die Zeit lassen, über Wettkampfeinsätze langsam das Vertrauen wieder aufzubauen", sagt er.
Sportpsychologisch bedeutet Rückkehr nach einer schweren Verletzung also nicht, dass die Angst nie wieder auftaucht. Sondern vielmehr, Risiko und Handlung wieder in ein Verhältnis zu bringen.
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