Wer schnarcht, merkt es meist gar nicht – andere können sich davon aber gestört fühlen.

© Getty Images/iStockphoto/invincible_bulldog/iStockphoto

Wissen Gesundheit
11/30/2020

Schluss mit dem Sägekonzert: Kommt jetzt die Anti-Schnarch-Pille?

US-Forscher dokumentieren vielversprechende Effekte. Unbeteiligte Experten sind skeptisch.

von Marlene Patsalidis

Es kann einen zur Verzweiflung, fallweise sogar zur Weißglut treiben: Ohrenzerreißendes Schnarchen lässt in vielen Schlafzimmer nachts förmlich die Wände wackeln. Die Brummlaute können eine Lautstärke von bis zu 80 Dezibel (wie schleudernde Waschmaschine) erreichen. Für den zum Lauschen gezwungenen Partner bedeutet das Stress und unruhige Nächte. Für den Verursacher der Geräuschkulisse kann das Schnarchen ebenso zum Problem werden.

Experimentelle Ansätze zur Behandlung von obstruktiver Schlafapnoe, einer der Hauptursachen für dauerndes Schnarchen, verfehlten bisweilen ihr Ziel. Tests mit einer neuen Anti-Schnarchpille lassen Experten nun hoffen. Schlafmediziner des Brigham and Women's Hospital erprobten das Präparat aus zwei zugelassenen Wirkstoffen an 20 Probanden. Ihre Ergebnisse präsentierten sie kürzlich bei einem Kongress in Paris.

Was passiert bei obstruktiver Schlafapnoe im Körper – und was verursacht das nasale Gedröhne? "Im Schlaf erschlafft die obere Atemwegsmuskulatur", erklärt Dietmar Thurnher, Vorstand der Uni-Klinik für HNO-Heilkunde in Graz. Es kommt zur Einengung des Atmungstrakts, was das Schnarchen auslöst. Wobei nicht jedes Schnarchen Ausdruck von obstruktiver Schlafapnoe ist: "Man kann auch wegen einer behinderten Nasenatmung bei Schleimhautschwellungen durch Atemwegsinfekte oder Allergien schnarchen."

Wer aber umgekehrt am obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom leidet, der schnarcht auch. Je tiefer man schläft, umso schlaffer wird die Rachenmuskulatur, die irgendwann vollständig kollabiert. Man wacht – meist unbemerkt – auf, oft dutzende Male pro Nacht. "Die Atemwege gehen dann wieder auf, der Patient schläft wieder ein. Das kann die ganze Nacht so gehen und führt zu chronischer Müdigkeit." Bleibt das Syndrom unbehandelt, entsteht im Extremfall mit dem Anstieg des Blutdrucks im Lungenkreislauf eine schwerwiegende Erkrankung: die pulmonale Hypertonie.

Absetzen

Das Abgewöhnen von Rückenschlaf (Schnarchrucksack) oder Zahnschienen lindern Schnarchen, ebenso wie eine Reduktion von Übergewicht.

Aufsetzen

Atemmasken, die Luft entgegenblasen, verhindern ein Zusammensacken der Rachenmuskulatur, werden aber oft als unangenehm empfunden.

Einsetzen

Ein Zungenstimulatorimplantat, das die Vorwärtsbewegung der Zunge stimuliert, kann zur Öffnung der Atemwege beitragen, ist aber kostspielig.

Therapie mit Tücken

Die Bostoner Wissenschafter setzten auf die Gabe eines Wirkstoff-Duos: Atomoxetin, das zur Behandlung von ADHS zugelassen wurde, und Oxybutynin, einem Wirkstoff, der für die Therapie von häufigem Harndrang, Inkontinenz und übermäßigem Schwitzen eingesetzt wird. Gemessen wurde der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI), er gibt Aufschluss über die Anzahl von Atemaussetzern und Phasen mit vermindertem Atemfluss pro Stunde Schlaf, die Aufwachhäufigkeit sowie die Sauerstoffsättigung.

Auf Ersteres und Letzteres hatte die Arznei im Vergleich zum Placebo positive Effekte: der AHI sank deutlich, die Sauerstoffsättigung stieg. Keine Wirkung zeigte sich beim unbewussten Erwachen – die Zahl der Schlafunterbrechungen blieb hoch. Sollten sich die Effekte in größeren Studien bestätigen, könnte die Medikation Betroffenen unbehagliche bestehende Behandlungsmöglichkeiten ersparen, so die Autoren.

Thurnher sieht die Erhebung kritisch: Die Aussagekraft sei beschränkt, "weil es sich um eine einzige Studie mit nur 20 Probanden handelt, die das Medikament nur einmal bekommen haben". Unklar sei zudem das Nebenwirkungsprofil der Wirkstoffkombination. "Es ist nicht vorhersagbar, welche Nebenwirkungen bei täglichem Gebrauch auftreten würden." Durch das Präparat wurde zwar die Sauerstoffsättigung verbessert, "die Patienten sind aber gleich oft aufgewacht".

Beim Gros der Patienten mit obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom besteht Übergewicht. Weil die Rate der Menschen mit Übergewicht zunimmt, steigt auch jene der davon Betroffenen. "Bis zu neun Prozent der Österreicher sind im Laufe ihres Lebens Kandidaten dafür." Bevor obstruktive Schlafapnoe therapiert wird, müssen anatomische Ursachen (schiefe Nasenscheidewand, zu langes Gaumensegel) abgeklärt und etwaig chirurgisch behoben werden.

Die neue Arznei könne man derzeit jedenfalls nicht empfehlen, betont Thurnher: "Aber ich lasse mich gern von weiteren Studien mit valideren Daten überraschen."

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.