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Biologisches Alter: Forschende finden die ideale Schlafdauer heraus

Große Datenauswertung liefert Hinweise auf Zusammenhänge zwischen der Schlafdauer und dem biologischen Alter. In einer Zeitspanne verlief die Alterung am langsamsten.
Das Bild zeigt eine schlafende Frau, vor ihr ein Wecker mit der Uhrzeit 6 Uhr.

Die Österreicherinnen und Österreicher schlafen unter der Woche 7,2 Stunden pro Nacht, am Wochenende eine Stunde länger. Das ergab kürzlich eine große IMAS-Studie. Und damit liegen sie im optimalen Bereich, was die Alterung ihrer Organe betrifft. Zumindest wenn es nach den Ergebnissen einer neuen Studie geht, die von einem Forschungsteam der renommierten Columbia-University durchgeführt wurde. Demnach hat das Ausmaß des Schlafs eine Auswirkung auf die Alterung einzelner Organe - ob diese rascher oder langsamer verläuft.

Frühere Studien hätten gezeigt, dass die Schlafdauer in hohem Maße mit dem Altern und einer krankhaften Belastung des Gehirns zusammenhängt, wird der Studienleiter und Radiologe Junhao Wen von der Columbia Universität in New York in einer Aussendung zur Studie zitiert. Sie ist im Fachjournal Nature erschienen. Chronische Schlafprobleme können die Alterung des Gehirns um bis zu 3,5 Jahre beschleunigen, ergab eine andere Studie im Vorjahr. 

"Unsere Studie geht noch einen Schritt weiter und zeigt, dass sowohl zu wenig als auch zu viel Schlaf mit einer rascheren Alterung fast aller Organe verbunden ist." Dies unterstütze die Annahme, dass "der Schlaf eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der Gesundheit der Organe in einem koordinierten Gehirn-Körper-Netzwerk spielt". Dazu zähle auch der Einfluss auf ein Gleichgewicht der Stoffwechselfunktionen sowie auf ein gesundes Immunsystem.

Wie "Altersuhren" das biologische Alter ermitteln

In den vergangenen Jahren sind sogenannte "Altersuhren" immer populärer geworden, um zu bestimmten, wie alt ein Mensch aus biologischer Sicht ist. Dieses wird stark von Einflüssen wie etwa der Ernährung oder anderen Lebensstilfaktoren - z.B. dem Zigaretten- oder Alkoholkonsum -  beeinflusst und kann von dem kalendarischen Alter deutlich abweichen. 

Die bekanntesten Altersuhren basieren auf sogenannten "DNA-Methylierungsmustern". Methylierungen sind chemische Veränderungen am Erbgut (DNA), die mit zunehmendem Alter häufiger werden. Diese Methylierungen werden im Körper präzise geregelt, aber während des gesamten Lebens kommt es auch zu zufälligen Veränderungen in den Methylierungsmustern. 

Mit steigendem Alter häufen sich solche zufälligen Veränderungen. An der Zunahme und der Art der Veränderungen lässt sich dann das biologische Alter eines Menschen ablesen. Dafür sind Blutproben notwendig, mit modernen biochemischen Methoden können dann die Methylierungsmuster bestimmt werden.

Die meisten Altersuhren messen die Alterung des gesamten Körpers. Organe altern aber in unterschiedlichen Geschwindigkeiten - ein Beispiel dafür sind etwa die Eierstöcke, die in bestimmten Fällen besonders rasch altern können.

Schlaf als entscheidender Faktor für das biologische Alter

"Jeder ist begeistert von diesen Altersuhren und ihrer Fähigkeit, Krankheiten und das Sterberisiko (innerhalb eines bestimmten Zeitraums, Anm.) vorherzusagen", sagt Wen. "Aber für mich die spannendere Frage ist, können wir diese Altersuhren mit einem Lebensstilfaktor verknüpfen, der rechtzeitig verändert werden kann, um das Altern zu verlangsamen?"

Wen wollte untersuchen, ob der Schlaf ein solcher aussagekräftiger Faktor sein kann: "Ich selbst habe einen leichten Schlaf und habe mir Sorgen über die Auswirkungen auf mich selbst gemacht", sagt Wen. 

Das Forschungsteam griff auf die Gesundheitsdaten einer halben Million Menschen zu, die in der UK Biobank gespeichert sind. Er nützte überdies eine Vielzahl an Datenquellen, um ganz bestimmte Signaturen für die Alterung einzelner Organe zu bestimmen - Stoffwechsel- oder Proteindaten etwa, aber auch die Auswertung von Daten aus verschiedenen Verfahren der Bildgebung.

Welche Zusammenhänge zwischen Schlaf und Alterung sich zeigten

Auf diese Weise entwickelten die Forschenden 23 Altersuhren für 17 verschiedene Organsysteme. Anschließend bewerteten sie die Zusammenhänge zwischen der Schlafdauer einer Person und ihrem biologischen Alter. Und dabei zeigte sich folgende Zusammenhänge:

  • Sowohl kurzer Schlaf (weniger als 6 Stunden) als auch langer Schlaf (mehr als 8 Stunden) waren mit schnellerem Altern verbunden. Das Risiko für einen frühzeitigen Tod und früheres Auftreten altersbedingter Erkrankungen war dadurch erhöht.
  • Das geringste Ausmaß an Alterung trat bei Menschen auf, die angaben, zwischen 6,4 und 7,8 Stunden Schlaf pro Tag zu bekommen - der österreichische Durchschnittswert von 7,2 Stunden fällt also genau in diesen Bereich..
  • Die Studienautoren betonen, dass es nicht die Schlafdauer allein ist, die dazu führt, dass Organe schneller oder langsamer altern. Aber die Daten deuten daraufhin, dass sowohl wenig als auch viel Schlaf ein Hinweis für eine schlechtere allgemeine Gesundheit sein könnten.
  • Und sie betonen auch: Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass die Zeitspanne von sechs bis acht Stunden für jeden Menschen die optimale Schlafdauer ist. 

Und diese Zusammenhänge fielen besonders auf:

  • Kurzer Schlaf trat signifikant häufiger bei depressiven Episoden und Angststörungen auf. Allerdings bleibt unklar, ob die Schlafdauer auch die Entstehung von Depressionen beeinflusst oder ob bestehende Depressionen die Schlafdauer beeinflussen. Eine spezielle Analyse im Rahmen der Studie zeigte aber, dass kurzer Schlaf sich direkt auf die Krankheitslast von späten Depressionen im Leben auswirken könnte. Aber auch langer Schlaf könnte - über einen anderen Mechanismus - Depressionen im fortgeschrittenen Lebensalter beeinflussen.
  • Außerdem war kurzer Schlaf mit massivem Übergewicht (Adipositas), Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herzkrankheiten und Herzrhythmusstörungen assoziiert.
  • Sowohl kurzer als auch langer Schlaf waren auch häufiger bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, Asthma und einer Reihe von Erkrankungen des Verdauungssystems, wie Gastritis oder Sodbrennen.

Insgesamt kam die Studie zu dem Ergebnis, dass sowohl zu wenige als auch zu viele Stunden Schlaf die Alterung nicht nur des Gehirns, sondern auch anderer Organe wie Herz, Lunge oder das Immunsystem beschleunigen können und mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung stehen. 

Die Ergebnisse untermauern jedenfalls eine vielversprechende Hypothese: Eine Anpassung der Schlafdauer könnte ein praktikabler Weg sein, das Risiko für altersbedingte Erkrankungen zu senken, sagt Abigail Dove, Neuroepidemiologin am Karolinska-Institut in Stockholm, in einem Nature-Begleitartikel zu der Studie. Sie selbst war nicht an der Studie beteiligt.

„Schlaf wirkt sich auf jedes Organ des Körpers aus“, sagt sie. „Und Schlaf lässt sich bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Dies ist Mittel, das helfen könnte.“

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